Die neunte Ausgabe der brasilianischen Harper’s Bazaar liegt frisch gedruckt an den Kiosken von São Paulo . In ein paar Tage wird sie vergriffen sein, denn das Heft ist das neueste Luxusprodukt auf dem hiesigen Zeitschriftenmarkt, zumindest kurzzeitig noch interessanter als die bereits seit 1975 existierende Vogue oder die mehr auf die Mittelschicht schielende brasilianische Elle .

Doch auch Elle verkauft sich immer rasend schnell, beispielsweise mit dem brasilianischen Supermodel Lea T. auf dem März-Cover, der Muse des Givenchy-Designers Riccardo Tisci. Zum Erscheinen der Ausgabe war Tisci selbst angereist, um die neue Kundschaft zu studieren, wie so viele Designer. Denn São Paulo ist für Luxusmarken mittlerweile einer der wichtigsten Absatzorte der Welt.

Mit seinen knapp 20 Millionen Menschen ist São Paulo wegen des großen Gefälles zwischen arm und reich aber auch eine der gefährlichsten Städte der Welt. Täglich gibt es bewaffnete Überfälle und Entführungen, vor allem in den besseren Vierteln Jardins, Itaim Bibi, Morumbi und Pinheiros, wo sich Villen, Apartmentanlagen, Boutiquen, Restaurants und Einkaufszentren aneinander reihen. Um Leben und Tod geht es bei den Überfällen selten. Technische Geräte, Schmuck, Geld und Bekleidung werden mit Waffengewalt verlangt, aber wer schnell alles hergibt, wird schnell wieder frei gelassen.

Aus dem Materialismus der einen und der Kriminalität der anderen entwickelt sich seit Anfang des Jahres ein neuer Verbrechenstrend, eine Geschichte, wie es sie selbst in São Paulo bisher nicht gegeben hat. Im März wurde eine Gruppe blonder Frauen Ende zwanzig festgenommen, die wiederum ausschließlich Frauen überfallen hatte – in den Parkhäusern der schicken Einkaufszentren. Die Täterinnen gelten als Teil der Mittelschicht, waren allesamt gepflegt und gut gekleidet. Ihre Recherchequelle? Die schnell ausverkauften Hochglanzmagazine. Von Vogue und Harper’s Bazaa r lernten die Diebinnen, wie eine Celine Phantom Luggage Tasche aussieht und was eine Hèrmes Birkin Bag kostet. Dank der Hefte kann sich jeder mit teuren Modemarken und Preisen auskennen.

120 Prozent Luxussteuer

Entwickeln konnte sich diese Form der Mode-Kriminalität, weil die brasilianische Währung seit knapp zehn Jahren stabil ist – derzeit entspricht ein Euro etwa 2,50 Real. Der wirtschaftliche Aufschwung hat Brasilien eine Mittel- und Oberschicht beschert, die um ihr Leben shoppt: Autos, Fernseher, iPhones, Immobilien. Das meiste wird auf Raten gekauft, denn das Geld ist morgen noch genau so viel wert wie heute, wenn nicht noch mehr. In diesem Klima sind die Reichen noch reicher geworden. In den wohlhabenden Bezirken São Paulos herrscht eine Stimmung wie im Wirtschaftswunderdeutschland der fünfziger Jahre. 70 Prozent des brasilianischen Luxuskonsums findet in São Paulo statt.

Es sind die Frauen dieser neuen Oberschicht, die Harper’s Bazaar und Vogue verschlingen, problemlos 6.600 Euro für eine Chanel Tasche ausgeben, für die man schon in Paris mindestens 3.000 bezahlt, und 30 Euro für einen Cheeseburger mit Pommes in der Mall Cidade Jardim für angemessenen halten. Die enormen Preise haben nicht etwa mit Inflation zu tun. Bei importierten Luxusartikeln berechnet der brasilianische Staat eine Luxussteuer von 120 Prozent, ein ähnliches Prinzip gibt es in Japan . Natürlich reist die Upperclass zum Einkaufen nach New York , Miami oder Paris, wo die Brasilianer bereits zur beliebtesten und kaufkräftigsten Kundschaft zählen. Doch für die Paulistas, die Bewohnerinnen der Stadt, sind Designerhandtaschen ein notwendiges Statussymbol, sie sich in der eigenen Stadt leisten zu können, verschafft noch mehr Respekt.