Mode-AusstellungDer Arztroman als Accessoire

Mit Marc Jacobs an der Spitze hat das Luxushaus Louis Vuitton den Sprung ins 21. Jahrhundert geschafft. Eine Ausstellung im Paris würdigt den kreativen Mut des Designers. von Claudia Lanfranconi

Verkleidet als Krankenschwestern präsenentierten u.a. die Topmodels Lara Stone, Nadja Auermann und Naomi Campbell die Louis-Vuitton-Handtaschenkollektion für Sommer 2008 mit Motiven des Künstlers Richard Prince.

Verkleidet als Krankenschwestern präsenentierten u.a. die Topmodels Lara Stone, Nadja Auermann und Naomi Campbell die Louis-Vuitton-Handtaschenkollektion für Sommer 2008 mit Motiven des Künstlers Richard Prince.  |  © Louis Vuitton/Chris Moore

Mit einer Museumsschau geadelt zu werden ist großartig, selbst wenn man so erfolgsverwöhnt ist wie Marc Jacobs. Seit er 1997 von Bernard Arnault zum künstlerischen Leiter von Louis Vuitton berufen wurde, ist er einfach nur noch erfolgreicher, beliebter, perfekter geworden. Bei Louis Vuitton steigen die Umsätze trotz Krise. Und wenn Jacobs seine Models über den Laufsteg schickt, sitzen in der ersten Reihe Sofia Coppola, Elizabeth Peyton und Anna Wintour, die von Anfang an zu seinen größten Fans gehörte.

Wie kein anderer kreuzt der 1963 in New York geborene Designer Streetwear und Couture. Vor allem aber haben seine Kooperationen mit Künstlern für Furore gesorgt. 2001 holte er den Designer und Künstler Stephen Sprouse in die Pariser Zentrale, der das klassische LV-Monogramm auf Handtaschen und Keepalls unter schwungvollen Graffitis verschwinden ließ. Eine Hommage an seinen Lieblingskünstler Marcel Duchamp und dessen Werk "L.H.O.O.Q." (in dem der Vater aller Readymades die "Mona Lisa" mit Oberlippenbart verzierte) war Jacobs' Grundidee, die einen regelrechten Hype nach den limitierten Sprouse-Bags auslöste und die klassische Luxusmarke zu einem ultracoolen Trendsetter machte. "Am Anfang hieß es, ich dürfe das Monogramm nicht verändern", erinnert sich Jacobs. Mittlerweile gehören die Reinterpretation des Logos und die Neuinszenierung zum Markenzeichen der neuen Ära bei Louis Vuitton. Den vielleicht größten Coup landete der 48-Jährige gemeinsam mit Takashi Murakami, der das Monogramm-Canvas in allen Farben des Regenbogens drucken ließ.

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Schon während seines Studiums an der Parsons School in New York hatte Jacobs mit der Kunst geliebäugelt. Bei seiner ersten Kollektion von handgestrickten Pullovern ließ er sich von den geometrischen Kompositionen der englischen Op-Art-Künstlerin Bridget Riley inspirieren. Zuletzt gefielen dem leidenschaftlichen Kunstsammler, der Werke von Braque, Picabia, Warhol, Hockney und Currin besitzt, die jüngsten Arbeiten von Richard Prince mit Covermotiven von Arztromanen so gut, dass er den Amerikaner für die Sommerkollektion 2008 verpflichtete. 

Louis-Vuitton-Designer Marc Jacobs bei einer Ausstellungseröffnung im Juli 2009

Louis-Vuitton-Designer Marc Jacobs bei einer Ausstellungseröffnung im Juli 2009  |  © Andrew H. Walker/Getty Images

Im Straßenbild sind die Künstlertaschen mit Siebdrucken von populären Witzen kaum zu sehen, deshalb dürfen sich alle Jacobs-Fans auf die Pariser Ausstellung freuen. Auf einer Etage werden die Highlights der vergangenen Kollektionen gezeigt, und zwar in einer Ausstellungsarchitektur von Joseph Bennett und Sam Gainsbury, die im vergangenen Jahr schon die Kreationen von Alexander McQueen im Metropolitan Museum dramatisch in Szene setzten. Das Fazit der Ausstellung könnte lauten: Mit Marc Jacobs als kreativem Kopf hat die legendäre Luxusmarke den Sprung ins 21. Jahrhundert gemeistert.

