Mode wie ein Blatt Papier: Comme des Garçons wagte einen Ausflug in die Zweidimensionalität. © Comme des Garçons

Eigentlich müsste es an dieser Stelle mit A wie Alber Elbaz beginnen. Er ist Chefdesigner von Lanvin, das ist sein Pech. Deshalb muss er warten. Zunächst B wie Balenciaga . Oder auch B wie besessen. Denn irgendwie besessen ist der Balenciaga-Designer Nicolas Ghesquière. Das Defilee der Herbstkollektion 2012 fand im 27. Stock eines Pariser Hochhauses statt. Mit dem zwei Monate dauernden Umbau der gesamten Etage beauftragte Ghesquière die Video- und Installationskünstlerin Dominique Gonzales Foerster. Was in Anbetracht der Tatsache, dass die Show nach zehn Minuten schon wieder vorbei war und nur knapp 250 Gäste daran teilnehmen konnten, ziemlicher Wahnsinn ist.

Gezeigt wurde Mode für Berufstätige. "Deshalb sind diesmal auch die Absätze niedriger", erklärte Ghesquière nach der Show. Die Balenciaga-Frau läuft mit voller Kraft allen voraus. Es ist ein Look ohne Altersbeschränkung für mutige Frauen, die es sich leisten können in knallblauen Hosen aus Nylon, in der Taille schmal zusammengeschnürt, in die Firma zu gehen. Wie bereits bei seiner Pre-Fall-Kollektion propagierte Ghesquière zudem mit präzise geschnittenen, weiten Ärmeln und tiefsitzenden Schultern die Oversize-Silhouette. Nur: Wie die unaufhaltsame Balenciaga-Frau in Pullovern aus Neopren und Hosen aus Nylon nicht ins Schwitzen kommen soll, bleibt offen.

Im Mode-Alphabet die nächsten: Chanel . Da wird die Kundin im kommenden Herbst etwas orientierungslos sein. Schon seit einigen Saisons zeigt Karl Lagerfeld , dass seine Aufmerksamkeit sich auf die junge Chanel-Kundin richtet, doch diesmal entfernte er sich mit seinen Entwürfen am weitesten von dem, was Chanel ist. Ob Rock und Jacke, oder Kleid und Jacke im klassischen Chanel-Tweed – darunter soll immer eine schmale Hose getragen werden. Auch die transparenten Chiffonkleider in wilden achtziger-Jahre-Farben und die Pailletten, die wahlweise Dekor für seine Entwürfe oder Dekor in den Gesichtern der Models waren, sahen mehr nach Karl Lagerfeld aus als nach Chanel. Kurz vor Schluss ging dann noch ein Model mit einem kleinen Jungen an der Hand über den Laufsteg. Der Beginn von Chanel-Junior?

Die Celine -Frau ist eine minimalistische Intellektuelle, zumindest, wenn man Mademoiselle Agnès glaubt. La mode, La mode, La mode heißt ihre Sendung auf Canal+, die Moderatorin Agnès Boulard alias Mademoiselle Agnès steht vor der Kamera und der Regisseur Loic Prigent schreibt und filmt. Das Duo macht in Frankreich die humorvollste Modeberichterstattung. Abgesehen von Laufstegbildern und Backstage-Reportagen gehört es zu Mademoiselle Agnès Konzept, einen Stereotypen der jeweiligen Marke darzustellen: die Balenciaga-Frau, die Chanel-Frau, die Celine-Frau. Mademoiselle Agnès schlüpft dafür selbst in die neuesten Entwürfe und in den jeweiligen Lifestyle, den die Kleider mit sich bringen sollen. Eine Satire, die viel Wahrheit zeigt. In Mademoiselle Agnès Augen ist die Celine-Frau ruhig, besonnen, zielstrebig . Eigentlich so, wie die Designerin Phoebe Philo selbst.


Philo, die mit ihrem dritten Kind im achten Monat schwanger ist, verzichtete diese Saison auf ein Defilee. Stattdessen gab es eine Präsentation für 50 Gäste, die viel Leder, grafische Formen, Reißverschlüsse als Detail und auch hier eine Weiterentwicklung der Oversize-Silhouette sahen. Philos Entwürfe wirken nicht kompliziert, jedes Teil ist tragbar. Aber die Schnitte und die Materialauswahl – in einem Pullover kombiniert Philo funktionale Technostoffe mit Leder, Pelz und Wolle – sind komplex.

Auch, wenn das jetzt alphabetisch etwas rausfällt: Noch eine Kollektion, in der fast jede Silhouette ein Treffer ist, zeigten Maria Grazia Chiuri und Pier Paolo Piccoli für Valentino . Die beiden Designer haben es nicht nur geschafft, das Haus Valentino zu verjüngen – von diesem Valentino will man fast alles haben. Die gerade geschnittenen Ledershorts, den Lederoverall, das knielange Cape, das Valentino-rote Kleid aus Spitze. Und vor allem bekommt man große Lust, zu heiraten – in einem knielangen Kleid aus weißer Spitze und Organza.

Comme des Garcons : Wenn alle nach links marschieren, geht Rei Kawakubo nach rechts. Nicht um zu protestieren, sondern um zu sehen und dann auch gleich zu zeigen, was auf der anderen Seite so los ist. Ein Thema, mit dem sich viele Designer schon in der vergangenen Saison auseinandersetzten, ist Dreidimensionalität. Rei Kawakubo hingegen zeigte die neue Flachheit in Form von gigantischen, zweidimensionalen Silhouetten, meist aus Filz oder gewalkter Wolle. Es gab keine Musik und die Entwürfe, die sie zeigte, waren eine Studie neuer Proportionen und kein Vorschlag für den Kleiderschrank. Und genau damit schaffte Kawakubo, was sie immer schafft: Spannung darauf, wie sie diese neue Silhouette für den Verkauf umsetzt und welchen Einfluss sie damit auf die Mode nimmt.