Fashion Film FestivalEin stilvolles Kind des Internets

Viele Modehäuser produzieren nun auch künstlerische Videos fürs Netz. In Barcelona wurden die besten Modefilme auf einem eigenen Festival prämiert. von 

Ein Standbild aus dem Modefilm "Tutti Frutti" von der Fotografin Ellen von Unwerth

Ein Standbild aus dem Modefilm "Tutti Frutti" von der Fotografin Ellen von Unwerth  |  © ASVOFF Barcelona

Eine Villa am Londoner Hydepark. Eine Frau, Ende 40, tritt ein. Die Kamera folgt ihr. In einer mit Stilmöbeln bestückten Wohnung erwartet sie ihr Mann, gleiches Alter, Glatze und ein wenig untersetzt. Statt einer Unterhaltung ist ein Rhythmus zu hören, der sich vom Herzschlag langsam ins Tanzbare steigert. Sie nimmt Schmuck aus einer eleganten Papiertüte: eine stilisierte Krawatte als Kette, Ringe, Ohrringe. Die Einkäufe wirken anregend auf das Paar: Sie zieht ein Latexkleid aus dem Schrank, er einen pinkfarbenen Revue-Fummel, Unterwäsche fliegt, es folgt ein wilder Tanz mit ekstatisch zuckenden Schultern um die Stilmöbel, Sex liegt in der Luft, der Rhythmus pumpt. Und plötzlich, plopp, sind sie vom Teppichboden verschluckt. Stille, Ende, Abspann.

Ephemeral Nature , frei übersetzt "Von flüchtigem Wesen", heißt der Film des 25-jährigen Gsus Lopez. In sechs Minuten zeigt er seine Vision davon, was bei einem wohlhabenden Londoner Ehepaar hinter verschlossenen Türen geschehen könnte. Nebenbei macht Lopez’ Video auch Werbung für die Schmuckfirma Displexia Art & Jewellery, aber nicht in erster Linie. Es ist kein Werbespot, sondern ein Kurzfilm in dem das product placement einfach nicht versteckt wird. Das Produkt ist gewissermaßen die raison d’être des Films, der Ausgangspunkt, um den die Geschichte kreist. Und die fand die Jury des Internationalen Kurzfilmfestivals für Mode und Film in Barcelona so überzeugend, dass sie Ephemeral Nature am Mittwoch als besten Beitrag ausgezeichnet hat.

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Es kann nun gut sein, dass Lopez demnächst für Prada , Chanel oder eine etwas jüngere Marke wie Stella McCartney Kurzfilme dreht. Oder für die Webseite von Modeheften wie Another Magazine oder Purple . Oder ein Modefotograf heuert ihn an, damit bei dessen Fotoproduktionen gleich noch ein Film für den Auftraggeber herausspringt. Junge Talente wie Lopez, die das Medium Film beherrschen, sind begehrt in der Modebranche. Nach mehr als einem Jahrhundert, in dem die Fotografie der visuelle Kommunikator der Mode war – und lange nachdem beispielsweise die Musikindustrie die Suggestivkraft eindringlicher Bewegtbilder für sich zu nutzen gelernt hat –, ist auch die notorisch konservative Modebranche im Umbruch.


Die Verbreitungsmöglichkeiten des Internets machen den Modefilm zu einer attraktiven Alternative zur Fotografie. Wenig überrascht es da, dass es eine Modebloggerin war, die dem neuen Genre zur Prominenz verholfen hat: Das Modefilmfestival in Barcelona läuft unter dem Namen von Diane Pernets Blog A shaded view on Fashion (ASVOF) . 2008 veranstaltete sie in Paris zum ersten Mal das ASVOF-Film-Festival, seither tourt sie damit durch die Modestädte der Welt. Die Zahl der eingesandten Festivalbeiträge habe sich inzwischen verdoppelt, sagt Pernet. Auf der ASVOF-Film-Website tummelt sich, was in Fotografie, Mode, Kunst und Musik einen Namen hat: Bryan Adams lässt den Schauspieler Danny Tejo gangsterhaft Zwiebeln schneiden , die Brillenmarke Oliver Peoples filmt den Folksänger Devendra Banhart beim Schaumbad mit seiner Modelfreundin , und die Briten von House of Holland parodieren in ihrem Spot für den Winter 2011 höchst vergnüglich biederes Shopping-TV .

Pernet schafft mit Website und Festival einen Überblick über das, was da an der Grenze zwischen Werbung und Filmkunst wächst. Der Modefotograf Nick Knight und sein Londoner ShowStudio beherrschen die Spitze des neuen Metiers. Zumindest bislang. Knight hat früh das Potenzial videofähiger Digitalkameras erkannt und gehörte zu den ersten, die bei Fotoshootings Modefilme mitproduzierten. Er ordnet den Modefilm einer größeren Trendwende zu: Designermode kommt langsam aus ihrer exklusiven Nische heraus und erreicht ein viel breites Publikum. Wenn es nach ihm geht, soll nicht nur das Töchterchen aus reichem Pariser Hause an Haute Couture und Prêt-à-Porter teilhaben können, sondern auch die Bankkauffrau am norwegischen Fjord – zumindest via Computerbildschirm.

Dort kann sie beispielsweise den ebenfalls in dieser Woche in Barcelona ausgezeichneten Film La Taille der ShowStudio-Redakteurin Marie Schuller sehen. Er erkundet die weibliche Hüfte als Achse des Körpers und zeigt Kleider verschiedener Designer an einem Model, das sich wie eine Spieluhrfigur auf der Stelle dreht. Detailverliebte Hochglanzbilder, perfekt beleuchtet, nachbearbeitet und hundertprozentig auf die Mode fokussiert, das sind die Filme von ShowStudio.

Leserkommentare
  1. interessant und schön anzuschauen.

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  • Schlagworte Film | Festival | Kurzfilm | Mode | Nadja Auermann | Stella McCartney
  • Models present creations from the Felder & Felder Autumn/Winter 2013 collection during London Fashion Week, February 15, 2013. REUTERS/Olivia Harris (BRITAIN - Tags: FASHION)

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