ModelWas wird bleiben von einer Schönheit namens Kate Moss?

Wer fokussiert, hat schon verloren: Ein Bildband huldigt der Mode-Ikone, die sich bei aller Öffentlichkeit nie ganz aus der Unschärfe locken ließ. von Jan Schulz-Ojala

Guckt Kate Moss anders in das Objektiv einer Frau? Ein Porträt von Camilla Akrans

Guckt Kate Moss anders in das Objektiv einer Frau? Ein Porträt von Camilla Akrans  |  © Camilla Akrans / Schirmer-Mosel 2012

Doch, es gibt auch Text in dem Buch. Ein Vorwort zum Beispiel, in dem sie sich ganz unglamourös als "willige Mitarbeiterin" ihrer Fotografen bezeichnet, die "niemals Erwartungen enttäuschen will" – etwa, wenn es darum geht, gemeinsam jene Mode-Kunstfiguren zu entwickeln, bei deren Anblick ziemlich vielen Menschen schon mal der Atem stockt. Oder auch das beiläufige Freundinnengeplauder mit der Castingdirektorin Jess Hallett – mit ein paar hübsch hingefetzten Sätzen für Celebrity-Journalisten. Die klingen zum Beispiel so: "Jede Nacht Party, kaum Schlaf, das könnte ich nicht mehr, das war echt krank."

Kate Moss , inzwischen 38 und immer noch bombig im Schönheitsbombengeschäft, blickt in großem Stil zurück: Erst war sie niemand und ganz früh oben und kurz fast wieder niemand und danach erst recht wieder oben und da ist sie jetzt seit längerem schon. Am Anfang die Ikone des Heroin chic, dann die Freundin von Johnny Depp und später von Pete Doherty und Feierbiest sowieso und Ex und Ex und Ex. Und gekokst hat sie, sagte der Daily Mirror so lange, bis die Ermittlungen eingestellt wurden, und die großen Marken sprangen ab und wieder an, und Mutter einer zehnjährigen Tochter ist sie auch. Was man so weiß. Was man so zu wissen meint. Und was Kate Moss so auslacht, nebenbei. Schon im Vorwort zu ihrem ersten Fotobuch, da war sie 21 und ein paar Jahre weltberühmt, stand der Seitenhieb auf "Leute, die umso weniger von mir sehen, je mehr sie von mir zu kennen glauben". Und tschüss.

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Der Rest sind Fotos. Riesige Fotos im Riesenbuch "Kate: Das Kate Moss Buch". Fotos, die keine Buchstaben neben sich dulden (die knappen Infos finden sich auf den letzten Seiten). Fotos über Fotos, unchronologisch, scheinbar unsortiert. Eine Frau macht ihre Bilderschränke leer, kippt Schubladen aus, sitzt auf der Bettkante und guckt auf den Teppich namens Ich. Ich, Kate. Ich, die Erwachsengewordene. Ich, Kate Moss. Ich, die keine Angst mehr hat vor einer Art Retrospektive. Oder jedenfalls fast keine.

Guckt, wohin ihr wollt

Um die Fotostrecke zum Bildband "Kate" zu sehen, klicken Sie auf das Bild.

Um die Fotostrecke zum Bildband "Kate" zu sehen, klicken Sie auf das Bild.  |  © Jürgen Teller

Und dann ist da doch eine Dramaturgie. Das Nackte zu Anfang: Hier habt ihr mich, ganz Körper und gar nicht, guckt, wohin ihr wollt. Nur dass das Gesicht dabei so angezogen wie möglich wirkt, zugerichtet von Hairstylisten, Make-up-Artisten, Visagisten, Wissenschaftlern des Arrangements. Beim Weiterblättern aber wendet sich das. Der Körper angezogener, dafür im Gesicht das nackte Leben, bis zurück in die wilden Gelächteranfänge des Mädchens, das von seiner Zukunft nicht weiß. Dann: groteske Übermalungen, Überbastelungen, Künstler-Kapitulationen vor der Makellosigkeit der Natur. Und reichlich Platz für Photoshoppografen, die in Orgien von Buntheit schwelgen, dienstliche Karnevalisten im Tanz um die kostbar kostümierte Kate, ihren Gegenstand.

Männliche Fotografen können das, lieben das. Geblendet von Oberfläche, erfüllt sich ihnen Wesen in Erscheinung. Mert Alas, Marcus Piggott, Mario Testino , Steven Klein, David Sims, auch Mario Sorrenti, der Lover ihrer frühen Jahre, der 1993 die legendäre Calvin-Klein -Kampagne fotografierte. Frauen gucken anders, oder guckt Kate Moss anders in das Objektiv einer Frau? Corinne Day hat viele der umwerfendsten Fotos gemacht und die erste, unübertroffene Serie 1990 in The Face sowieso. Oder auch Annie Leibovitz : eine seltene Totale in einer Fabrikhalle und ihr Blick auf all die Männer und die paar Frauen, die an der industrialisierten Entstehung eines Modefotos beteiligt sind. Und Kate Moss auf einmal nur jemand, jemand in der Mitte.

