Interview Adrian JoffeMode trifft Körper, radikal gegenwärtig

Seit 32 Jahren steht Comme des Garçons für Mode abseits der Trends. Nun eröffnen die Japaner einen Laden in Berlin – obwohl die Deutschen sich mit dem Konzept schwer tun. von 

Adrian Joffe, Geschäftsführer von Comme des Garçons und Ehemann von Designerin Rei Kawakubo

Adrian Joffe, Geschäftsführer von Comme des Garçons und Ehemann von Designerin Rei Kawakubo  |  © Promotion

ZEIT ONLINE: Herr Joffe, seit 1981 zeigt Comme des Garçons seine Kollektion in Paris , die erste wurde damals als "Hiroshima-Chic" verpönt, weil die Kleider Löcher und Risse hatten. Seither galt die Marke als avantgardistisch und konzeptuell. Sehen Sie sich noch immer so?

Joffe: Die Mode hat sich seitdem sehr verändert. Sie ist vom Marketing getrieben und es geht viel um Stars und den roten Teppich. Unsere Rolle ist trotzdem immer noch die gleiche: Wir sind die Außenseiter, eine Alternative. Wir vergessen oft, dass wir ein Modeunternehmen sind. Wir wollen nicht so viel Geld wie möglich verdienen, manchmal genau das Gegenteil. Bei der Hauptlinie geht es mehr um eine Energie, die einen Ausdruck findet. Diese Dinge wollen wir nicht massenhaft verkaufen. Was unterm Strich herauskommt, war für Rei Kawakubo immer zweitrangig. Nur um weitermachen zu können, ist es wichtig, dafür brauchen wir gute Strategien.

Anzeige

ZEIT ONLINE: Ist das Ihre Rolle als Ehemann und Geschäftsführer? Gute Geschäftsmodelle zu entwickeln, damit Ihre Frau Rei Kawakubo die Freiheit hat, zu entwerfen?

Joffe: Meine Aufgabe ist es, die Dinge zu übersetzen und verständlich zu machen, ohne sie zu verwässern. Man kann ja sehr erfinderisch sein, auch im Marketing.

ZEIT ONLINE: Eine Ihrer Erfindungen waren temporäre Comme-des-Garçons-Läden. In Berlin lagen die etwas außerhalb des Zentrums. Warum ist die erste permanente Boutique ausgerechnet in Mitte?

Joffe: Weil die Idee, temporäre Geschäfte zu betreiben, genau hier vor sechs Jahren entstanden ist. Der erste Guerilla-Shop war nur ein Stück die Straße hoch. Ich war damals mit Rei Kawakubo in Mitte und wir waren so beeindruckt, was hier an künstlerischer Energie zu spüren war. Viele leere Ladenlokale, überall wurde experimentiert, gezeichnet, entworfen. Ich dachte plötzlich, wie sinnlos es ist, dass wir in Paris die Sachen in Lagerhallen haben, wo niemand sie sieht. Insgesamt gab es dann in fünf Jahren 37 dieser Pop-Up-Läden auf der ganzen Welt. Jetzt, wo wir mit unserem Partner Christian Weinecke einen festen Standort in Deutschland eröffnen wollten, schließt sich hier der Kreis.

ZEIT ONLINE: Andere Modehäuser konzentrieren sich auf ihre Kollektionen und überlassen Einzelhändlern den Verkauf. Warum sind Geschäfte so wichtig für Comme des Garçons?

Reduziert auf das Nötigste: Innenansicht des Berliner Ladens

Reduziert auf das Nötigste: Innenansicht des Berliner Ladens   |  © Promotion

Joffe: Weil Rei Kawakubo ein Unternehmen gestaltet, nie nur ein Produkt. Sie kann nichts isoliert entwerfen, es geht um ein Gesamtkonzept. Sie gestaltet die Büroräume und jeden Brief, der das Haus verlässt. Sie kann auch ein Kleid nicht losgelöst davon betrachten, wo, wie und an wen es später verkauft wird. Manchmal entsteht der Laden aus dem Produkt heraus, so ist es mit dem Pocketshop. Wir haben eine Umgebung gebraucht, in der wir unsere kleinen Sachen verkaufen können, die Geldbeutel, die Parfums. Dann wieder haben wir eine Idee für ein Ladenkonzept und das Produkt folgt dem. Wie bei den Guerilla-Shops. 

