Fashion Week Berlin Eine Frau mit Konzept

Alexandra Kiesel gewann 2011 den Nachwuchspreis "Designer for Tomorrow". Bei der Modewoche zeigt die Designerin jetzt ihre erste Kollektion: farbenstark und tragbar.

Alexandra Kiesel nach der Präsentation ihrer Kollektion "Baukasten Individualisten 6/12/24" im Juli 2011

Alexandra Kiesel nach der Präsentation ihrer Kollektion "Baukasten Individualisten 6/12/24" im Juli 2011

Als Schülerin trug Alexandra Kiesel sonnenblumengemusterte Hosen zum rasierten Schädel. Das lag an den Nazis in ihrem Heimatort Hausdorf bei Leipzig. Die gingen der heute 29-Jährigen so gegen den Strich, dass sie mit dem, was sie trug, Kontra geben wollte. "Ich konnte auch ganz gut argumentieren, aber davor konnte die Kleidung schon mal klar machen, wo man steht", sagt Kiesel und fährt sich verlegen durch den dunkelbraun gelockten Haarschopf, der an den Seiten zwar nicht mehr abrasiert, aber noch immer kurz geschnitten ist.

Es waren diese rebellischen Momente in der Jugend, die entschieden haben, dass Kiesel auch 15 Jahre später noch mit dem Mittel der Mode ihren Standpunkt klarmacht. Jetzt sitzt sie auf einem Sofa in einer ausgebauten Industrieetage in Berlin Wedding und ist froh, dass die Anprobe für ihre erste Laufstegkollektion gut lief: "Jedes Kleid hat ein Model gefunden und das Gesamtbild sieht gut aus."  Das ist wichtig für die Einsteigerin, wenn sie zum Auftakt der Berliner Fashion Week am Mittwochabend den Journalisten, Bloggern und Einkäufern ihre Mode präsentiert.

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Vor noch nicht ganz einem Jahr hat Kiesel ihre Ausbildung an der Berliner Kunsthochschule Weißensee abgeschlossen und bald darauf im Juli von Marc Jacobs den Nachwuchspreis Designer for Tomorrow überreicht bekommen. Für eine Kollektion, die den kryptischen Namen Baukasten Individualisten 6/12/24 trug, aber mit starken Farbkontrasten und klaren Formen äußerst zugänglich aussah. Das klare Designkonzept überzeugte den Louis-Vuitton-Designer und den Rest der von Peek & Cloppenburg eingesetzten Jury.

Seither habe sich nicht weniger als "alles" verändert, sagt Kiesel. Peek & Cloppenburg ermöglichte mit dem Preisgeld nicht nur die Anmietung eines eigenen Wohn-Ateliers in Berlin, sondern auch Reisen zur Stoffmesse Première Vision in Paris und nach New York, wo die Jungdesignerin Kiesel dem Stardesigner Jacobs in seinem Atelier über die Schulter schauen konnte. Diese Unterstützung im Rücken, die lebendigen Farben und den Aufbruchswillen der französischen Impressionisten im Kopf setzte sich Kiesel schließlich an die Nähmaschine.

Die Muster gestalteten Berliner Künstler

Allgäu, Karl und Grazia heißen nun einige der fertigen Entwürfe. Es ist laut Modekalender eine Winterkollektion, aber alles sieht sommerlich aus: helles Grün, viel Weiß, Rosé, Mint und Transparenz, dazu verspielte Drucke, die Szenen aus dem Vergnügungspark Plänterwald, Besteck, Köpfe oder Hände zeigen. Entworfen haben diese Muster sechs Berliner Künstler, mit denen Kiesel zum Teil gemeinsam in Weißensee studiert hat. Die Kollektion erinnert an die Schauen für die Sommer 2011 und 2012, während derer erst Miuccia Prada und später zum Beispiel Stella McCartney, Victoria Beckham oder der neue New Yorker Richard Chai ähnliche Drucke zeigten. Kiesel hat eine eigenständige Interpretation des Trends gefunden. "Ich wollte mich nicht von vornherein für eine Saison, für eine Schublade entscheiden, sondern wirklich machen, worauf ich Lust hatte", erklärt sie. Vor allem die Kooperation mit den Künstlern lag ihr am Herzen und dank des Preises hatte sie das Geld, den kostspieligen Textildruck auch zu bezahlen.

Auch in Zukunft will Kiesel mit Künstlern zusammenarbeiten. Ihr Baukastensystem – die Zahlen 6/12/24 verweisen auf Standardmaße von Schnittteilen, die sich verändern und kombinieren lassen – will Kiesel ebenfalls weiterverfolgen. Irgendwann soll es vielleicht eine Website geben, auf der sich die Kunden ihre Alexandra-Kiesel-Teile selbst zusammenstellen, und im März kommt eines ihrer Etuikleider bei Peek & Cloppenburg in den Verkauf. Ansonsten aber ist die Zukunft noch ein großes Fragezeichen für die Leipzigerin. Wie schon die Weißensee-Absolventen C.Neeon, Perret Schaad, Vladimir Karaleev und Michael Sontag und all die anderen, vielversprechenden Modetalente aus Berlin vor ihr steht Kiesel am Ende dieser Woche vor der großen Aufgabe, aus künstlerischem Talent ein funktionierendes Geschäft zu machen. 

Auf die Frage, wie und zu welchem Preis ihre bedruckten Kleider und blockgestreiften Hosenanzüge in ein paar Monaten in die Geschäfte kommen könnten, darauf hat Kiesel noch keine Antwort. Aber die wird sie finden. Sich zu behaupten hat sie schließlich schon in ihrer Jugend gelernt.

 
Leserkommentare
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