Carine Roitfeld Stylisten im Schneewittchensarg

Die ehemalige "Vogue"-Chefin Carine Roitfeld hat ein eigenes Magazin gegründet. Frisch und jung soll es sein. In Wahrheit ist es erstaunlich irrelevant.

Carine Roitfeld bei der Launch-Party ihre Magazins in New York

Carine Roitfeld bei der Launch-Party ihre Magazins in New York

Die erste Überraschung ist, dass sich Carine Roitfeld als Journalistin bezeichnet. Sie möchte ernst genommen werden, nicht nur als Stylistin, sondern als Blattmacherin. Nach ihrem Abgang von der französischen Vogue will sie es allen beweisen: dass sie mehr kann, als wunderbare Kleider wunderschönen Modellen anzuziehen. Sie will Geschichten erzählen und inspirieren. Im besten Fall will sie darauf Einfluss nehmen, wie sich Frauen kleiden. "Ich war in einem goldenen Käfig gefangen", sagte Roitfeld, nachdem sie die französische Vogue verlassen hatte. Damit meinte sie, dass der Condé Nast Verlag viele Regeln aufstellt. Sie muss ein Armani Kleid fotografieren, auch wenn sie es nicht mag. Denn Armani schaltet Anzeigen, und ohne Anzeigen keine Vogue.

Laut verkündete Carine Roitfeld vorab, sie richte in ihrem neuen Magazin den Blick auf junge Talente: frische Fotografen, frische Designer – die neue Generation soll ein neues Forum bekommen. Der Condé Nast Verlag schickte vorsorglich eine Erklärung an alle kollaborierenden Fotografen, mit der Ansage, dass wer für Roitfeld arbeitet, nicht für Condé Nast arbeiten kann. Carine Roitfeld freut sich über dieses Zeichen von Angst und kommentiert, "mein Magazin wird ein Who's who der neuen Generation".

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Jetzt ist CRfashion book am Kiosk. Es ist ein pralles Heft geworden, das Roitfeld zusammen mit Stephen Gan (Herausgeber des V Magazine und Visionaire) herausgibt und verlegt. Es ist ein monothematisches Heft. Das Thema ist Rebirth. Inspiriert wurde Roitfeld von ihrer Tochter Julia und der Tatsache, dass Roitfeld jetzt zum ersten Mal Großmutter geworden ist. Das Editorial zeigt die hochschwangere Julia, dazu gibt es einen Text in dem Roitfeld ihre eigene Wiedergeburt erklärt; als Blattmacherin mit dem Fokus frisch, jung und frei zu sein.

Roitfeld ist keine Journalistin

Das Magazin beginnt mit einem prätentiösen Text von Amma Mata Aneitanandamayi. Sie ist ein indischer Guru, die von ihrer Anhängerschaft Mutter genannt wird und ausführlichst berichtet, was es bedeutet eine Mutter zu sein. Wenn uns Carine Roitfeld das selbst erzählt hätte, wie sie eine Karriere als erfolgreiche Stylistin und Blattmacherin lebte und gleichzeitig dabei zwei Kinder groß gezogen hat, würde man vielleicht an dem Text dran bleiben.

Gut, Roitfeld ist keine Journalistin. Vielleicht fehlt ihr das Gespür für gute Autoren und Geschichten, die man gerne liest. Die zweite Überraschung: Die Modestrecken haben ausschließlich altbekannte Fotografen gestaltet. Die Fotos sind lieblos aneinander gereiht, ohne dass zu erkennen wäre, dass es sich um die neue Garderobe für den kommenden Herbst handelt. Es gibt Mode von Chanel, Givenchy und Dior zu sehen, inszeniert von Fotografen älteren Semesters: Jean Baptiste Mondino (63), Bruce Weber (66), Nan Goldin (53) oder Karl Lagerfeld (79). Von Frische und Jugend ist keine Spur. Und auch nicht von der sonst für Roitfeld üblichen spektakulären Inszenierung der Mode.

Einmal liest man den Namen Michael Avedon und freut sich. Er ist der Enkel des Fotografen Richard Avedon und studiert in New York Fotografie. Damit sind die jungen Talente abgedeckt. Inhalte gibt es nur wenige. Einmal schreibt die Schauspielerin Anne Hathaway darüber, dass sie wirklich gerne Babys möchte, nur nicht jetzt. Und ein paar Modestrecken weiter geblättert, spricht die Schauspielerin Kirsten Dunst über Besessenheit.

Leser-Kommentare
  1. "Erstaunlich irrelevant": ist das nicht eine perfekte Beschreibung so ziemlich *jedes* Modeblättchens auf dem Markt - egal, wie es auch heißen mag?

    3 Leser-Empfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • birba
    • 05.10.2012 um 15:51 Uhr

    diesem Artikel.

    • birba
    • 05.10.2012 um 15:51 Uhr

    diesem Artikel.

  2. Für die Überschrift volle Punktzahl :-) Sie trifft genau den Punkt. Insgesamt sind diese Superstylegazetten ja auch zumeist für Leserinnen die wie zerlumpt gekleidet herumlaufen aber nur mal schauen wollen, sonst wäre der Marktanteil dieser Mode nicht im Promillebereich zu finden.

    • birba
    • 05.10.2012 um 15:51 Uhr

    diesem Artikel.

    Eine Leser-Empfehlung
    • grrzt
    • 05.10.2012 um 16:47 Uhr

    Was ist so erstaunlich an Irrelevanz? Noch eine Modegazette? Das Gefasel übers Muttersein? Alternde Fotografen? Die Banalität Kleider an Frauen, die sonst nix können zu fotografieren? Das diese tollen Kunstwerke, selbst bei Frauen, die es sich leisten können (sarenwer mal in Düsseldorf...;-) nicht zu sehen sind? Dass darüber berichtet wird? Tja man weiß es nicht. Oh, hoppla, gerade ist in China ein Sack Reis umgefallen, da muss ich mich drum kümmern.

  3. oder wie ist es sonst zu erklären, dass meine vier
    Vor-Kommentator(inn)en alle den Artikel lesen mussten, obwohl vorher schon klar war, dass es nur um ein "irrelevante Modeblättchen" geht? :-P

    @Jina Khayyer: Ich fand den Artikel spannend und werde mir den neuen Titel mal anschauen, um mir selbst ein Bild zu machen.

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  4. Herzlichen Dank Leanders. Wunderte mich schon ob all den negativen Kritiken der fuer Mode ach zu gebildeten Zeit Leser... :)
    Interessanter Artikel. Carine tut mir ein bisschen leid. Aber die Zeit wird zeigen wie wichtig ihr Beitrag im Endeffekt wirklich war, und nicht die "Zeit".

    Eine Leser-Empfehlung

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