ZEIT ONLINE: Die meisten Modehäuser recyceln irgendwann alte Ideen und zitieren Kleidung vergangener Dekaden. Comme des Garçons zeigt seit 30 Jahren jede Saison etwas, das radikal gegenwärtig ist. Wie geht das?

Joffe: Das ist harte Arbeit, man leidet viel. Vor allem muss man aus seinem Inneren heraus arbeiten, aus dem Herz und der Seele heraus. Dann spüren die Leute, dass diese Mode auch etwas mit ihrer Gegenwart, mit unserer Zeit zu tun hat.

ZEIT ONLINE: Die Gegenwart ist ziemlich verunsichernd: Japan hat die Katastrophe von Fukushima erlebt, in der arabischen Welt gibt es Revolutionen, in Europa die Währungskrise. Wie findet sich das in Ihrer Mode wieder?

Joffe: Diese Dinge schwingen mit, sie sind nie ein direkter Einfluss. Jede Kollektion beginnt mit einem Wort, einem Gefühl. Bei der Buckelkollektion war das erste Wort "Wut". Kawakubo war damals in New York und an jeder Ecke gab es eine GAP-Filiale, Mode wurde so banal. Sie hatte das Gefühl, die Leute werden betrogen, und New York wird von Großkonzernen mit langweiligen Kleidern übernommen. Daraus entstand die Idee, den Körper statt der Kleidung zu entwerfen. Am Ende lautete der Titel dann Dress meets body . Bei der Kollektion für diesen Sommer hat sie darüber nachgedacht, dass der glücklichste Tag im Leben einer Frau, ihr Hochzeitstag, genauso gut auch der traurigste sein kann, weil er das Ende der Freiheit bedeuten könnte. Es ist ein großes Drama des Lebens, die Ambivalenz eines Ereignisses, und das spiegelt sich für Kawakubo in dem Weiß eines Brautkleides. Aus diesem Kern entsteht dann die Kollektion. Es ist ein bisschen kompliziert.

Leserkommentare
    • Panic
    • 10. Februar 2012 13:24 Uhr

    "Ich war damals mit Rei Kawakubo in Mitte und wir waren so beeindruckt, was hier an künstlerischer Energie zu spüren war. Viele leere Ladenlokale, überall wurde experimentiert, gezeichnet, entworfen. Ich dachte plötzlich, wie sinnlos es ist, dass wir in Paris die Sachen in Lagerhallen haben, wo niemand sie sieht."

    Lieber Herr Joffe. Machen wir uns mal nichts vor. Sie platzieren Ihren Shop in Mitte, weil dort das Geld ist. Aus keinem anderen Grunde. Die künstlerische Energie, die finden Sie nämlich nicht mehr in Mitte. Die ist jetzt an anderen Orten, da, wo ihre erwähnten "Lagerhallen" sind. Da, wo das Geld nicht hin kommt. Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich habe nichts dagegen, dass Sie Geld verdienen wollen, aber Ihre Begründung für den Standort ist mehr als amüsant. Wenn Sie allerdings kein Geld verdienen wollen, sondern künstlerische Energie bevorzugen, dann empfehle ich Ihnen Neu-Kölln. Aber beeilen Sie sich, wir bewegen uns hier auch schon in Richtung Mitte.

    Viel Erfolg.

    Eine Leserempfehlung

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Mode | Fabrik | Louis Vuitton | Marketing | Saison | England
  • Models present creations from the Felder & Felder Autumn/Winter 2013 collection during London Fashion Week, February 15, 2013. REUTERS/Olivia Harris (BRITAIN - Tags: FASHION)

    Vom Rand des Laufstegs

    Aktuelle Berichte von den Schauen in New York, London, Mailand, Paris und Berlin auf ZEIT ONLINE

    • Nachgesalzen

      Die Meisterköche Karl-Josef Fuchs, Jürgen Koch und Christian Mittermeier verraten ihre Tipps und Tricks

      • Hinter der Hecke

        Eine Schrebergarten-Kolonie ist ein eigener Kosmos. Unser Kolumnist Ulrich Ladurner erforscht ihn und seine Bewohner mit Demut, Feinsinn und Humor.

        • Heiter bis glücklich

          Oft sind es die einfachen Dinge, die uns heiter bis glücklich stimmen. Im "Heiter bis glücklich"-Blog stellt die ZEITmagazin-Redaktion täglich ihre Entdeckungen vor.

          Service