Social Media RankingNa, Klout genug für die erste Reihe?

In den USA lassen einige Modefirmen über die Social-Media-Aktivitäten ihrer Gäste bestimmen, wer zu den Schauen eingeladen wird. Hierzulande herrscht eher Skepsis. Noch. von Alex Bohn

Anna Wintour, Chefredakteurin der US-"Vogue", im Februar 2012 bei der Schau des New Yorker Designers Alexander Wang

Anna Wintour, Chefredakteurin der US-"Vogue", im Februar 2012 bei der Schau des New Yorker Designers Alexander Wang  |  © Reuters/Eduardo Munoz

Wie wichtig es Modefirmen nehmen, wer bei einer Schau in der ersten Reihe sitzt, hat vor Kurzem ein köstlicher kleiner Eklat in London gezeigt. Die Designerin Nicole Fahri, in Großbritannien durchaus eine Branchengröße, "enthüllte" gegenüber dem Sunday Telegraph , dass viele Kollegen Prominente dafür bezahlen, bei ihren Defilees in der ersten Reihe zu sitzen. Diese Praxis sei, so Fahri, "unprofessionell" und "abscheulich". "Was wird denn hinterher in den Medien gezeigt? Nicht die Kleider, sondern irgendwelche Stars, die dafür bezahlt werden zur Show zu kommen."

Der (gar nicht mal so geheime) Trend zum Bezahl-Promi, dessen Erscheinen bei einem Modeevent die jeweilige Marke bekannter machen soll, kam, laut der vom Telegraph befragten PR-Leute, vor einigen Jahren aus den USA . Genau daher erreicht uns nun die Nachricht, dass vielleicht sehr bald kein Hahn mehr nach Stars in der ersten Reihe kräht. Außer es handelt sich um Ashton Kutcher , der sich mit knapp 10 Millionen Abonnenten bei Twitter brüsten kann und auch sonst in Internet-Dingen Bescheid weiß. Denn ein Algorithmus könnte zukünftig bestimmen, wer bei den Modewochen in der ersten Reihe sitzt.

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Der Meinung ist zumindest Klout.com , ein Unternehmen aus San Francisco , das mit einer Formel berechnen können will, wie einflussreich jemand ist. Klout wertet die Online-Aktivitäten einer beliebigen Person zu einem Statuswert aus, in den vor allem das Engagement in den sozialen Netzwerken Facebook , Twitter , LinkedIn und Google+ einfließen. Je mehr Kurznachrichten man zu einem bestimmten Thema dort absetzt und je mehr andere sie lesen und weiterverbreiten, desto höher der Wert. Ginge es nach diesem Klout-Wert, dann wäre beispielsweise Anna Wintour, Chefredakteurin der amerikanischen Vogue, während der vergangenen New Yorker Modewoche zur Schau des Nachwuchsdesigners Malan Breton nicht eingeladen worden. Die Organisatoren hatten festgelegt, dass Gäste einen Klout Score von mindestens 50 vorweisen sollten. Frau Wintour kommt allerdings nur auf einen Wert von 40.

Gäste werden zu Live-Berichterstattern auf Twitter 

Gerard Butler leitet die PR-Agentur BRPR in Miami , die sich unter anderem auf Marketing mittels Social Media spezialisiert hat. Butler glaubt an Klout. Die Gäste, die er kürzlich zu einer von der US-Vogue organisierten Abendveranstaltung einlud, brachten alle einen Klout von mindestens 40 mit. "Dank Klout hatten wir Gäste mit großem Einfluss in sozialen Netzwerken", sagt Gerard Butler. "Wir konnten uns darauf verlassen, dass sie auf Twitter über unsere Veranstaltung berichten – in Wort und Bild."

Nach Miami hätte es Anna Wintour mit ihrem Klout von 40 immerhin auch geschafft. Ihre Kolleginnen Christiane Arp und Emanuelle Alt dagegen nicht. Nicht nach New York, nicht nach Miami, denn keine der beiden Vogue-Damen postet regelmäßig auf Facebook . Selbst etablierte Modeblogger wie Scott Schumann oder Brian Boy können keinen nennenswerten Klout Score vorweisen. Unter den namhaften Bloggern schmückt sich allein die Norwegerin Hanneli Mustaparta mit einer 51. Wie verlässlich aber kann ein Dienst sein, der die etablierten Namen einer Branche mal eben als unbedeutend wegsortiert? Klout schätzt allein solche Modeinteressierte, die sich rund um die Uhr mit ihrer Online-Gemeinde über die Schönheit des neuen Schuhs von X oder die Zusammenarbeit von Modefirma Y mit Künstler Z austauschen. Keine Journalisten, Blogger oder Stylisten also, die mitunter bei ihren Online Aktivitäten zwischen Beruf und Privatleben unterscheiden – sondern Fans, die Werbung machen.

Klout selber äußert sich nicht zu Fragen, die den Algorithmus betreffen. Und auch auf die Anfrage, welche Modemarken den Service von Klout bereits in Anspruch nehmen, gibt es keine Antwort. Die Funktionsweise von Klout dagegen offenbart sich jedem, der sich als Nutzer anmeldet. Man erhält eine kostenlose Statusbewertung und darf sich als Experte für bestimmte Themen einordnen. Klout kategorisiert seine Nutzer entsprechend und verkauft diese Daten gebündelt der Industrie. Ein Nutzer, der sich als Experte zum Thema "Auto" führen lässt, wird dann beispielsweise von einem Autohersteller zu einer Testfahrt mit dem neuesten Modell eingeladen. Wie viel Klout daran verdient – wieder keine Antwort. In den USA, soviel kann man auf der Webseite erfahren, arbeiten Unternehmen wie Disney und Audi mit Klout zusammen.

Der amerikanische Berater und Start-Up-Guru Brian Solis hat gerade in einer umfangreichen Studie offengelegt, was genau Klout und Mitbewerber wie PeerIndex, Kred und Radian6 eigentlich leisten. Laut seiner Analyse messen sie nicht den tatsächlichen Einfluss einer Person auf andere, sondern lediglich das Potenzial dafür.

Leserkommentare
  1. Das heißt also im Grunde, es ist völlig egal ab da Anna Wintour sitzt oder eine schwäbische Hausfrau. Es geht eh nur darum, möglichst große Umsätze zu machen. Wie abstoßend, das Ganze.

  2. ... erkennt man genau an Klout.com

    Warum soll ein hoher Klout Wert aussagen wie wichtig eine Person ist und insb. welches Wissien si in Bezug auf Style und Modetrends hat.

    Die vordersten Ränge werden v.a. von jenen Personen belegt, die um jeden Preis Aufmerksamkeit erzielen wollen, was jedoch in den seltensten Fällen ein Indikator für Stil ist.

    Daher ist es auch weiterhin ganz gut, die 1. Reihe bei Modeschauen mit fachkundigen Personen zu besetzen, die Social Meida Reichweite wird zudem schon durch die Live-übertragungen der Shows im Internet und die gratis Berichterstattung in Fachmedien und Blogs garantiert.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Anna Wintour | Gerard Butler | Google | Audi | Ashton Kutcher | Facebook
  • Models present creations from the Felder & Felder Autumn/Winter 2013 collection during London Fashion Week, February 15, 2013. REUTERS/Olivia Harris (BRITAIN - Tags: FASHION)

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