Fashion Week BerlinFreigeister der Mode

Nein, eine klare Linie hatte die Modewoche auch diesmal nicht. Dafür ist sie frei von strengen Hierarchien und endlich auch wirtschaftlicher Nährboden für Designtalente. von 

Ein Besucher der Fashion Week auf der Straße des 17. Juni in Berlin

Ein Besucher der Fashion Week auf der Straße des 17. Juni in Berlin  |  © Adam Berry/Getty Images

Wenn man über die zehnte Berliner Fashion Week schlenderte, konnten fast nostalgische Gefühle aufkommen: Was waren das einst für wilde Zeiten, als im Zelt noch Designer ihren Auftritt hatten, von denen man vorher noch nie gehört hatte (und danach nie mehr etwas hörte). Als Johanna Kühl und Alexandra Fischer-Roehler von Kaviar Gauche ihre Models nur mit ihren Taschen bekleidet auf den Laufsteg schickten und Michael Michalsky sein Defilée in einer Kirche abhielt. Als alles also noch etwas semiprofessionell und schrill zuging und jede Saison darüber geunkt wurde, es sei schon wieder nicht gelungen, große Marken nach Berlin zu locken und überhaupt sei bestimmt bald Schluss mit der Fashion Week. Die Zeiten, als kaum eine Frauenzeitschrift eine Redakteurin nach Berlin schickte, um über die Schauen zu berichten.

Nach nicht einmal fünf Jahren ist die Berliner Modewoche ein Spektakel geworden, das zusammen mit den Messen Bread & Butter und Premium und verschiedenen Kleinmessen die Hotels in der Hauptstadt füllt. Und obgleich außer Hugo Boss immer noch kein internationales Modehaus seine Kollektion zeigte und sogar die Traditionsmarke Strenesse diesmal fernblieb, stellt kaum wer die Modewoche noch infrage. Die Diskussion, ob Berlin nun eine Modestadt sei, hat sich offenbar erledigt. Es tut sich einfach viel zu viel in Berlin, als dass es eine Rolle spielen würde, ob man hier große Labels zu Gesicht bekommt oder nicht.

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Unter dem Dach der Berlin Fashion Week findet der Minimalismus eines Hien Le , der eine bürotaugliche Version des Blaumann-Overalls präsentierte, genauso Platz wie die Style Nite des nie ganz verstandenen Multi-Designers Michael Michalsky, bei dem die Tänzerinnen des Friedrichstadtpalastes mit Handschuhen und Mützen der Münchner Marke Roeckl auftanzten und Frida Gold sang.

Blauer Overall von Hien Le

Blauer Overall von Hien Le  |  © Gareth Cattermole/Getty Images

Mittlerweile ist klar, dass sich die Modewoche eben kein unverwechselbares Profil geben wird, mit dem sie sich zwischen Paris , Mailand und New York einreihen wird. Sie ist einfach ein großer Zirkus mit einem Zelt, das von Mercedes Benz gestiftet wird. Unvergleichbar mit den internationalen Modemetropolen, weil die Partys wilder, die Labels kleiner und die Besucher bunter sind.

Die strengen Hierarchien, an denen manche in der Modebranche ihr ganzes Leben lang feilen, funktionieren hier nicht. Bei einer Schau der Berliner Modewoche kann es passieren, dass ein arrivierter Modekritiker neben einem C-Promi, neben einer Bloggerin, neben einem schrill aufgetakelten Modestudenten sitzt — und alle in der ersten Reihe. In der Hauptstadt wird einfach alle sechs Monate wieder eine Mode-Ursuppe angerührt, aus der immer wieder etwas Neues entsteht.

Vielversprechendes von Augustin Teboul und Achtland

Und das Neue wird immer besser. Die Berliner Modewoche ist nun so groß, dass Designtalente sie als Bühne wählen, die vor einigen Jahren noch nach Paris oder Antwerpen gegangen wären. Zum Beispiel das deutsch-französische Duo Augustin Teboul . Annelie Augustin und Odély Teboul fertigen düsterromantische Kleider in tiefschwarz, in denen sich Häkelei mit transparenten Stoffen und Perlenschmuck mischt. Vor ihren Kreationen steht man wie vor Kunstwerken und noch bevor man sie verstanden hat, spürt man, wie gerührt man von ihnen ist. Vielversprechend ist auch das Berliner Label Achtland von Oliver Lühr und Thomas Bentz, die schlichte Oberteile aus Kaschmir und Seide mit aufwändig geprägten Lederröcken und -jacken kombinieren. Endlich ist Berlin der Boden, auf dem solche Mode wachsen kann.

Vor einigen Jahren gab es die Voraussetzungen dafür noch nicht. "Ein Schlüssel zu unserem Erfolg war sicherlich, dass wir unsere Mode zuerst im Ausland zeigen und verkaufen", sagte Johanna Kühl von Kaviar Gauche nach ihrer Show, in der sie schwarze Kleider mit Hochzeitsroben konterte, die aus hunderten von Tüll-Läppchen genäht waren. Heute hat Kaviar Gauche zwei Läden in Berlin und plant einen dritten in einer anderen deutschen Großstadt.

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    • Schlagworte Berlin | Mode | Michael Michalsky | Joop | Mercedes-Benz | Antwerpen
    • Models present creations from the Felder & Felder Autumn/Winter 2013 collection during London Fashion Week, February 15, 2013. REUTERS/Olivia Harris (BRITAIN - Tags: FASHION)

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