Das Stühlerücken in den Designabteilungen der großen Modehäuser geht weiter. Nachdem in diesem Frühjahr Raf Simons von Jil Sander zu Dior wechselte und Hedi Slimane sich bei Saint Laurent Paris verpflichtete, trennen sich nun Balenciaga und Nicolas Ghesquière.

Am Montag erklärte der Luxusgüterkonzern Pinault-Printemps-Redoute ( PPR ), dass der verantwortliche Designer das französische Modehaus zum Monatsende verlässt. In der Erklärung heißt es, die Entscheidung sei einvernehmlich gefallen. Einen Nachfolger für Ghesquière gab PPR vorerst nicht bekannt.

Der Gründer von PPR, François-Henri Pinault, lobte Nicolas Ghesquière für sein "unvergleichliches kreatives Talent" und würdigte seine Arbeit als "entscheidend für die einzigartige Ausrichtung des Hauses". Ghesquière selbst stand für eine Stellungnahme nicht zur Verfügung, weil er sich auf einer Japanreise befindet.

Der Abgang kam überraschend, denn Nicolas Ghesquières Arbeit war künstlerisch und kommerziell erfolgreich. Er hatte großen Rückhalt innerhalb von PPR und galt unter Modekritikern als visionärer Kopf . Im dritten Quartal dieses Jahres steigerte die PPR-Gruppe, zu der auch Alexander McQueen , Gucci und Stella McCartney gehören, ihren Gewinn um knapp sieben Prozent . Raf Simons, der als Designer für Jil Sander von Kritikern stets bejubelt wurde, konnte dagegen seine Vision gegenüber dem Haus wohl deswegen nicht länger durchsetzen, weil der kommerzielle Erfolg fehlte.

Eine Linie unter eigenem Namen

Nicolas Ghesquière arbeitete fünfzehn Jahre für Balenciaga. Außer ihm können nur Marc Jacobs , der ebenfalls seit fünfzehn Jahren für Louis Vuitton arbeitet, und Karl Lagerfeld , der bei Chanel seit dreißig Jahren das Design bestimmt, auf eine ähnlich lange Karriere in einem Modehaus zurückblicken.

Ghesquière, der zuvor als Assistent bei Jean-Paul Gaultier gearbeitet hatte, erwies sich schnell als unerschrockener Erneuerer des Couture-Labels, das der Spanier Christóbal Balenciaga 1937 gegründet hatte. Ghesquière scheute das große Erbe nicht und zitierte stilprägende Formen wie die geradlinige I-Linie oder die locker fallenden Kimonoärmel, die der Kundin Bewegungsfreiheit erlaubten. Dem historischen Erbe des Couture-Hauses stellte er sein Faible für Science-Fiction gegenüber. Er entlehnte High Heels den Uniformen von Football-Spielern, zeigte Kleider aus Neopren und Silhouetten, die an Comic-Heldinnen erinnerten. Der häufige Einsatz von Funktionsstoffen und extremen Schnitten prägten Ghesquières Kollektionen ebenso wie die Tragbarkeit seiner Entwürfe.

Bernard Arnault, Chef des Luxuskonzerns Moet Hennessy Louis Vuitton ( LVMH ) soll Ghesquière laut einem Bericht der New York Times bereits eine Linie unter eigenem Namen und der Leitung seiner Kinder Delphine und Antoine Arnault angeboten haben. Das könnte durchaus eine Möglichkeit für den Franzosen sein. Im Gespräch mit Tom Ford für das amerikanische Interview -Magazin sagte Ghesquière vor einigen Jahren: "Ich stecke soviel von mir selbst in Balenciaga, dass ich, wenn jemand zu mir sagen würde 'Komm, lass uns das Nicolas Ghesquière Projekt umsetzen', das nicht könnte."