Bloggerin Mary Scherpe"Dunkle Leggings und der Hintern leuchtet"

Ihr Blog "Stil in Berlin" machte sie bekannt. Hier spricht Mary Scherpe über Shopping in ihrer Wahlheimat Berlin und die aktuelle Herbstmode. von Esther Kogelboom und Ulf Lippitz

Mary Scherpe

Mary Scherpe  |  © Anna Rosa Krau

Frage:  Frau Scherpe, seit Kurzem gibt es in Berlin an der Steglitzer Schlossstraße eine Filiale von Primark, einem irischen Billigmodehaus. Am Eröffnungstag stürmten Hunderte Schnäppchenjäger den Laden …

Mary Scherpe:  … ich kenne den Laden aus London, da war ich überfordert von der Menge an Kleidung und den Menschenmassen. Alles ist irre billig und führt dazu, dass die Leute shoppen wie die Wahnsinnigen: Zehn T-Shirts reichen plötzlich nicht mehr.

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Frage: T-Shirts gehören doch in jeden Kleiderschrank.

Scherpe: Ja, aber wenn in einem Kleiderschrank nur Basics sind, sieht man eben auch basic aus! Schade, dass viele Deutsche so darauf bedacht sind, sich möglichst unauffällig zu kleiden.

Frage: Seit einigen Tagen ist es wieder kühl. Was ist der ideale Zeitpunkt, einen Wintermantel zu kaufen?

Scherpe: Der richtige Augenblick ist, bevor das entsprechende Wetter kommt. Am besten kauft man antizyklisch – das heißt, man schaut im August in die Läden, wenn die erste Herbstmode angeliefert wird. Oder kauft den heruntergesetzten Wintermantel im März, für die nächste Saison.

Frage: Sie tragen eine graue Wolljacke mit integrierten Handwärmern. Ist die neu?

Scherpe: Die habe ich tatsächlich im Frühjahr gekauft. Und dank des Berliner Sommers habe ich sie bisher schon mehr als einmal getragen.

Frage: Profis vakuumisieren ihre Pullover über den Sommer. Sie auch?

Scherpe: Oh, ich bin eine Chaotin, was das Lagern von Kleidung angeht. Ich besitze ein Yves-Saint-Laurent-Kleid aus den 90ern und bin heilfroh, dass ich geschafft habe, es in einen Kleidersack zu tun. Saisonal den Kleiderschrank umräumen, Schuhkartons mit Polaroids drauf – das kriege ich nicht hin.

Frage: Und welcher ist Ihr Pullover des Herbstes?

Scherpe: Was ich super finde, ist so eine richtige Pulliform: mit Rundhalsausschnitt, nur bis zum Hosenbund, gerne mit Tierkopf drauf. Es gibt einen des Britischen Designers Peter Jensen, mit Fuchskopf, der kostet nur leider 190 Euro. Jensen hat natürlich nicht die Möglichkeit, 5.000 davon herzustellen.

Frage: Nervt es, ständig nach dem ultimativen It-Piece der Saison gefragt zu werden?

Scherpe: Das beantworte ich eigentlich nie, weil es meinem Verständnis von Mode nicht entspricht. Jedes Jahr um diese Zeit werden zum Beispiel Beerenfarben wieder als Trend verkauft – so wie im Frühjahr dann Marinestreifen. Ich mag die Mode spielerischer, offener.

Frage: Gibt es einen Unterschied zwischen "shoppen" und einkaufen?

Scherpe: Letztens sah ich im Fernsehen Shopping Queen auf Vox, wo es darum geht, innerhalb einer bestimmten Zeit ein Outfit zu einem bestimmten Preis einzukaufen. Fast alle Kandidatinnen bezeichneten dabei Shopping als ihr größtes Hobby. Das finde ich durchaus fragwürdig. Einkaufen dagegen ist eher eine zielgerichtete Notwendigkeit.

Frage: Woher beziehen Sie Ihre Sachen?

Scherpe: Aus dem Netz. Ich bin so eine, die viel bestellt und viel wieder zurückschickt.

Frage: Dann stehen Sie bei der Post Schlange.

Scherpe: In meiner kleinen Postfiliale muss man selten anstehen. Mein letzter großartiger Onlinekauf war ein gebrauchter britischer Armeeparka von ranger-shop.de. Wenn ich den überziehe, fühle ich mich sicher und geborgen, da hat man auch gleich eine ganz andere Ausstrahlung. Ich trug ihn neulich – sehr absurd – über einem weißen Shiftkleid.

