Fashion WeekBerlin ist noch nicht aufgeblüht

Deutsche Modemacher wenden sich in ihren Kollektionen der Welt der Blumen und Pflanzen zu. Ein fröhlicher Appell in einer Modestadt, die Wachstumsschwierigkeiten hat.

Leise Klaviermusik füllt das mondäne Treppenhaus eines Westberliner Altbaus, Blumenkübel, überquellend von Orchideen, Lilien, Rittersporn und Hortensien, weisen den Weg in den zweiten Stock. Hinter einer Flügeltür empfangen Chopin und Baudelaire den Besucher, im Namen der beiden Modemacherinnen Annelie Augustin und Odely Teboul. Das Berliner Duo hat sich an den Kurfürstendamm gewagt und 500 Gäste sind ihnen zur Präsentation ihrer Kollektion Les Fleurs du Mal – so der Titel des Baudelaire-Gedichtbands, der sie inspiriert hat – gefolgt. Mit ihren wandfüllenden Blumengestecken und den Perlen, Pailletten und Stickereien, die über die pechschwarzen Entwürfe ranken, scheinen Augustin Teboul am ersten Tag der Fashion Week das Thema der Saison gesetzt zu haben. Florale Motive blieben durch die Modewoche hinweg allgegenwärtig, eine sanfte Natürlichkeit hielt Einzug in Berlin.

Schon bei den Eröffnungsparties am Dienstagabend verzichteten die starken Männer der Szene auf harte Posen. Stattdessen verführten sie ihr Publikum zum Staunen und Spielen. Im Januar hatten die Blogger des Dandy Diary noch vor aller Augen einen expliziten Modeporno drehen lassen, diesmal luden sie das Berliner Modevolk zum Gelage in zwei Zirkuszelte und führten zum Spaß einen Elefanten spazieren. Auch die Bread & Butter-Auftaktfeiern sind bekannt für Rock-Pomp und Cowboy-Gehabe. Am Dienstag aber schlug die Streetwearmesse ihr Lager am Neuen See auf, Akrobaten tanzten durch die Bäume und die Gäste genossen kerzenscheinende Großstadtromantik. In die gleiche Kerbe hieb die Designerin Dorothee Schumacher, die am Donnerstag nach ihrer Schau zum Picknick in den Tiergarten bat. Und Michael Michalsky schickte am Freitagabend statt wehrhafter Amazonen eine Schwangere über den Laufsteg.

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Berlins Mode wurde in der vergangenen Woche weicher, wärmer. Aus der Zeit, als sie ihren subkulturellen Wurzeln noch dadurch Tribut zollte, dass sie durch die U-Bahnstationen und Clubs der Stadt zog und zu jeder Modenschau Technobeats gehörten, ist nur der schöne Brauch des Umherstreifens in der Stadt geblieben. Wie die Samen einer Pusteblume verstreute sich die Mode in alle Teile Berlins. Die Messe Capsule erblühte am Postbahnhof, das Label Mongrels in Common zeigte im verregneten Garten der jüdischen Mädchenschule. Der Nachwuchswettbewerb Start your Fashion Business bezog die Parochialkirche, das junge Label Malaika Raiss die Villa Elisabeth, Vladimir Karaleev stellte seine Models auf die Bühne des Grips Jugendtheaters und ein Eisstadion hinter dem BND-Neubau beherbergte die Entourage von Hugo Boss. So wird die ganze Innenstadt zur Arena der Kreativen, deren Identitätsbildung auch räumlich stattfindet.

Selbst für Vladimir Karaleev ist der deutsche Markt schwierig

Blüten senkten sich auch auf die Kleider für den kommenden Sommer. Das Label Blame, zweitplatziert beim Wettbewerb Start Your Fashion Business, holte schön ironisch die Kakteen und Palmen der Londoner Kew Gardens auf rostorangene Seidenblusen und -kleider. Unrath & Strano druckten einfach einen ganzen Gerberastrauß in Rosa auf Etuikleider. Interessanter waren da schon die Rosenköpfe, die Timm Süssbrich für sein Label Barre Noir auf kleine Schößchenjacken und Shorts pflanzte. Die schönste Blumenadaption gelang dem bulgarischstämmigen Berliner Vladimir Karaleev. Mit einer Textildesignerin hatte er abstrakte Blumendrucke in leuchtenden Primärfarben entwickelt und daraus luftige Tops und Röcke erarbeitet. "Ich hatte einfach Lust, mit mehreren Farben zu arbeiten und den Schritt hin zum Textildruck zu machen", sagte Karaleev. Seine Abnehmer in Asien und den USA werden es ihm im September, wenn Kareleev eine erweiterte Kollektion in Paris vorstellt, hoffentlich danken. Darauf, dass seine unaufgeregte Designermode auch in Deutschland Fans findet, scheint Karaleev langsam nicht mehr zu hoffen. "Man sagt mir, dass es die Frau für meine Sachen in Deutschland nicht gibt." Nicht gerade ein Ansporn für die anderen "jungen" Berliner, die in dieser Modewoche einen Satz nach vorn gemacht haben.

Denn auch bei Michael Sontag und Perret Schaad wird die Mode immer raffinierter. Die Neue Berliner Seidenhängerchensachlichkeit, die vor allem aus fehlenden Mitteln für aufwändige Stoffbearbeitung und -verarbeitung entstanden sein dürfte, weicht intelligenten Ensembles aus Tops, Blusen, Jacken, Hosen und Mänteln. Bei Michael Sontag kam das Thema Natürlichkeit in Form von strukturierter Chantung-Seide wieder, aus der er einen weichen Mantel und überlange Blazer schneiderte. Perret Schaad fertigten ein voluminöses Jäckchen aus Leinen und einen Bleistiftrock aus Zellulose, die sich anmutig am Körper bewegten.

Leserkommentare
  1. mit der sich die Stadt allzu gern schmückt, bislang wenig.

    Wowereit hat wenig getan? Nicht nur für die Mode.
    Wobei, auf der Modemesse war er doch immerhin 10 mal, ist ja auch viel netter da zu repräsentieren als anderswo ....

    Eine Leserempfehlung
    • Genet
    • 10.07.2012 um 0:38 Uhr

    Entschuldigen Sie, Frau Exner, aber sollte es nicht "LeS(!) Fleurs du Mal" heissen? Zumindest trägt Baudelaires Werk diesen Namen.

    Nichts für ungut.

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    Redaktion

    Liebe/r Genet,

    vielen Dank für den Hinweis - da ist mir ein S abhanden gekommen. Jetzt ist es da, wo es sein soll.

    Viele Grüße, Maria Exner

    Redaktion

    Liebe/r Genet,

    vielen Dank für den Hinweis - da ist mir ein S abhanden gekommen. Jetzt ist es da, wo es sein soll.

    Viele Grüße, Maria Exner

  2. Redaktion

    Liebe/r Genet,

    vielen Dank für den Hinweis - da ist mir ein S abhanden gekommen. Jetzt ist es da, wo es sein soll.

    Viele Grüße, Maria Exner

    Antwort auf "Nur eine Kleinigkeit"
  3. ... auf einen Punkt zu bringen:

    Wenn man die Kollektionen in Berlin ansieht, dann hat man nur sehr selten, eigentlich fast nie, den Eindruck:

    "Wow! Sieht das gut aus."

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