Die von Pamela Golbin, der Leiterin der Kostümabteilung des Museums, kuratierte Ausstellung wäre jedoch nicht denkbar ohne eine umfassende Präsentation der Verdienste des 1821 geborenen Firmengründers Louis Vuitton. "Jeden Tag, an dem wir kreieren, feiern wir die Geschichte von Louis Vuitton", betont Jacobs in Interviews. Für seine erste Kollektion ließ er sich von Vuittons Kofferikone "Gris trianon" inspirieren. "Als ich den ersten Koffer in grauer Trianon-Leinwand sah, sagte ich mir, so hat Louis Vuitton angefangen. Und so werden wir anfangen." Das Ergebnis waren minimalistische Kleider in Weiß und Grautönen, und das Logo verschwand – nur dieses Mal – im Innenfutter.

Louis Vuitton, geboren 1821, war ein exzellenter Handwerker und Erfinder. Das dokumentiert die Pariser Schau mit zahlreichen Kofferkreationen aus der museumseigenen Sammlung. Mit 16 Jahren war er nach Paris gekommen und hatte bei Monsieur Maréchal alles über die Kunst, einen Koffer zu bauen, gelernt. 1854 machte er sich selbstständig und wurde – genau wie Marc Jacobs eineinhalb Jahrhundert später – zum Trendsetter der High Society.

Diesen und weitere Texte finden Sie in der aktuellen Ausgabe.

Diesen und weitere Texte finden Sie in der aktuellen Ausgabe.  |  © Weltkunst

Seine Koffer waren funktionaler, leichter, moderner und eleganter als die der Konkurrenz. Vuitton begradigte den ehemals gewölbten Deckel, um Gepäckstücke stapeln zu können, und verwendete imprägniertes Leinen statt Leder. "Spezialisiert auf die Verpackung von Mode" – damit warb er für sein schnell prosperierendes Geschäft in der Rue Neuve-des-Capucines und köderte Kaiserin Eugénie, die bei ihm Koffer und Kisten für ihre von Charles Frederick Worth (1826 - 1895) geschneiderten Krinoline-Kleider orderte. Nicht nur Qualität spielte eine Schlüsselrolle für seinen enormen Erfolg, sondern auch die Ästhetik seiner Koffer. 1877 ließ er sich den Koffer mit Streifenmuster patentieren. Ende der 1880er-Jahre folgte das Karomuster "Damier" in Beige und Braun. Erst 1896 erfand sein Sohn Georges das berühmte Monogrammmuster mit stilisierten Blümchen.

Die Ausstellung zeigt Vuitton im Kontext seiner Zeit. Jules Verne ließ gerade seinen Helden Phileas Fogg in 80 Tagen um die Welt reisen. Zu den Paradestücken der Ausstellung gehört deshalb auch das Kofferbett für Entdeckungsreisende. Louis Vuitton präsentierte seine Innovationen auf den Weltausstellungen. Er erfand das aufbruchsichere Schloss mit Seriennummer. Seither wird jeder Kunde namentlich mit seiner Nummer in den Auftragsbüchern verzeichnet. Durch Vergrößerungsgläser an den Vitrinen können die Besucher der Ausstellung im Musée des Arts Decoratifs alle Details der legendären Markenkoffer unter die Lupe nehmen.

Die Ausstellung Louis Vuitton – Marc Jacobs läuft noch bis zum 16. September 2012.

Erschienen in Weltkunst

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    • Schlagworte Marc Jacobs | Anna Wintour | Ausstellung | Louis Vuitton | Marcel Duchamp | Richard Prince
    • Models present creations from the Felder & Felder Autumn/Winter 2013 collection during London Fashion Week, February 15, 2013. REUTERS/Olivia Harris (BRITAIN - Tags: FASHION)

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