Herbstmode 2012 : Postmoderne Zeiten brechen an

In New York zeigen die Designer diese Woche eine Vorschau auf den Herbst. Das prägende Konzept: Endlich ein respektloser Umgang mit der Vergangenheit.

Bis kommenden Sonntag kann man sie noch besuchen. Die Ausstellung Postmodernism im Victoria & Albert Museum in London . Umfangreich befasst sie sich mit Design, Mode, Musik und Film zwischen 1970 und 1990. Jean-Paul Goudes Grace-Jones- Kollagen sind ausgestellt, ein Konzertausschnitt der Talking Heads wird gezeigt, dazu Plattencover von New Order, ein Kleid von Cinzia Ruggeri, der Consumer’s Rest Chair von Frank Schreiner, Filmausschnitte aus Blade Runner. Auf der Tafel am Eingang steht: In der Postmoderne steht nicht die Innovation im Mittelpunkt, sondern die neue Anwendung bereits vorhandener Ideen.

Bei den Präsentationen der Pre-Fall-Kollektionen – ein Synonym für "dem-Kunden-mehr-Kaufgelegenheiten-bieten" und eine gute Gelegenheit, zu sehen, wohin die Herbstmode 2012 gehen wird – diese Woche in New York hat man das wahnwitzige Gefühl, die Designer hätten zuvor alle die Londoner Ausstellung gesehen, so prominent ist die Idee des postmodernen Bricolage.

Riccardo Tisci präsentiert eine Kollektion, die, bevor der Herbst tatsächlich anmarschiert, schon im Juni an die Boutiquen geliefert wird, für die Tisci sich hat von Tisci inspirieren lassen. Er fasst das Beste der letzten sieben Jahre bei Givenchy zusammen, gibt ein bisschen Betty-Page-Silhouette dazu und lässt den französischen Reiterlook der siebziger Jahre einfließen. Tisci selbst nennt es Recycling.

Seine eklektische Modekollage löst, ganz im Sinn der Postmoderne, die Grenzen zwischen maskulin und feminin auf und vereint sogar beides in einer Silhouette. Sportswear wird mit Couture-Elementen kombiniert, Krokodilleder mit Tweed. Und ob Shorts, Minirock, knielanger Rock, lange Kleider oder Hosen: Zu allem werden Reiterstiefel getragen.

Kleid von Cinzia Ruggeri aus der "Postmodernism"-Ausstellung im Londoner Victoria & Albert Museum © V&A Images

Bei Balenciaga ist der Pullover rot und die Hose pink. Die Formen: weite Hosen, schmale Taille, weite Schultern, ausgestellter Kragen. Die Farben: rostrot, zitronengelb und braun, dazu gedrucktes Tierfell. Wenn man das alles zusammen sieht, will man kaum glauben, wie sensationell diese Kollektion ist. In New York zeigt Nicolas Ghesquière, was noch keiner vor ihm geschafft hat: Dass etwas wirklich Neues entstehen kann, wenn man den Stil der 1980er Jahre mit High-Tech-Stoffen und dem Blick für 2012 kombiniert. Jener Blick für die Materialien, Technologien und Kommunikationsmöglichkeiten des Heute, den längst nicht alle, ja eigentlich nur ganz wenige Modedesigner haben.

Bei Céline ist alles überdimensioniert und erinnert sofort an das Talking-Heads-Video aus dem Victoria & Albert Museum, in dem David Byrne diesen übergroßen roten Mantel trägt. Schon im ersten Céline-Mantel scheint das Model zu versinken, wobei die Schultern eng angepasst sitzen und die Hose drunter so schmal ist, dass es gut aussieht. Sie hat eine hervorragende Schnitttechnik, die Céline-Designerin Phoebe Philo. Bei einem der Hosenanzüge beispielsweise weist das Oberteil keine einzige Naht auf. Wie schon für die Sommerkollektion zeigt sie viel Leder, diesmal in Form von weiten Hosen, geschnitten wie Jogginghosen mit Gummibund. Ärmellose Pelztops werden über dem Pullover getragen und in der Taille zusammengeschnürte Pelzmäntel zu schmalen Seidenhosen kombiniert.

