Ein erbittertes Rennen um neue Bestmarken sind diese Modewochen nicht. Statt sich abzumühen, die eine Wahnsinnskollektion oder den verblüffenden Trend für den kommenden Frühling auf den Laufsteg zu bringen, machen die Designer für das Frühjahr einfach, was sie am besten können: tief in ihre Motiv- und Formenkiste greifen und neu arrangieren, was sie da finden. Doch statt wie üblich ihre Inspirationen zu einem kohärenten, neuen Ganzen zu synthetisieren, schickten überraschend viele Labels aus Versatzstücken montierte Entwürfe auf den Laufsteg.

So druckte der Acne-Designer Jonny Johansson seinen Models drei Begriffe auf Brust und Rücken: " New ", " Music " und " Collage ". "Wir wollten mit dieser Kollektion offenlegen, was unser Design prägt", sagte Johansson. "Musik, Innovation und abstrakte Collagen sind für Acne besonders wichtig. Wir lassen immer verschiedene Inspirationen und Einflüsse aufeinanderprallen."

Auf dem Laufsteg präsentierte der Schwede eine eher schlichte Variante dieses Prinzips. Große Farbfelder setzte er aneinander, sodass ein ausgestellter Rock rechts grün und links schwarz, eine Hose vorn weiß und hinten schwarz erschien. Wallende Plisseeröcke wurden zu gegürteten, eckigen Lederwesten getragen, eine Schlangenhaut saß auf einem Trenchcoat wie aufgeklebt statt eingearbeitet.

Das Prinzip Collage zieht sich schon seit Beginn der Frühjahresschauen in New York als roter Faden durch die Modewochen. Mit einer Lederweste, die aus Python- und Glattleder in fünf verschiedenen Farben zusammengesetzt ist, eröffneten schon Proenza Schouler ihre Präsentation. Schmale Kleider bedruckten die beiden Designer mit Bildern von Menschenmengen und Sonnenanbetern in Swimmingpools, überblendeten sie mit Satinstreifen, Polka-Dots und bunten Nieten. Als Referenz gaben Jack McCollough und Lazaro Hernandez die Micro-Blogging-Website Tumblr an. Mit der lassen sich Webinhalte wie Texte, Bilder und Musik nach dem Prinzip Zufall sammeln, je nachdem, wo ein Nutzer gerade vorbeisurft.

Eher freien Assoziationen statt einem strengen Designfahrplan folgt auch das junge Londoner Erfolgsduos Peter Pilotto . Christopher De Vos und Peter Pilotto sind die Frontmänner des nun schon knapp drei Jahre dauernden Siegeszugs luxuriöser Digitaldruckmode. Ein einziges Thema für eine Kollektion? "Langweilig", finden sie. Auf einer Indienreise fanden die Designer die Farben für ihre neue Kollektion. Leuchtendes Grün, Orange, Rot und Kobaltblau legen sie in Wellen, Streifen, Würfeln und Ornamenten übereinander und erzeugen damit irritierende Trompe-l’oeil-Effekte. Nur die schnurgeraden Schnittkanten und Silhouetten-schmeichelnde Konturen fangen die mitunter schrille Buntheit der Entwürfe ein. Für diesen kontrollierten Wahnsinn lieben unter anderem die britische First Lady Samantha Cameron und Popstar Rihanna die junge Marke. Ganz ähnlich, aber mit einem deutlich ruhigeren Endergebnis, arbeitet auch Modemacherin Mary Katrantzou . Die ehemalige Textildesignerin hat für das Frühjahr Ausschnitte alter Geldnoten, Postkarten und Briefmarken zu ornamentalen Prints verarbeitet.

Nun gehört, was in der Musik Sampling, in der Literatur Intertextualität und in der bildenden Kunst eben Collage heißt, von jeher zum Einmaleins des Modemachens. Das Zusammenfügen von Stoffstücken, die scheinbar nicht zusammenpassen, ist in seiner rudimentärsten Form bekannt als Patchwork. Doch jetzt schlüpft diese alte Technik in eine neue Rolle. Während das Zusammensetzen neuer Songs aus Hunderten Schnipseln schon bestehender Kompositionen für komplizierte Urheberrechtsprozesse sorgt, erzeugen derlei Mode- Mash-Ups genau den umgekehrten Effekt.