Frage: Sie haben einmal erklärt, dass Sie politische Mode wie Palästinenser-Tücher ablehnen.

Scherpe: Das stimmt. Die Flagge und das Namensschild des Parkas habe ich auch entfernt. Ich widerstand der Versuchung, den Namen des Soldaten zu googeln. Natürlich bleibt es deswegen Militärkleidung, aber welche politische Gesinnung dahinter steckt, ist nicht mehr identifizierbar. Das ist für mich ausreichend entfremdet.

Leserkommentare
  1. Witzigerweise gilt die Unterscheidung Shopping und Einkaufen nur im Deutschen. Im Englischen bedeutet Shopping eben auch Klopapier und Brot zu kaufen. Shopping in der engen Bedeutung ist ein deutsches Wort. Es zu benutzen zeigt ein reines Fassadenweltbürgertum - genauso wie zum Shopping nach Barcelona oder London zu fliegen und dort in den selben Läden wie hierzulande einzukaufen; danach gibt es dann einen Kaffee von der auch überall gleichen Kaffeekette.

    Das ist es, was grossstädtische Innenstädte wie die Berlins langweilig werden lässt. Da nützt dann auch die Einbildung der Bewohner, etwas Besonderes zu sein, nichts. Sie sind es nicht.

  2. Frau Schärpe,

    dass ich mich nur mit Basics bekleide. Aber ich definiere mein Ich - anscheinend im Gegensatz zu Ihnen - nicht über Äußerlichkeiten wie hippe, fesche, "individuelle" Kleidung, bzw. habe ich auch nicht das Bedürfnis, mich derart gegenüber fremden Menschen auf der Straße auszudrücken.

    Ein großer Vorteil dieser Lebensansicht ist: ich muss nicht jedes Jahr das hundsteure Zeug, was nicht mehr "in" ist wegwerfen und kann mich wirklich über viele Jahre an der selben Jacke, den selben Schuhen und den selben achso basicen T-Shirts erfreuen.

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    • dtwardy
    • 01. Oktober 2012 22:26 Uhr

    CHT Sigur,

    Aber offenkundig haben sie nicht verstanden, was Frau Schärpe sagen wollte bzw was mit stilvoller Kleidung gemeint ist. Die uniformen Mitte Hipster jedenfalls haben keinen Stil und bei denen gibt es auch keinen Funken Individualität. Stil hat man, wenn man einfach Lust hat, sich nach seinem eigenen Geschmack zu kleiden, einen verdammten feuchten Kehricht auf angebliche Trends (meist reines Marketinggewäsch) gibt und einfach das trägt, was einem gefällt und dem dabei eine individuelle Note gibt. Wer meint, dass Stil etwas damit zu tun hat, jedes Jahr dem neusten "hippen" Trend folgen zu müssen, der tut mir ernsthaft leid.

    Wenn ich Lust auf ein bestimmtes Kleidungsstück habe, dann such ich danach, durchstöbere Läden und Internetshops, wenn alle Stricke reißen, dann geh ich halt zu einem befreundeten Modedesigner und entwerfe das ganze einfach mit ihm. Knickerbocker, zweireihige Weste mit Revers, Ringelsocken zum schwarzen Anzug zum schwarzen Anzug, bunte Fliege, etc - Hauptsache man steht zu dem, was man mag.

    Und schon einmal daran gedacht, dass es durchaus auch spannend sein kann, wenn man in Second Hand Shops oder auf Flohmärkten nach Klamotten sucht? Eines kann ich Ihnen aber versichern: wenn große Labels behaupten es sei hip, ist da nichts hippes/individuelles dran.

    Stilvoll ist es erst dann, wenn man etwas trägt, weil man es mag, weil man es liebt und nicht weil jemand behauptet, es sei chic oder cool.

    • xpeten
    • 02. Oktober 2012 11:19 Uhr

    Stil ist Kunst, und Kunst ist zeitlos.

    • Gephard
    • 15. Oktober 2012 20:30 Uhr

    Stellt sich aber auch die Frage, warum sie so auf Frau Scherpes Aussage anspringen und sich verteidigen.