Mit Google in die Atacama-Wüste

Eine sportlich-polierte Kollektion zeigten die Lieblinge der New Yorker Modeszene, Lazaro Hernandez und Jack McCollough von Proenza Schouler. Ihre Inspiration war eine Reise in den Himalaya – per Google Earth. So entstand ein dekonstruierter Outdoor-Look mit Zweiteilern aus Tweed, Nylon und Neopren und an Windbreaker angelehnte Jacken, allerdings aus Seide. Auch Klassiker wie das Babydollkleid tauchten wieder auf und, genau, schöne 1980er Farbkombinationen: lila und schwarz, blau und grün, rot und orange. Und wieder gibt es nur einen Schuh dazu, schlichte schwarze Pumps.

Die Autorin

Jina Khayyer, geboren 1975, studierte am Bauhaus in Dessau Malerei und später Journalismus. Sie schreibt u.a. für ZEITmagazin, die französische Tageszeitung Libération, 032c und Gentlewoman. Seit 2006 lebt die Autorin und Dozentin in Paris. Für ZEIT ONLINE berichtet Jina Khayyer aus aller Welt über Mode.

Auch das brasilianische Ausnahmetalent Pedro Lourenço ist gereist und zwar in die Atacamawüste und nach Patagonien. Mit nur 21 Jahren präsentiert Lourenço, der bereits seit vier Saisons in Paris seine Mode zeigt, seine erste Pre-Fall-Kollektion. Lourenços Handschrift ist klassisch, mit überraschenden Details: aus Google-Bildern entwickelte er Fotoprints von der Atacama Wüste und den Gletschern in den Anden, die er auf knielange Kleider im bias-cut , auf Tops und T-Shirts druckte. Mäntel haben nur zwei Nähte, wovon sich eine auf halber Strecke in der Eingriffstasche verliert, Smokinghosen sind vorne aus Leder und hinten aus Wolle, Leder-T-Shirts mit Mohair besetzt. Seine Daunenjacken aus Samt und Nylon sind bereits vom Departmentstore Barneys entdeckt worden, wo auch diese Pedro-Lourenço-Kollektion exklusiv verkauft werden wird.

Es ist die erfrischend respektlose Neuordnung des bekannten Moderepertoires, was die diesjährigen Pre-Fall-Kollektionen sehenswert macht. Nicolas Ghesquière, Ricardo Tisci oder eben der junge Pedro Lourenço, sie alle nehmen mal die Ästhetik, mal die Ideen der Postmoderne auf. Sie scheuen sich nicht vor Zitaten, aber sie spielen damit und dekonstruieren sie mit allen Möglichkeiten, die sich einem Modemacher im Jahr 2012 bieten. Damit schließt sich endlich die Tür vor Designern wie Marc Jacobs , deren Erfolg vor allem auf der x-ten Neuauflage alter Stilepochen beruht. Das Postmoderne, es steht der Mode ausgesprochen gut.

Kommentare

8 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

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Die Beobachtungen dieser Frau gefallen mir besser als die ZO Stilkolumne Herrn Prüfers. Hier geht es um Mode und es wird nicht allzu viel hinein interpretiert, wie das Herr Prüfer gern tut. Und ein paar Bilder mehr täten der Stilkolumne auch ganz gut. Nicht jeder kann sich nach der Beschreibung von Mode vorstellen, wie sie aussieht.

Diese Anlehnung an die 80er mit all ihrem Postpunk-

Ausformungen hält nun schon zu lange an und in der Linie selbst in den Farben langweilt es mich doch sehr.

Zu viel Talking Heads machen irgendwann auch keinen Spass mehr und modisch wurde diese Phase nun ausgiebig in alle Richtungen ausgewalkt, ohne dass mal von McQueen abgesehen tatsächlich spektakuläres zu sehen bekam.