Regenjacken im Partnerlook, seltsam gemusterte Strickpullover und Cordhosen, deren Bund den Bauchnabel verdeckte: Wer andere danach fragt, wie der Kleidungsstil der Eltern denn so war, erhält in etwa diese Eckdaten. Die Konsequenz daraus war die radikale optische Abgrenzung im Teenageralter. Wer trug nicht zerrissene Jeans, kurze Röcke und wilde Haare, um bloß nicht so auszusehen wie die eigenen Erzeuger.

Doch was bisher für jede Generation ein Grund zur modischen Rebellion war, scheint sich ins Gegenteil zu verkehren. Auf Blogs mit Namen wie My Mom, Style Icon oder My Parents Were Awesome zeigen Töchter und Söhne voller Stolz Fotos ihrer Eltern. Es sind alte Aufnahmen, entstanden in den sechziger, siebziger und achtziger Jahren, als die Eltern noch jung waren. Sie trugen Minikleider und Lederjacken, Chinohosen und runde Sonnenbrillen. Und sie sahen gut aus, ziemlich gut sogar. Glaubt man diesen Blogs, ist ihr Look nicht mehr peinlich und uncool, sondern hip und inspirierend. Mama und Papa sind neue Stilvorbilder.

Das erste Blog dieser Art gründete Piper Weiss. Sie ist Moderedakteurin beim US-Onlinemagazin Yahoo Shine und hatte, wenn es in ihren Artikeln um Stilikonen ging, über Audrey Hepburn oder Grace Kelly geschrieben. Bis sie ein altes Fotoalbum ihrer Eltern entdeckte und in dem jungen Mädchen mit den Schlaghosen und den bunten Kaftanen ihr ganz eigenes Vorbild fand: "Mir war zwar klar, dass meine Mutter eine Vergangenheit hatte, aber nicht, dass sie so gut ausgesehen hat." 2009 entstand aus den Bildern das Blog My Mom, Style Icon . Und als Weiss daraufhin viele ähnliche Fundstücke von anderen Töchtern zugeschickt bekam, wurde aus dem Blog ein Buch.

Cover des Buchs "My Mom, Style Icon" © 2011 by Piper Weiss

Das Gegenstück dazu entwarf Brad Getty mit seinem Blog Dads are the Original Hipsters . Dort zeigt er Väter in Skinny Jeans, mit Nerdbrillen und auf Fahrrädern. Hätten die Bilder nicht einen leichten Gelbstich, könnte man fast meinen, sie seien vor ein paar Tagen in Berlin Mitte geschossen worden. Auf die Idee für das Blog kam Getty durch den Schnauzer seines Vaters: "Er war unglaublich füllig und nahm die komplette Oberlippe ein, fast so wie bei Ned Flanders von den Simpsons." Als Kind hatte er sich darüber ebenso lustig gemacht wie über die tief ausgeschnittenen, weißen T-Shirts und die Spiegelreflexkamera um den Hals. Heute trägt Getty selbst einen Schnauzer, die T-Shirts und die Kamera.

Dass die Mode einen Stil oder ein Kleidungsstück aus einer vergangenen Dekade wieder aufleben lässt, ist nichts Neues. Schlaghosen haben mindestens schon fünf Comebacks hinter sich, Schulterpolster sind wieder tragbar und große Kastenbrillen werden von Menschen mit völlig intakter Sehkraft getragen. Seit der Begriff Secondhand durch Vintage ersetzt wurde, sind Flohmärkte überlaufen und selbst Kinderwagen, Radios und Foto-Apps für Smartphones werden im Retro-Look produziert. Vor zwei Jahren inspirierte die amerikanische TV-Serie Mad Men mit ihrer Sechziger-Jahre-Anmutung Designer wie Miucca Prada oder Marc Jacobs . Die Vergangenheit ist längst zum Dauertrend geworden.

Blogger Bred Getty als kleiner Pirat auf dem Schoß seines Vaters © Bred Getty

Dass nun plötzlich die verstaubten Fotoalben der Eltern hervorgekramt werden und die alten Bilder daraus als Stilvorlage dienen, liegt wohl vor allem an der Authentizität der Bilder. In Magazinen, TV-Serien und Werbekampagnen mögen zwar die gleichen Kleidungsstücke abgebildet sein, die schon vor 20 Jahren getragen wurden. Doch es sind nur schnell produzierte Remakes, präsentiert an makellos retuschierten Körpern, verkauft in großen Mengen. Sich damit zu identifizieren, fällt schwer. Was die Eltern dagegen früher trugen, wurde selbst genäht oder als Erbstück weitergegeben und ist mit persönlichen Geschichten aufgeladen. Der Blick auf die alten Fotos stillt für einen Moment die Sehnsucht nach Qualität, Echtheit und Entschleunigung.

Oder wie Eliot Glazer es ausdrückt: Die Sehnsucht "nach Wärme im großen, kalten Internet." Er gründete das Blog My parents were awesome und bekam wie Weiss so viele Fotos zugeschickt, dass auch er ein Buch daraus machte. Unter den Bildern erzählen die Einsender kleine Geschichten aus dem Leben ihrer Eltern, manchmal sind es wahre Liebeserklärungen. Rebellion, Protest oder Hohn? Keine Spur. Die Blogs zeigen vielmehr, wie sich die Beziehung zwischen den Generationen verändert hat. Strenge Familienhierarchien gibt es nicht mehr, klassische Rollenverteilung kaum noch. Das Verhältnis ist freundschaftlich geworden. Wie die eigenen Erzeuger auszusehen, ist daher vollkommen okay.