ModebrancheMit Hang zur Lolita

Zum Start der Herbstmodewochen hat in New York die erste Model-Gewerkschaft die Arbeit aufgenommen. Da die Mode auf immer jüngere Gesichter setzt, ein wichtiger Schritt. von Frauke Fentloh

Die 15-jährige Jungschauspielerin Hailee Steinfeld bei einer Veranstaltung des Modelabels MiuMiu im Juli 2011

Die 15-jährige Jungschauspielerin Hailee Steinfeld bei einer Veranstaltung des Modelabels MiuMiu im Juli 2011  |  © Jason Merritt/Getty Images for MIU MIU

Als der Designer Marc Jacobs im letzten Jahr sein Parfum Oh Lola! auf den Markt brachte, sagte er einen Satz, der eigentlich nur das Image seines Produktes beschreiben sollte. Die Kunstfigur seiner Kampagne, ließ sich Jacobs zitieren, sei eher eine Lolita als eine Lola. Mehr Mädchen als Frau. Damit brachte Jacobs zugleich die Vorliebe seiner Industrie auf den Punkt, die derzeit mehr denn je dem Jugendwahn fröhnt.

Dass Mode Jugendlichkeit zum Ideal verklärt, ist nicht neu. Doch selten fielen so viele junge Mädchen in den Anzeigen der großen Designer auf wie in jüngster Vergangenheit: Mit Zwölf modelte Jungschauspielerin Elle Fanning für Rodarte , inzwischen ist sie das Gesicht von Marc Jacobs . Ihre Schwester Dakota war im gleichen Alter, als sie ihre erste Kampagne für den Designer absolvierte. Bei MiuMiu engagierte man die 14-jährige Hailee Seinfeld, dank der Hauptrolle im Western True Grit ebenfalls Leinwanderfahren, als Gesicht der Winterkollektion 2011 . Prada schoss seine Winterkampagne mit der gleichaltrigen Ondria Hardin. Und nicht nur in Frankreich empörte man sich über die 10-jährige Thylane Blondeau, die in der französischen Vogue vor gut einem Jahr als Lolita inszeniert wurde. In immer kürzeren Abständen erscheinen Models auf Plakatwänden und in Modemagazinen, die ihre Kindheit kaum hinter sich gelassen haben.

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"Das fällt seit einigen Jahren auf", sagt Jasmin Röhse, Moderedakteurin beim deutschen Magazin Qvest . "Immer wieder hört man, dass richtig gute Models ihre Karriere am besten schon mit 13 starten. Wenn sie noch völlig androgyn aussehen." Das – reale und diskursive – Umfeld, in dem diese Mädchen platziert werden, ist dabei alles andere als kindgerecht. Kaufen soll die Kleidung, die sie präsentieren, schließlich eine Zielgruppe, die um Jahrzehnte älter ist als sie selbst. Und so werden die kindlichen Körper mit den Codes der erwachsenen Frau ausgestattet, Mädchen als Frauen porträtiert und umgekehrt das Erwachsene infantilisiert. Im Bild der Kindfrau konzentriert sich scheinbar der Jugendwahn einer alternden Gesellschaft.

Besonders augenfällig wurde die extreme Überformung des Jugendlichen in jener skandalträchtigen Modestrecke, die der Designer Tom Ford gemeinsam mit der damaligen Chefredakteurin Carine Roitfeld für die französische Vogue produzierte. Die beiden zeigten Thylane Blondeau mit roten Lippen und High Heels in stereotyp-erotisierten Posen aufgenommen.

Die Soziologin Monica Titton von der Universität Wien sieht hierin zunächst die Neuauflage eines alten Mode-Topos: Bereits in den sechziger und siebziger Jahren fotografierte Guy Bourdin ganz ähnliche Fotoserien, ebenfalls für die französische Vogue . Seine Bilder zeigten halbnackte Kinder, die Schmuckstücke präsentierten, stark geschminkte Mädchen in Abendgarderobe – Motive, die von Ford und Roitfeld zum Teil genau kopiert wurden. "Damals reagierte Bourdin allerdings mit einer wahrhaft hyperbolischen Überspitzung auf den sogenannten Youth Quake , also die Auswirkungen der Jugendrevolten von 1968 auf die Mode", sagt Titton. Diese Bewegung revolutionierte nicht nur die Kleidung, sondern auch die Wahrnehmung der Körper: Plötzlich waren die Models schlank und burschikos, das Schönheitsideal änderte sich entsprechend.

