SportswearFrisch von der Strecke

Bewegung, Bequemlichkeit: Sportswear erlaubte einst, was die Mode streng verbot. Pünktlich zu Olympia prägen nun funktionale Stoffe und Schnitte eine neue Sportcouture. von Frauke Fentloh

Luxus-Sportswear von Helmut Lang

Luxus-Sportswear von Helmut Lang  |  © Peter Michael Dills/Getty Images

Die Beziehung von Mode und Sport war oft keine einfache Liaison: Da gab es Bodysuits und viel Lycra in den Achtzigern, in den Neunzigern trug man plötzlich Sporthosen mit aufknöpfbarer Seitenleiste. Und obwohl T-Shirt und Turnschuh mühelos die Jahrzehnte überdauert haben und in der Alltagsmode kein Trend resistenter ist: Von der High Fashion wurde die Sportswear die meiste Zeit bespöttelt – sie erschien geradezu als Antithese zur Mode.

Doch seit einigen Saisons erobert der Sport seinen Platz in der Mode zurück, in den Kollektionen der großen Modehäuser ebenso wie in der alltagstauglichen Streetwear. Die Pariser Designerin Isabel Marant zeigt Baseball-Trikots und Tracksuits, das New Yorker Label Helmut Lang kombiniert asymmetrische Sporttops und Trainingshosen mit Gummizug. Alexander Wang , der die Athletik-Elemente als einer der Ersten zurück in die großen Schauen brachte, treibt die Sport-Reminiszenz mit hautengen Jerseyanzügen und großflächigen Netz-Einsätzen am weitesten. Altuzarra, Phillip Lim, Marc Jacobs , Rag & Bone, Kenzo, Victoria Beckham , Raf Simons – die Liste der Designer, die sich aus dem Sportfundus bedienen, lässt sich endlos fortsetzen. Auf den Laufstegen sind Neopren, Bomberjacken und leichte High-Tech-Materialien zu sehen, in den Straßen und Blogs sind es Sport-Leggins, Rucksäcke und Rennräder . In den Magazinen häufen sich die Olympia -inspirierten Editorials. Und limitierte Turnschuhe von Nike oder New Balance sind längst zu Sammlerobjekten geworden.

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Sport und Mode beeinflussen sich schon lange gegenseitig. Coco Chanel holte den Jersey als bewegungsfreundliches Material in die Designerwelt, und Hosen fanden als Sportbekleidung ihren Weg in die Kleiderschränke der Frauen, um sich von dort ihren Weg in die Alltagsmode zu bahnen.

Zu Isabel Marants Sommerkollektion gehörten Basketballshirts.

Zu Isabel Marants Sommerkollektion gehörten Basketballshirts.  |  © Patrick Kovarik/AFP/Getty Images

Die sportliche Casual Wear, die in den zwanziger und dreißiger Jahren in den USA entstand, gilt bis heute als wichtigster amerikanischer Beitrag zur Modegeschichte: Inspiriert von der Kleidung der Athleten und entwickelt für die Zuschauer der Sportveranstaltungen, wurde sie zum Inbegriff für entspannte Geschäfts- und Freizeitkleidung. Und weil Freizeit in den folgenden Jahrzehnten immer wichtiger wurde, war Sportswear bald weltweit ein Erfolgskonzept, als Alltagslook und Basis jeder zeitgenössischen Kleidung. Zugleich zeigte sich in ihr das Schwinden von Formalität und Status- und Klassendenken.

Für den Langstreckenlauf auf der Fifth Avenue: Alexander Wangs Sommerkollektion 2012

Für den Langstreckenlauf auf der Fifth Avenue: Alexander Wangs Sommerkollektion 2012  |  © Peter Michael Dills/Getty Images

In den Achtzigern brach sich schließlich der Fitness- und Aerobic-Hype Bahn. Leggins, Bodys, Trikots, Stirnbänder und Legwarmer waren in den Büros und Clubs ebenso vertreten wie in den Fitnessstudios und brachten dem Jahrzehnt den Ruf einer Ära des schlechten Geschmacks ein. Von diesem Sport-Schock hat sich die Modeindustrie lange nicht erholt, auf den Laufstegen waren Fitnesslooks jahrelang tabu. Im Freizeitbereich traten sie dagegen ihren Siegeszug als Konsens-Look an – bequem und verhältnismäßig günstig, aber nicht unbedingt schön. Es ist nicht zuletzt die klare Absage an Sportswear, die den Körper lediglich verhüllt, statt ihn zu präsentieren, die den Eindruck entstehen lässt, Designermode sei heute dem Alltag gänzlich entrückt.

Erst im Jahr 2010 löste sich diese Dichotomie, Sportswear fand zurück auf die Laufstege. Die jungen New Yorker Alexander Wang und Joseph Altuzarra zeigten sportlich geprägte Kollektionen – denn noch immer scheinen die amerikanischen Designer diesem Look stärker verbunden zu sein als die europäischen Modehäuser. Seitdem integrieren immer mehr Labels Sportelemente wie Ballonseide, Gurte oder perforiertes Leder in ihre Entwürfe. Dabei muss niemand mehr so aussehen, als käme er gerade aus dem Fitnessstudio. Stattdessen werden Silhouetten oder Materialien der Sportswear mit femininen Linien kombiniert, minimalistische Schnitte und auffällige Details zu einer Art Sportcouture vermengt. Ohne die extremen Farben der Achtziger, dafür funktional und elegant. 

Leserkommentare
  1. Kann man nicht einfach von Sport-Kleidung, sportlicher Kleidung, sportlicher Mode, Schuhen oder Fußbekleidung, Unterwäsche etc. reden. Diese Sprache ist lächerlich!
    Dazu passt dann, dass jeder Hausmeister ein Facility Manager ist, die Abteilungsleiterin Floor Manager heißt usw.. Eine einzige Hochstapelei.

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    • ztc77
    • 24. Juli 2012 22:20 Uhr

    Anywears for weirdos!

    • ztc77
    • 24. Juli 2012 22:20 Uhr

    Anywears for weirdos!

  2. Das war ja noch nie da ! [ironie off]

    Meine Ex hat vor 25 Jahren das Gleiche getragen, nur in blau !Zuhause! Vor dem Fernseher! Mit einer Tüte Erdnussflips ! Kann ich jetzt Isabel Marants verklagen, von wegen "Geschmacksmusterverletzung"?

  3. das murmeltier

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Stella McCartney | Adidas | Nike | Fitnessstudio | Kanye West | Marc Jacobs
  • Models present creations from the Felder & Felder Autumn/Winter 2013 collection during London Fashion Week, February 15, 2013. REUTERS/Olivia Harris (BRITAIN - Tags: FASHION)

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