Die Kollektionen von Carven sind der neue Pariser Verkaufsschlager. © Imax Tree

Julian David ist Franzose, lebt und arbeitet in Tokyo und zeigte seine Frühjahrskollektion vergangene Woche in Paris . Noch vor wenigen Jahren hätte ein sowohl relativ junger als auch ortsfremder Designer wie David die Finger von der ältesten aller Modestädte gelassen. Wer nicht unmittelbar in Paris sein Atelier hatte und auch keinen bekannten Namen, der scheute die überlaufene und von großen und marktmächtigen Namen dominierte Pariser Modewoche.

Doch bei den eben zu Ende gegangenen Schauen zeigte sich, dass mittlerweile eine ganze Reihe neuer Namen Bewegung in die alten Modemechanismen bringt.  

David beispielsweise hat es nicht nur in den offiziellen Kalender geschafft, er konnte seine Kollektion auch schon in den wichtigen Boutiquen platzieren: im Schaufenster bei Colette und einer eigens gestalteten Ecke im Kaufhaus Bon Marché. Davids Talent sind coole Drucke und Silhouetten, in denen sich eher feminine französische Formen und die strengere, japanische Ästhetik vereinen. Dieses Frühjahr gewann der 33-Jährige dafür den französischen Modepreis Andam. Das Preisgeld wird ihm helfen, seine Marke aufzubauen, die schon jetzt nicht mit den großen Luxushäusern konkurrieren will, sondern eine eigene Kundschaft anzieht.

Kenzo und Carven, zwei dem Namen nach alteingesessene, aber mit jungem Personal besetzte Marken, gehen einen ähnlichen Weg wie Julian David. Ihre Zielgruppe sind modeverliebte Frauen zwischen 20 und 35, die mehr Geld zur Verfügung haben, als man bei H&M ausgeben kann – aber nicht genug, um sich bei Celine oder Givenchy einzukleiden.

Wer hat die attraktiveren Preise?

Für dieses Publikum zeigten die neuen Kenzo-Designer Carol Lim und Humberto Leon keine überraschend konstruierten, neuen Silhouetten, sondern schlicht tragbare und dabei verhältnismäßig erschwingliche Mode. Als sie von Kenzo als Designer verpflichtet wurden, hatten sich Lim und Leon mit ihrer New Yorker Erfolgsboutique Opening Ceremony einen Namen gemacht.

Die beiden 36-Jährigen arbeiten also vor dem Hintergrund, dass Mode nur dann ihre Berechtigung hat, wenn sie sich verkaufen lässt. Carven ist schon seit 2009 dabei, sich mithilfe des 30-jährigen Designers Guillaume Henry im sogenannten contemporary -Segment zu etablieren. Das zeichnet sich durch sehr gute Material- und Verarbeitungsqualität, ein Prêt-à-porter-Anspruch im Design und ein mittleres Preisniveau aus. Natalie Massenet, Gründerin und Einkäuferin der Online-Boutique Net-a-Porter.com vergleicht Guillaumes Talent mit dem von Yves Saint Laurent und sagt, Carven verkaufe sich schneller als ein Lippenstift. Zur Mode stellen sich in Paris nun also zwei Fragen: Wer hat die besseren Konzepte? Und wer die attraktiveren Preise?

Den etablierten Pariser Designern bekommt diese neue Konkurrenz aus der Mitte scheinbar ausgesprochen gut. Karl Lagerfeld bewies, dass er es versteht, das Haus Chanel in die Zukunft zu führen. 80 Ideen schickte Lagerfeld über den Laufsteg, angetrieben von gigantischen Deko-Windrädern, die die Botschaft sendeten: Jetzt weht ein neuer Wind. Das Thema bei Chanel und überhaupt in der kommenden Sommersaison: Dualität, die Vereinigung scheinbar unversöhnlicher Gegensätze. So zeigte Chanel Silhouetten, deren Trägerin es sich nicht einmal leisten kann, eine Traube zu essen, an der Seite von weit ausgestellten Formen, die auch einer Frau ab Größe 40 Bewegungsraum lassen. Das Ganze ist mit Perlen oder Blumen bestickt und von ausladenden Bolerojäckchen begleitet.

Ann Demeulemeester präsentierte mit ihrer bodenlangen A-Silhouette noch einen Trend für den kommenden Sommer. Demeulemeester bleibt bei ihrem Frauenbild, das zwischen würdevoll und dramatisch changiert. Ihre Sakkos – die zu den Besten gehören, die man kaufen kann – sind diesmal ärmellos und lang oder kurz geschnitten. Dann lassen sich die Ärmel aber durch einen Reißverschluss abnehmen. Derlei Funktionalität wird einem in der kommenden Saison häufiger begegnen. Genauso wie japanische Silhouetten und Drapierungen, wie sie unter anderem schon Prada in Mailand und nun auch Haider Ackermann zeigte.


Ackermann ist diesmal abgekommen von seinen sensiblen Farbkombinationen und hat sich auf schwarz, weiß und grau konzentriert.  Er präsentierte schmal geschnittene Hosenanzüge in Salz-und-Pfeffer-Optik und benutzte breite Gürtel, um die Taille zu betonen. Seine weißen Polka-Dots auf schwarzer Seide sind so transparent, dass die Haut durchscheint – eine Kollektion, die stark und zart zugleich ist.

Auch Dries van Noten spielt mit dem Dualitätsprinzip und kombiniert maskuline Formencodes mit femininen. Am schönsten zu sehen war das bei einer Reihe von Karoblusen aus transparenter Seide. Eine Überraschung ist auch die Miu-Miu-Kollektion von Miuccia Prada. Prada hat sich mit Denim befasst und tatsächlich neue Wege gefunden, Jeansmäntel, überknielange Röcke und Jackets im Sixties-Stil chic zu machen. Diese Miu-Miu-Frau erinnert sehr an Alfred Hitchcocks Tippi Hedren.