Akris-Designer Albert Kriemler"Minimalismus kann extrem langweilig sein"

Das Schweizer Modehaus Akris ist 90 Jahre alt. Im Interview sagt der Designer Albert Kriemler wie Architektur seine Mode prägt, und dass ihn Vergangenes nicht inspiriert. von Ingeborg Harms

Immer hübsch geordnet: Für das Frühjahr 2013 brachte Albert Kriemler die Essenz der Marke Akris auf den Pariser Laufsteg.

Immer hübsch geordnet: Für das Frühjahr 2013 brachte Albert Kriemler die Essenz der Marke Akris auf den Pariser Laufsteg.  |  © Patrick Kovarik/AFP/GettyImages

An der St. Gallener Studiowand hängt das Moodboard für die Frühjahrskollektion 2013. Vom Umfang und ihrem Aufwand her ist sie eine Ausnahme, denn mit dem Pariser Defilee feiert der Designer Albert Kriemler das 90-jährige Akris-Bestehen. Er zeigt auf die Luftansicht eines Parks des brasilianischen Landschaftsarchitekten Roberto Burle Marx:

Albert Kriemler: Das ist der Garten der Safra-Bank in São Paulo, die Oscar Niemeyer gebaut hat. Ich habe das Foto neu koloriert. Mich hat der Garten fasziniert, weil seine Architektur nicht rigoros linear ist, schauen Sie, sie ist weich aufgebrochen. Die Gehwege aus Kieselstein haben diese morbiden Rundecken. Roberto Burle Marx ist nie aggressiv eckig und hat trotzdem diese Linearität.

Frage: Die Formen bewegen sich auf der Schneide zwischen biomorph und abstrakt.

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Kriemler: Aber sie sind eben nicht biomorph, sondern chic. Ich habe die Idee in Leder und Nylon mit Lasercut ausgeführt, das ist ziemlich abenteuerlich, weil der Stoff von sich aus stört und weil er einfach steht. Aber in so einem technischen Material sieht ein Kleid dann supermodern aus. Die Pflastersteine des Gartenwegs haben wir in Ätzstickerei machen lassen. Das ist eine St. Gallener Guipure, das heißt, der Stoff wird auf einem Grundfonds bestickt, und der Fonds wird nachher weggeätzt. Dann bleibt nur noch die Stickerei an sich. Das Schöne daran ist die Transparenz. Wir haben das Motiv in drei Größen ausgeführt. Die Herausforderung war, sie zu einem Stoff zu vernähen. Aber mit diesem Organzaband sieht es wirklich modern aus.

Frage: Gibt es von der Gartenarchitektur oder Gebäudearchitektur überhaupt eine Verbindung zur Architektur einer Kollektion?

Kriemler: Wenn ich eine Skizze mache, dann geht es mir zuallererst um die Proportion eines Kleidungsstücks. Das ist für mich so selbstverständlich wie nur etwas. Besonders essenziell ist die Proportion bei einem Einzelteil , das nicht zu einem Look gehört. Und dann gibt es eine konzeptionelle Architektur in jeder Kollektion.

Frage: Wie ist das Defilee selbst strukturiert?

Kriemler: So, dass auch das Hintereinander der Modelle eine Harmonie ergibt. Das ist das Gemälde der Saison, das wir zweimal im Jahr formulieren und das danach zerfällt.

Frage: In einer anderen Ihrer Kollektionen haben Sie sich an der Architektur von Herzog & de Meuron orientiert.


ZEIT Kunstverlag
Erschienen im Magazin Weltkunst, November 2012

Erschienen im Magazin Weltkunst, November 2012  |  © ZEIT Kunstverlag / Weltkunst

Kriemler: Es gab auch schon Joseph Maria Olbrich, den Hochzeitsturm auf der Darmstädter Mathildenhöhe. Damals bin ich, nur halb motiviert, in eine Olbrich-Ausstellung in Wien gegangen. Aber gerade bei ihm habe ich dann so eine Vorbereitungskraft der Moderne entdeckt. Das war sehr floral, sehr üppig, aber da war erstmals auch diese Linearität. Nehmen Sie beispielsweise das Wiener Secessionsgebäude , das extrem modernistisch ist. Olbrich war der Einzige in der Art-Nouveau-Geschichte, der das auch wirklich so praktiziert hat. Mir hat dieses Foto vom Hochzeitsturm so gefallen, mit dem Messingzifferblatt und dem Ziegelstein, wir haben es dann als Druck gemacht . Diese Herbstbäume und der blaugraue Himmel,
 das waren genau die Farben,
 die ich wollte. Eigentlich
 sollte es nur ein Foulard werden. Und das Tuch war toll, weil es die Kollektion auch in den Farben zusammengeführt hat. Am Schluss haben wir aus diesem Tuch auch die Kleider gemacht.

Frage: Von denen eines prompt im Museum gelandet ist.


Kriemler: In der Ausstellung des New Yorker Fashion Institute of Technology . Das war insofern mein extremstes Defilee, weil es weltweit nur dieses eine Kleid in den Editorials gab, von Asien bis Amerika .

Leserkommentare
    • Handryk
    • 05. November 2012 20:27 Uhr

    "Minimalismus kann extrem langweilig sein"

    Nichts ist langweilig, wenn der Betrachter ein Auge fürs Detail hat.

  1. ...das aber gerne noch endlos hätte weiergehen können.

    Nur schade, dass es keine Fotos gab, auf denen man das Diskutierte sofort hätte sehen können...

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