Frage:  Frau Scherpe, seit Kurzem gibt es in Berlin an der Steglitzer Schlossstraße eine Filiale von Primark, einem irischen Billigmodehaus. Am Eröffnungstag stürmten Hunderte Schnäppchenjäger den Laden …

Mary Scherpe:  … ich kenne den Laden aus London, da war ich überfordert von der Menge an Kleidung und den Menschenmassen. Alles ist irre billig und führt dazu, dass die Leute shoppen wie die Wahnsinnigen: Zehn T-Shirts reichen plötzlich nicht mehr.

Frage: T-Shirts gehören doch in jeden Kleiderschrank.

Scherpe: Ja, aber wenn in einem Kleiderschrank nur Basics sind, sieht man eben auch basic aus! Schade, dass viele Deutsche so darauf bedacht sind, sich möglichst unauffällig zu kleiden.

Frage: Seit einigen Tagen ist es wieder kühl. Was ist der ideale Zeitpunkt, einen Wintermantel zu kaufen?

Scherpe: Der richtige Augenblick ist, bevor das entsprechende Wetter kommt. Am besten kauft man antizyklisch – das heißt, man schaut im August in die Läden, wenn die erste Herbstmode angeliefert wird. Oder kauft den heruntergesetzten Wintermantel im März, für die nächste Saison.

Frage: Sie tragen eine graue Wolljacke mit integrierten Handwärmern. Ist die neu?

Scherpe: Die habe ich tatsächlich im Frühjahr gekauft. Und dank des Berliner Sommers habe ich sie bisher schon mehr als einmal getragen.

Frage: Profis vakuumisieren ihre Pullover über den Sommer. Sie auch?

Scherpe: Oh, ich bin eine Chaotin, was das Lagern von Kleidung angeht. Ich besitze ein Yves-Saint-Laurent-Kleid aus den 90ern und bin heilfroh, dass ich geschafft habe, es in einen Kleidersack zu tun. Saisonal den Kleiderschrank umräumen, Schuhkartons mit Polaroids drauf – das kriege ich nicht hin.

Frage: Und welcher ist Ihr Pullover des Herbstes?

Scherpe: Was ich super finde, ist so eine richtige Pulliform: mit Rundhalsausschnitt, nur bis zum Hosenbund, gerne mit Tierkopf drauf. Es gibt einen des Britischen Designers Peter Jensen, mit Fuchskopf, der kostet nur leider 190 Euro. Jensen hat natürlich nicht die Möglichkeit, 5.000 davon herzustellen.

Frage: Nervt es, ständig nach dem ultimativen It-Piece der Saison gefragt zu werden?

Scherpe: Das beantworte ich eigentlich nie, weil es meinem Verständnis von Mode nicht entspricht. Jedes Jahr um diese Zeit werden zum Beispiel Beerenfarben wieder als Trend verkauft – so wie im Frühjahr dann Marinestreifen. Ich mag die Mode spielerischer, offener.

Frage: Gibt es einen Unterschied zwischen "shoppen" und einkaufen?

Scherpe: Letztens sah ich im Fernsehen Shopping Queen auf Vox, wo es darum geht, innerhalb einer bestimmten Zeit ein Outfit zu einem bestimmten Preis einzukaufen. Fast alle Kandidatinnen bezeichneten dabei Shopping als ihr größtes Hobby. Das finde ich durchaus fragwürdig. Einkaufen dagegen ist eher eine zielgerichtete Notwendigkeit.

Frage: Woher beziehen Sie Ihre Sachen?

Scherpe: Aus dem Netz. Ich bin so eine, die viel bestellt und viel wieder zurückschickt.

Frage: Dann stehen Sie bei der Post Schlange.

Scherpe: In meiner kleinen Postfiliale muss man selten anstehen. Mein letzter großartiger Onlinekauf war ein gebrauchter britischer Armeeparka von ranger-shop.de. Wenn ich den überziehe, fühle ich mich sicher und geborgen, da hat man auch gleich eine ganz andere Ausstrahlung. Ich trug ihn neulich – sehr absurd – über einem weißen Shiftkleid.

Frage: Sie haben einmal erklärt, dass Sie politische Mode wie Palästinenser-Tücher ablehnen.

Scherpe: Das stimmt. Die Flagge und das Namensschild des Parkas habe ich auch entfernt. Ich widerstand der Versuchung, den Namen des Soldaten zu googeln. Natürlich bleibt es deswegen Militärkleidung, aber welche politische Gesinnung dahinter steckt, ist nicht mehr identifizierbar. Das ist für mich ausreichend entfremdet.