Vierzig Jahre später antworten die Mode und ihre Medien mit der Wiederauflage des überspitzten Jugendmotivs auch auf die Veränderung ihrer eigenen Protagonistinnen, glaubt Titton. Denn mit der allmählichen Etablierung von Blogs erscheinen junge Mädchen plötzlich selbst als Akteurinnen im System der Mode – allen voran die amerikanische Bloggerin Tavi Gavinson , die schon mit 13 Jahren bei Dior in der ersten Reihe saß. "Die Bloggerinnen haben den visuellen Diskurs der Mode in den letzten Jahren mit ihrer Obsession für Selbstporträts stark beeinflusst", sagt die Soziologin. "Sie sind zu einer Art narrativen Figur in der Mode mutiert – vergleichbar mit Typen wie der Femme fatale oder der Pariserin."

Wenn Marken wie MiuMiu oder Rodarte in ihren Kampagnen plötzlich halbwüchsige Models auftreten lassen, sprechen sie damit auch eine ganz bestimmte Zielgruppe an, glaubt Titton. "Dabei geht es um die modebewussten Teenagerinnen, die sich bei H&M und Zara die Kopien der Looks ihrer Vorbilder kaufen und sich dann darin für ihre Blogs fotografieren." Später würden diese, so die Logik, dann zu teureren Marken abwandern. 

Dass die Mode mitunter an gesellschaftlichen Bildern und Selbstbildern rüttelt, ist nicht neu – schließlich kann sie auch ein Stück weit künstlerisches Experimentierfeld sein, das außerhalb bürgerlicher Normen funktioniert. Die kontroversen Benetton-Kampagnen der Neunziger, die Themen wie Krieg und Aids in den Fokus rückten, waren so ein Fall. Problematisch wird es jedoch, wenn sehr junge Menschen zum Material für eine Industrie werden, die extrem hierarchisch strukturiert ist und deren Arbeitsabläufe sich dem kontrollierenden Auge der Gesellschaft weitgehend entzieht. Auf sich allein gestellt können sich junge Mädchen mit großer Wahrscheinlichkeit schlechter gegen unangemessene Behandlung wehren als erwachsene Frauen.

Leserkommentare
    • quax74
    • 14. Februar 2012 21:09 Uhr

    Als Vater zweier Töchter könnte ich da einfach nur kotzen. Entschuldigung, aber ist so. Leider hat man da Heidi Klum & Co im Fernseh-Casting-Müll wenig entgegenzusetzen. Selbst meine Frau scheint dem verfallen. Trotz höchster akademischer Bildung. Aber vermutlich sind die Jungs auch bald einem ähnlichen Diktat unterworfen.

  1. 10. [...]

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich mit konstruktiven Kommentaren an der Diskussion. Danke. Die Redaktion/vn

  2. Aufgrund eines Doppelpostings entfernt. Die Redaktion/vn

  3. 12. [...]

    Entfernt. Bitte üben Sie Kritik sachlich und konstruktiv. Danke. Die Redaktion/vn

  4. 13. Uhm....

    Entfernt da unsachlich. Die Redaktion/mak

  5. 14. Danke

    Entfernt da unsachlich. Die Redaktion/mak

  6. Sog. Designer, Modeschopfer u.s.w. welche sog. Kindsfrau als Sexokekt presentieren sind Kinderschänder.

  7. Dass die Modeindustrie zumindest im Kopf noch mehr gaga ist als das Finanzwesen zeigt dieser Artikel. Hatte das zweifelhafte Vergnügen mich freundschaftsbedingt länger mit "Modedesignern", Models, etc. Zeit zu verbringen und was man da so erlebt an Ideen, Kreativität, Parties, Events ist irgendwie alles auf einem anderen Stern und ne Welt für sich.

    Nach meiner Meinung ist 80% der "Produktion" der Modeindustrie Selbstverliebtheit und "Größen"wahn. Womit wir dann doch wieder bei der Finanzindustrie wären ;)

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