Jil SanderUngebrochen hanseatisch

Mit Disziplin und Geradlinigkeit errichtete Jil Sander ihr Modeunternehmen. Dann stieg sie aus, Raf Simons erneuerte die Marke. Nun muss sie ihr Haus zurückerobern. von Mareike Nieberding

Die Modemacherin Jil Sander

Die Modemacherin Jil Sander   |  © PR

Eine Jil Sander zeigt keine Schwäche. Nur einmal soll sie kurz emotional geworden sein. Das war 1999. Die deutsche Designerin hatte die Firma, die sie selbst aufgebaut hatte, an die italienische Prada-Gruppe verkauft. "Als sie unterschrieb, dachte ich: Mein Gott, jetzt fällt sie gleich in Ohnmacht!", ließ der Prada-Chef Patrizio Bertelli damals die Presse wissen. Jil Sander konterte mit einer Pressemitteilung: "Kopf hoch, Schultern gerade, Blick nach vorn." So hat sie seit den sechziger Jahren ihre Geschäfte geführt.

Haltung zeigen, beherrscht bleiben – das wollte Heidemarie Jiline Sander von Anfang an. Am Dienstag kehrt die 68-jährige Hamburgerin  zurück an die Spitze des Unternehmens, das sie 1968 gründete. Sie glaubt, dass ihre Art, Mode zu machen, aktueller ist denn je: "Was sich aus dem Wirrwarr langsam herauskristallisiert, ist das Bedürfnis nach einer gemeinsamen, weltweiten Sprache der selbstverständlichen, modernen Eleganz. Vielleicht war es noch nie so wichtig wie jetzt, souverän gekleidet zu sein und sich nicht in lächerlichen Monturen zu verstecken", sagte sie der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung .

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Bis in die neunziger Jahre sitzt ihr Lebenslauf so gut wie ihre Kleidung: Ausbildung, zwei Jahre Studium in Los Angeles , fünf Jahre Erfahrung als Redakteurin bei Constanze und Petra . Mit 24 Jahren und 200.000 geliehenen Mark eröffnet sie Ende der sechziger Jahre ihre erste Boutique in der Pöseldorfer Milchstraße in Hamburg . Sie wird Deutschlands einzige konkurrenzfähige Marke im kleinen Kreis der großen Häuser, beschäftigt zwischenzeitlich bis zu 500 Mitarbeiter. Und schafft mit Jil Sander, was nur wenige vermochten: kommerziellen Erfolg mit unnachahmlicher Kreativität zu verbinden und das auf qualitativ höchstem Niveau.

"Jil Sander entwirft nicht Mode für jeden", stellte eine ihrer ersten Werbekampagnen fest. Sander positionierte sich stets oberhalb: fuhr Rolls-Royce, trug aber außer einer goldenen Rolex keinen Schmuck, blieb "aus Prinzip" den deutschen Schauen auf der Düsseldorfer Messe fern und versuchte 1975 ihre Kollektion in Paris vorzustellen. Vulgärchic, das Volumen eines Claude Montana , der Sex eines Thierry Mugler waren damals stilbildend; und man ließ sie, die kühle Deutsche mit den Blazern, Kaschmirmänteln und Blusen gnadenlos auflaufen. Von da an zeigte sie in Mailand und befreite in den folgenden Jahrzehnten die Frauen vom Zwang zur Opulenz und von der beengenden Uniform stereotyper Weiblichkeit.

Verkauft hat sie sich nie; nur für ihre Werbekampagnen, für die sie selbst Modell stand, gab sie sich her – mit Föhnwelle und strahlendem Lächeln, ganz zeitgenössisch im Farah-Fawcett-Look der beginnenden achtziger Jahre. Es ist das offizielle Foto, das bis heute kursiert. Von unvorteilhaften Bildern kaufte sie einfach die Rechte, um sie verschwinden zu lassen. Sie war gefragt, aber gab kaum Interviews, schützte ihr Privatleben.

Auch ihre Marke hatte sie unter Kontrolle: Börsengang 1989, Expansion nach Amerika und Asien , gigantische Flagship-Stores. Dann ging es abwärts. Die Umsätze brachen ein und sie vertraute 1999 die Mehrheitsaktien der Jil Sander AG der Prada-Gruppe an – ein Schritt, der viel Kraft erforderte. Nach nur einem Jahr unter dem als herrisch bekannten Prada-Chef Patrizio Bertelli wollte sie dort nicht mehr arbeiten und ging. Kehrte 2003 zurück und übernahm die Verantwortung für das Design der Marke, nur um sich ein Jahr später endgültig zu verabschieden.

Im Führungsstil sollen Sander und Bertelli sich ähneln, doch ihre Ansprüche waren zu verschieden: Sander wollte Qualität und körpernahe Passform in Sondermaßen; Bertelli wollte sparen und gängige Konfektionsgrößen. Die Beziehung scheiterte an der Dickköpfigkeit der Partner, wie Women's Wear Daily damals feststellte. Noch zweimal wechselte die Marke danach den Besitzer: 2006 von Prada zum britischen Finanzinvestor Change Capital Partners (CCP) und 2008 zum japanischen Onward Holdings.

Leserkommentare
  1. und wenn ich die Begriffe 'hanseatisch' und 'Mode' kombiniere, kommen dann die Stichworte, mit denen ich rechnen würde:

    "Sie suchen stilbewusste hanseatische Mode? Dann freuen Sie sich auf die beste Auswahl aus den Kollektionen von Barbour, GANT, Peter Scott, Daks, u.v.m. ...! Seit 1939 von Edgar Prignitz gegründet wird das Familienunternehmen PRIGNITZ-MODEN in der 3. Generation geführt. Unsere Prignitz- und Barbour-Stores finden Sie in Hamburg und Westerland/Sylt!"

    Es sind die Damen und Herren, die fern von Segelschiffbohlen mit Bootsschuhen, Halstüchlei und weit weg von englischem Regen mit wettersicherer Kleidung in teuer und möglichst in blau, weiß und mit ein wenig rosa oder rot rumlaufen. Die Herren dann auch gern mit etwas grün oder viel braun.

    Nun noch ein guter Haarschnitt, die Dame ein Zöpfchen gebunden, Perlenstecker rein und wenn man richtig ausgeht oder ins Büro dann ist es gern Jil Sander - leicht unterkühlt, klare Linien, wenig Ranken oder gar Rüschen.

    Man kann sie kaum verwechseln und sie begenen einem in Hamburgs höherpreisiger Ausflugsgastronomie auch gern am Wochenende.

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  • Schlagworte Dior | Gucci | Prada | Rolex | Werbekampagne | Yves Saint Laurent
  • Models present creations from the Felder & Felder Autumn/Winter 2013 collection during London Fashion Week, February 15, 2013. REUTERS/Olivia Harris (BRITAIN - Tags: FASHION)

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