Modeblogger Yvan Rodic : "Das Internet hat die Mode befreit"

Als einer der ersten zeigte sein Blog "Facehunter" Trends von der Straße. Im Video-Interview erzählt Yvan Rodic, wie die Mode so von der digitalen Revolution profitiert.
Stilblogger Yvan Rodic über Mode und das Internet

Seinen eigenen Namen kennen die wenigsten, der seines Blogs Facehunter ist hingegen in der ganzen Welt bekannt. Zumindest bei den Menschen, die sich für Mode und Stil abseits daumendicker Hochglanzmagazine interessieren. Aus der schlichten Idee, die interessant und gut angezogenen Menschen zu fotografieren, die Yvan Rodic während seiner Abende in Pariser Galerien und Bars und auf dem Gehweg davor traf, wurde innerhalb weniger Jahre ein Beruf, der ihn unablässig von Stadt zu Stadt treibt: Er ist Street Style Blogger.

Was Rodic als Facehunter und sein New Yorker Kollege Scott Schuman unter dem Namen The Sartorialist begonnen haben, hat sich innerhalb weniger Jahre als festes Medium der Mode etabliert. Auf Tausenden von Blogs zeigen heute mal mehr und mal weniger professionelle Enthusiasten, wie man sich auf den Straßen von Paris und Berlin , aber auch in Kalkutta , Toronto und Medellin kleidet.

Der große Erfolg der Street Style Blogs sei vor allem mit dem Wunsch nach mehr Individualität und mehr Wahlmöglichkeiten zu erklären, sagt Yvan Rodic ZEIT ONLINE im Interview. Während es bis vor wenigen Jahren fast ausschließlich Designer und die Moderedakteure großer Zeitschriften gewesen seien, die vorgaben, was gerade tragbar war, orientierten sich die Konsumenten heute auch an den authentischen Stilvorschlägen, die Blogs wie Facehunter täglich machen. "In dieser Hinsicht hat das Internet die Mode befreit", sagt Rodic.

Es klingt gut, das gesellschaftliche Versprechen, dass mit Blogs wie Facehunter einherging: Getragen werden darf, was gefällt – die Mode endlich unabhängig vom Diktat der Industrie und der Geschmackseliten. Die Wiener Soziologin Monica Titton allerdings sieht diese Utopie als teilweise gescheitert an. Statt für einen toleranteren Modebegriff zu werben, verkörperten Modeblogs in vielen Fällen die "Illusion der Inklusion".

Auch Yvan Rodic erkennt wenig befreiendes Potenzial in der Arbeit der vielen Nachahmer, die sich damit begnügen, während der Modewochen in Paris , London und New York die gertenschlanken, teuer gestylten Gäste zu fotografieren oder gleich mit einem Koffer voller Accessoires von Anzeigenkunden in der Fußgängerzone stehen und Passanten damit ausstatten. "Ich versuche, so oft wie möglich in Städten abseits der großen Modemetropolen zu sein und zu zeigen, was sich dort entwickelt", sagt Rodic. "Blogs machen die Modeindustrie nicht plötzlich zu einem Garten Eden. Aber zumindest können die Menschen jetzt aus vielen Möglichkeiten wählen, wie sie sich anziehen wollen."

Kommentare

4 Kommentare Kommentieren

Ignoranz, Information, Konsens

Eine Icone wird nur, wer sich nicht um Mode schert. (siehe Castro). Alle andern gehen in der Beliebigkeit des Wechselhaften unter. Deswegen war Mode so gut geeignet für die Bourgeoisie und kam erst zeitverzögert und abgeschwächt im Proletariat an. Heute werden wir alle entindividualisiert von Ikea, Hennes und Mauritz und Karl Lagerlöff.

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Same same but different

Interessanter Artikel, der indirekt auch das Thema "Sampling/Collage" aus dem Artikel von Frau Exner über die NY Fashion Week aufgreift.
Dieser uniformisierten Individualität, die durch die Blogger-Bilder ihren Weg in den High-Street-Kommerz findet, steht mE eine Bewegung hin zum Artisanalen entgegen.
In dieser (kostspieligen) Nische findet man wahre Einzigartigkeit. Vielleicht mehr in Bezug auf ein einzelnes Produkt als auf einen ganzen Look, aber immerhin erzeugt so etwas noch Emotionen.
Der Trend des "Re-Pinnens-Re-Postens" ist eine Art von Ideen-Recycling auf Fast-Food-Niveau und kommerzieller Kreativ-Killer. Auf die Dauer nur noch langweilig.

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