Eine Ausnahme gibt es unter den Männern: Juergen Teller – ob in den Anfangsjahren oder auch in den späteren, als dieses Gesicht, dieser Körper anderen fast nichts mehr preisgibt. In seinen immer atemberaubenden Bildern, knapp 20 sind in dem gewaltigen Band verstreut, ist zu erkennen, dass sich da ein Mensch verbraucht. Und sich gerade dadurch bewahrt, dass er sich verbraucht. Tellers Fotos treibt meist eine leicht überbelichtete Unschärfe, nicht aus Milde, sondern aus einer Ahnung heraus, dass diese so strahlende Gestalt allenfalls im Vorbeigehen, ja, im Entgleiten zu erfassen ist. Wer fokussiert, hat schon verloren. Die noch so sorgfältige Komposition: ein Missverständnis für andere.

Diese Bilder – nicht die, die dem Buch den spektakelhaften Rahmen geben – werden einst bleiben von einer Schönheit namens Kate Moss, die schöner war als Marilyn Monroe oder Brigitte Bardot , aber nie zur Künstlerin wurde, sondern "willige Mitarbeiterin", manche sagen auch Muse dazu, ihrer Mode-Fotografen blieb. Fotos, in denen ein selbstbewusstes, verletzliches Sommersprossengesicht von unerhörter Jugend kündet. Also von Vergänglichkeit.

Erschienen im Tagesspiegel

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Leserkommentare
  1. und sicherlich ein wunderschönes Fotobuch, mal schauen ob das unterm Gabetischen verteilt wird in der Familie :-)

  2. 2. Leider

    Langweiliges Gesicht. Kein Glamour, kein Sexappeal.
    Völlig Überbewertet die Kleine.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    .
    Die lebt also davon, dass sie nichts anderes tut als eine möglichst leere Oberfläche mitzubringen, in die der Betrachter nach Herzenslust hineininterpretieren kann.

    Was offensichtlich ja ach gut funktioniert:

    "... Langweiliges Gesicht. Kein Glamour, kein Sexappeal.
    Völlig Überbewertet die Kleine. ..."

    Mission accomplished.

    Und sie weiss es.

    Das ist Kunst.

  3. .
    Die lebt also davon, dass sie nichts anderes tut als eine möglichst leere Oberfläche mitzubringen, in die der Betrachter nach Herzenslust hineininterpretieren kann.

    Was offensichtlich ja ach gut funktioniert:

    "... Langweiliges Gesicht. Kein Glamour, kein Sexappeal.
    Völlig Überbewertet die Kleine. ..."

    Mission accomplished.

    Und sie weiss es.

    Das ist Kunst.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Leider"
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    Aber es gibt doch Models da prickelts und funkts, wenn man die Bilder anschaut. Die Moss ist einfach nur langweilig. Findst nicht auch?

  4. 4. Schade

    Aber es gibt doch Models da prickelts und funkts, wenn man die Bilder anschaut. Die Moss ist einfach nur langweilig. Findst nicht auch?

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    Und Sie hatten wohl vierbier zu viel ;)

  5. 5. models

    welches model ist denn wirklich hübsch? die sehen alle nach nix aus. muss vielleicht so sein.

  6. diese frau ist mehr als ueberschaetzt. schoen? da moechte ich nicht sehen wie dieses aelter werdende 'magergirl' morgens nach dem wachwerden aussieht und schoen auf bilder wird sie durch entsprechende bildbearbeitung! da ist jede 'normale' frau schoener - schaut euch mal um maenner! wer will diese duennen kleiderstangen groesse 32/34 ueberhaupt sehen? die maenner die ich kenne jedenfalls ueberwiegend nicht! in jeder ecke ein knochen...
    der rummel um personen wie kate erklaert sich dadurch das eine branche (klatschpresse und co.)von berichten ueber diese sogenannten sternchen lebt - sonst wuerde sich keiner dafuer interessieren. und mal ehrlich: welche normale frau zieht sich diese fummel ueberhaupt an? schade das nicht normale frauen (und maenner) fuer kleidung werbung machen und sie vorstellen. aber schaut euch die verrueckten macher dieser klamotten an - alle ueberschaetzt. der welt wuerde nichts wesentliches fehlen ohne diese ueberschaetzte branche -- gott sei dank gibt es auch menschen die kleidung fuer normale menschen machen!

    • gonkox
    • 22. November 2012 23:17 Uhr

    ... "die schöner war als Marilyn Monroe" finde ich jetzt echt übertrieben

    • garl
    • 23. November 2012 9:13 Uhr

    heiss ist...manche sollen ja auch auf dicke muttis stehn...lach

    Eine Leserempfehlung

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  • Schlagworte Kate Moss | Juergen Teller | Schönheit | Marilyn Monroe | Annie Leibovitz | Brigitte Bardot
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