Hysterisch ist die New Yorker Modewoche in jeder Saison. Sieben Tage lang braust das aufgerüschte Fachpublikum durch die Stadt. Laut schnatternd, absatzklackernd und stets begleitet vom Kameraklicken der Streetstyle-Fotografen, die nimmermüde die gelungensten und schrillsten Outfits des Tages sammeln. Diesmal sprechen aber selbst die stresserprobten Taxifahrer in ihren Yellow Cabs von einem Ausnahmezustand.
"Es ist extrem", sagt Farooq Mosin, "besonders im Meatpacking District ist es einfach zu viel."

Meatpacking District? Moment. Das Zentrum der Modewoche liegt traditionell weiter uptown . Vor zwei Jahren sind der Veranstalter IMG und der Hauptsponsor Mercedes Benz sogar noch ein bisschen weiter nach Norden gezogen. Von den Zelten im Bryant Park hat sich die Fashion Week in das Lincoln Center auf der 62. Straße verlagert, den größten Veranstaltungsort für darstellende Künste in der Stadt.

Hier präsentieren amerikanische Designer wie Michael Kors, Diane von Fürstenberg und Vera Wang ihre Schauen. Industrie-Schwergewichte. Aber auch jüngere Talente wie Richard Chai , Supima und der Kalifornier Chadwick Bell, für den es die dritte Schau unter eigenem Namen ist, zeigen ihre Mode in den gediegenen weißen Hallen des Lincoln Centers.

Ausdruck einer neuen kreativen Kraft?

Vom Meatpacking District, der New Yorker Feiermeile im Südwesten Manhattans, steht im offiziellen Schauenplan nichts. Trotzdem sind die Gehwege im Backsteinschatten der ehemaligen Schlachthallen überfüllt. Das wartende Modepublikum tritt sich die Absätze platt, um die Schau von Alexandre Herchcovitch, Peter Som oder Erin Fetherston zu sehen – Designer, die sich bislang an IMG und den offiziellen Schauenplan hielten. Dass diese Modemacher das Risiko eines Umzugs wagen, ist der Erfolg der MADE Media Group. Ein Veranstalter, der in den letzten Saisons zu einer ernstzunehmenden Konkurrenz für IMG herangewachsen ist.

Im letzten September fragte sich die New-York-Times -Kritikerin Cathy Horyn noch, wie sie diese Verschiebung des kreativen Zentrums innerhalb der Stadt bewerten sollte. Ist die MADE-Modewoche wirklich Ausdruck einer neuen kreativen Kraft? Oder serviert sie nur Bekanntes und Mittelmäßiges frisch aufbereitet und täuscht so darüber hinweg, dass Amerika in Sachen Modenachwuchs schwächelt? Immerhin: Unter den Fittichen von MADE sind schon Proenza Schouler und Alexander Wang gewachsen. Beide Marken gehören mittlerweile über New York hinaus zu den Großen des Modegeschäfts.

Die fünfzig Schauen und Veranstaltungen, die noch bis zum Donnerstag unter dem Dach der MADE stattfinden, beantworten Horyns Frage ziemlich klar. Da ist beispielsweise die Kollektion von Patrik Ervell, der mit seinen schlichten Männerkollektionen seit einigen Jahren einen skandinavischen Sinn für kluge, simple Schnitte in die amerikanische Mode bringt. Und Suno, das von Erin Beatty und Max Osterweis geführt wird. Außer den kalifornischen Schwestern Kate und Laura Mulleavy mit ihrem Label Rodarte kombiniert niemand so kunstfertig Materialien und Muster, experimentiert so freigeistig mit Schnittführungen. Oder das Duo hinter Costello Taglipietra, das an Diane von Fürstenberg anknüpft. Sie arbeiten mit klassisch-amerikanischen Jersey-Stoffen und interpretieren Wickelkleider, aber mit dem Blick einer jüngeren Generation.

Von Anfang an verfolgten die drei MADE-Gründer Jenné Lombardo, Mazdack Rassi und Keith Baptista die Förderung des amerikanischen Modedesign-Nachwuchses. Alle drei sind etablierte Namen: Mazdack Rassi gehören die Milk Studios, in denen die meisten MADE-Schauen laufen und die außerdem als Ort für Foto- und Filmproduktionen und ausschweifende Partys bekannt sind. Keith Baptista leitet das digitale Geschäft der internationalen Mode-PR-Firma KCD, die unter anderem Marc Jacobs betreut. Jenné Lombardo war Geschäftsführerin der Kosmetikfirma M.A.C, bevor sie begann, die MADE Fashion Week aufzubauen.