    Entweder ist Kleidung Ausdruck des selbst oder sie wird genutzt um ein Selbst in einer speziellen Artung zu suggerieren. An letztere Vorgehensweise verdient die Modeindustrie und bei den erst genannten lässt sie sich inspirieren, wenn auch mehrheitlich bei den auffälligeren Individuen. Natürlich sind die Menschen nicht einfach in eine der beiden Schubladen zu stecken, es ist ein Mix in unterschiedlicher Ausprägung.

    Wenn Menschen nun unauffällig gekleidet sind und das interpretiert wird, dann wohl aus einer sehr persönlichen Erfahrung. Das graue Mäuschen, was zum bunten Vogel erwacht, kann nicht anders, als andere graue Menschen als gehemmte Menschen wahrnehmen, weil es das nicht anders kennt. Dass es durchaus anders sein kann, kann so ein Mensch evtl. verstehen aber mangels Erfahrung nicht wirklich begreifen. Und das ist völlig okay.

    Und letztlich ist alles Ausdruck des Selbst, ob man will oder nicht. Sie definieren sich ebenso durch ihre Kleidung und haben das mit ihrem Kommentar sogar unterstrichen.

  3. Kann man wirklich allein vom Bloggen leben? Oder macht sie noch was anderes? Diese Info fehlt in der Einleitung.

    • Alice D
    • 01. Oktober 2012 22:16 Uhr

    macht einen sympathischen Eindruck

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    • Varech
    • 02. Oktober 2012 2:04 Uhr

    ... wirkt sie auf dem Foto. Da klickt man(n) den Artikel an, in der stillen Hoffnung, die im Titel erwähnte Callipygie bildhaft zu sehen, Sie aber lächelt nur. Nachsichtig?

    • dtwardy
    • 01. Oktober 2012 22:26 Uhr

    CHT Sigur,

    Aber offenkundig haben sie nicht verstanden, was Frau Schärpe sagen wollte bzw was mit stilvoller Kleidung gemeint ist. Die uniformen Mitte Hipster jedenfalls haben keinen Stil und bei denen gibt es auch keinen Funken Individualität. Stil hat man, wenn man einfach Lust hat, sich nach seinem eigenen Geschmack zu kleiden, einen verdammten feuchten Kehricht auf angebliche Trends (meist reines Marketinggewäsch) gibt und einfach das trägt, was einem gefällt und dem dabei eine individuelle Note gibt. Wer meint, dass Stil etwas damit zu tun hat, jedes Jahr dem neusten "hippen" Trend folgen zu müssen, der tut mir ernsthaft leid.

    Wenn ich Lust auf ein bestimmtes Kleidungsstück habe, dann such ich danach, durchstöbere Läden und Internetshops, wenn alle Stricke reißen, dann geh ich halt zu einem befreundeten Modedesigner und entwerfe das ganze einfach mit ihm. Knickerbocker, zweireihige Weste mit Revers, Ringelsocken zum schwarzen Anzug zum schwarzen Anzug, bunte Fliege, etc - Hauptsache man steht zu dem, was man mag.

    Und schon einmal daran gedacht, dass es durchaus auch spannend sein kann, wenn man in Second Hand Shops oder auf Flohmärkten nach Klamotten sucht? Eines kann ich Ihnen aber versichern: wenn große Labels behaupten es sei hip, ist da nichts hippes/individuelles dran.

    Stilvoll ist es erst dann, wenn man etwas trägt, weil man es mag, weil man es liebt und nicht weil jemand behauptet, es sei chic oder cool.

    Antwort auf "Verzeihen Sie mir,"
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    Tja, wenn man halt stinknormal ist, sollte man sich wenigstens bunt anmalen.

  4. Wenn alle Leute ständig was bestellen, das sie dann bei Nichtgefallen wieder zurückschicken, muss sich keiner wundern, warum der Klimawandel so fabelhaft vorankommt. Aber wenn eine Frau so nett lächelt, darf man ihr ja nix übel nehmen. Ich nenn das Öko-Schlamperei.
    Aber Shopping ist ja so was von geil!

  5. 7. Normal

    Tja, wenn man halt stinknormal ist, sollte man sich wenigstens bunt anmalen.

    Antwort auf "Verzeihen Sie mir,"
    • xpeten
    • 02. Oktober 2012 0:01 Uhr

    sich möglichst unauffällig zu kleiden."

    Hat wohl nicht wirklich etwas mit "bedacht" zu tun, wenn die Leute ihre ausgeleierten Billig-T-Shirts ausführen, eher im Gegenteil. Und mit unauffällig auch nicht. Eher auffällig. Auffällig stillos.

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