New York Fashion WeekDie Übersetzerin der Designer

Die Deutsche Julia von Boehm gehört zu den erfolgreichsten Stylistinnen der Welt. Ihre Arbeit ist es, die Mode jeder neuen Saison in Bilderwelten und Trends zu fassen.

Die Stylistin Julia von Boehm lebt und arbeitet in New York.

Die Stylistin Julia von Boehm lebt und arbeitet in New York.

Wenn sie dieser Tage ihr backsteinfarbenes Haus im New Yorker Stadtteil Chelsea verlässt, um zur Präsentation der Herbstkollektion von Marc Jacobs, Alexander Wang oder eines anderen Designers zu gehen, trägt Julia von Boehm wahrscheinlich einen Fellmantel und garantiert hohe Absätze. So weit, so normal für eine Modewoche. Auffallen werden allerdings ihre blonden Haare, die sie stets leicht zerzaust trägt – in den Augen der Amerikanerinnen mit ihren streng geglätteten Frisuren gilt das schon als französisches Laissez faire.

Wenn sie nicht gerade hochschwanger wäre, würde die 32-Jährige in den kommenden drei Wochen vier Städte besuchen: New York, London, Mailand, Paris. Die Termine der Modewochen sind für eine Stylistin wie von Boehm, die eigentlich alles sehen muss, um sich ein Urteil zu bilden, eng, die wichtigsten Schauen folgen zeitlich oft direkt aufeinander. Außerdem gibt es in jeder Stadt zahlreiche Nebenveranstaltungen, die es zu besuchen gilt. Ein Marathon, den sie zweimal jährlich absolviert, und dabei fängt von Boehms eigentliche Arbeit erst nach den Schauen an.

Anzeige

Stylisten erschaffen für Modemagazine Bilderwelten, in denen die Entwürfe jeder neuen Saison lebendig werden. Wie ein Koch bedienen sie sich der Schuhe, Hosen, Kleider, Röcke und Jacken wie Zutaten, um daraus mit Models und Fotografen eine neue Geschichte zu kreieren. Die hat oft mit dem Thema, das sich der Designer für seine Kollektion überlegt hat, nichts mehr gemein. Stylisten übersetzen Mode in die Lebensstile und -gefühle der Gegenwart.

Mode steht als Sinnbild für einen Lebensentwurf

Julia von Boehm leistet diese Übersetzungsarbeit für viele große Modehefte, sie wird von verschiedenen Ausgaben der Vogue gebucht, in den USA arbeitet sie häufig für Harper‘s Bazaar. "Als ich mit 19 in Heidelberg von der Schule ging, wusste ich nicht, was es für Möglichkeiten gibt", sagt von Boehm. Aber es zog sie nach Paris, dem Sehnsuchtsort für alle, die Haute Couture und Prêt-à-Porter lieben, egal in welchem Land man zu Hause ist. Noch während ihrer Zeit an der École de la Chambre Syndical, einer Haute-Couture-Schule, an der sie Design studierte, lernte sie Carine Roitfeld kennen. Ein Zufall, der zur Karriere werden sollte: Zunächst assistiert sie Roitfeld, die damals noch freie Stylistin ist, und begleitet sie später zur französischen Vogue. Jahrelang ist sie die rechte Hand der einflussreichsten Frau der europäischen Mode. "Ich bin damals einfach meinem Gefühl gefolgt und das war richtig." Als sie sich schließlich von Roitfeld löst, ist sie in der Branche bestens vernetzt. Seit 2007 lebt und arbeitet von Boehm in New York.

"Paris ist künstlerischer, New York professioneller", sagt sie. Die Erfahrungen, die von Boehm in den beiden Modemetropolen gesammelt hat, finden sich in der Art wieder, wie sie die Mode zusammenstellt und welche Umgebung sie für ein Fotoshooting wählt. Der Ausgangspunkt ist nur entfernt die Mode, sagt sie. Vor allem mache sie sich Gedanken über die Lebenswirklichkeit von Frauen und verschiedene Frauentypen. Die Kleidung wird dann zum Sinnbild für einen Lebensentwurf, die Bilder sind überspitzt, sollen Gedanken anstoßen und Inspiration für das eigene Leben der Magazinleserinnen sein. So kommt es, dass von Boehm die Frau mal als feenhaftes Wesen im Wald inszeniert, sie ein anderes Mal im Spitzenminikleid in einen Londoner Doppeldecker setzt oder sie als betörendes Cowgirl in Schnürstiefeln und dunklen Kleidern in der Wüste neben alten Motorrädern posieren lässt. "Ein Model ist wie ein weißes Blatt, das man beschreiben kann."

Ihre eigene Lebenswelt ist die einer Working Mum. "Ich könnte es mir nicht anders vorstellen, weil ich meinen Job so liebe, dass ich als Working Mum um einiges glücklicher bin als ich es als Staying home Mum wäre", sagt sie über ihre Rolle als Mutter. Dank Nanny, amerikanischem Familienverständnis und ihrem britischen Mann, der als Fotograf arbeitet und den sie vor zwei Jahren in ihrer Heimatstadt Heidelberg geheiratet hat, kann sie durchschnittlich einmal die Woche – vor allem im Winter, wenn Sommershootings stattfinden – in Miami oder Los Angeles arbeiten. Berlin, die deutsche Modestadt, steht noch nicht auf Julia von Boehms Reiseplan. "Das Potenzial ist definitiv da, geben wir dem Ganzen mal noch fünf bis zehn Jahre", sagt Boehm. Aber in dieser Woche, da spielt die Mode ja sowieso vor ihrer New Yorker Haustür. 

 
Leserkommentare
  1. 1. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf beleidigende Äußerungen und bitte leisten Sie konstruktive Beiträge zur Diskussion. Danke, die Redaktion/jz

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Kommentare 1
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Schlagworte Marathon | Marc Jacobs | Mode | Vogue | New York Fashion Week | USA
  • Artikel-Tools präsentiert von:

  • Beziehungsweise

    Die vielen Modelle der Liebe

    Familie ist da, wo Kinder sind. Und Partnerschaft dort, wo aus Liebe Verlässlichkeit wird. Die Serie "Beziehungsweisen" porträtiert das Leben jenseits der Normalfamilie.

    • Nachgesalzen Blog Teaser

      Nachgesalzen

      Die Meisterköche Karl-Josef Fuchs, Jürgen Koch und Christian Mittermeier verraten ihre Tipps und Tricks

      • Urban Gardening Themenseite

        Holt das Grün in die Städte!

        Warum Dachgärten gut für das Stadtklima sind und Firmengärten helfen, Stress abzubauen, lesen Sie in unserer Themenwoche "Urban Gardening".

        • Heiter bis glücklich

          Oft sind es die einfachen Dinge, die uns heiter bis glücklich stimmen. Im "Heiter bis glücklich"-Blog stellt die ZEITmagazin-Redaktion täglich ihre Entdeckungen vor.

          Service