Billige Kleidung : Nachfragen statt boykottieren

Mode aus Billig-Fabriken wird auch in Deutschland verkauft. Wie Kunden damit umgehen können, sagt Gisela Burckhardt von Femnet, Partner der Kampagne für Saubere Kleidung.
Eine Kundin in einer H&M-Filiale © Jonathan Nackstrand/AFP/Getty Images

ZEIT ONLINE : Frau Burckhardt, am Wochenende sind bei einem Brand 120 Menschen in einer Textilfabrik in Bangladesch ums Leben gekommen . Wie kann ich als Verbraucher verhindern, dass Teile aus solchen Fabriken in meinem Kleiderschrank landen?

Gisela Burckhardt: Nachfragen! Sie müssen fragen, unter welchen Bedingungen die Ware hergestellt worden ist. Es geht nicht darum, ein bestimmtes Produktionsland zu boykottieren, nach dem Motto: Wenn etwas aus Bangladesch oder China kommt, ist es schlecht. Entscheidend ist die Frage nach den Arbeitsbedingungen.

Das Zweite wäre ein grundsätzlich kritischer Konsum. Wer einkaufen geht, sollte sich immer fragen: Muss ich das wirklich kaufen? Brauche ich noch ein weiteres T-Shirt? Oder ist mein Kleiderschrank nicht sowieso schon voll genug? Das eigene Kaufverhalten zu reflektieren, ist schon ein Schritt in die richtige Richtung. Drittens gibt es inzwischen viele kleine Modemarken , die sich beispielsweise mit dem GOTS-Label , dem Global Organic Textile Standard, zertifizieren lassen. Das belegt, dass das Produkt zu mindestens 70 Prozent aus Bio-Rohstoffen hergestellt wurde. Dazu kommt ein Fair-Trade-Siegel, das bestimmte Arbeitsstandards garantiert. Man kann bei seinen Lieblingsmarken auch überprüfen, ob sie Mitglied bei der Fair Wear Foundation sind. Ein Hersteller sollte gewährleisten, dass sowohl ökologische als auch soziale Standards eingehalten werden.

ZEIT ONLINE : Es gibt für Mode kein einheitliches Siegel, das sowohl Umwelt- als auch Arbeitsstandards zusammenfasst?

Burckhardt : Leider nein, das gibt es noch nicht.

ZEIT ONLINE : Würde ein Boykott bestimmter Modefirmen weiterhelfen?

Burckhardt : Wir rufen im Normalfall nicht zum Boykott auf, damit die Näherinnen in Bangladesch nicht ihre Arbeit verlieren. Die Arbeit soll bleiben, aber die Arbeitsbedingungen müssen verbessert werden. Wenn ein Unternehmen allerdings absolut stur ist und gar nichts macht, dann muss man sich auch diese Option offenhalten.

ZEIT ONLINE : Wie viel mehr würde ein Kleidungsstück kosten, wenn in Ländern wie Bangladesch angemessene Löhne bezahlt würden?

Burckhardt : Nach einer aktuellen Berechnung von Ver.di würde der Verbraucher lediglich zwölf Cent mehr pro Kleidungsstück zahlen. Der Grundlohn in Bangladesch liegt momentan bei 30 bis 40 Euro im Monat. Würde man ihn verdoppeln, wäre das schon ganz gut. Wirklich existenzsichernd wäre aus unserer Sicht erst der dreifache Lohn.

ZEIT ONLINE : Was kann ich mit meiner Stimme tun?

Burckhardt : Wir empfehlen, an Händler wie beispielsweise Kik eine Protestmail zu schicken. Auf der Website der Kampagne für Saubere Kleidung gibt es ein fertiges Formular, das man nur noch unterschreiben muss. Das haben wir nach einem Brand in einer pakistanischen Textilfabrik zur Verfügung gestellt. Es ist wichtig zu signalisieren, dass ein Bewusstsein da ist für die Umstände unter denen produziert wird. Jeder kann die Unternehmen auffordern, tätig zu werden.

ZEIT ONLINE : Müssten nicht auch staatliche Stellen die Kunden davor bewahren, unter schlechten Bedingungen hergestellte Mode zu kaufen? Was tut beispielsweise der Verbraucherschutz?

Burckhardt : Viel zu wenig! Die Bundesregierung tut aus unserer Sicht gar nichts, wofür wir sie scharf kritisieren. Wir fordern beispielsweise Ursula von der Leyen schon länger auf, mehr Transparenz herzustellen. Unternehmen sollten verpflichtet werden, einmal im Jahr über die Auswirkungen ihrer Geschäfte auf Mensch und Umwelt zu berichten.

Kommentare

54 Kommentare Seite 1 von 8 Kommentieren

Protestmail?

Das halte ich für naiv, denn der Kik Kunde hat entweder keine andere Wahl als billgst zu kaufen, oder es interessiert ihn/sie nicht, sonst würde er diesen Landen sowieso meiden.
Wer wert darauf legt wo seine Kleidung herkommt kauft meistens eh mit GOTS oder Fair Trade Lable.
Viel wichtiger wäre es das diese Lable mehr in die Öffentlichkeit zu tragen und wofür sie stehen.

König Kunde

soll mal wieder die Welt retten?
Das Waren so billig wie möglich produziert werden ist doch eine Binse und so alt wie der Kapitalismus selbst! Es geht um Profitmaximierung und nicht um Bekleidung! Da wird jedes Marktsegment besetzt: outdoor für den Stadt-Pfadfinder, Öko für die Mütter vom Prenzelberg, billich für die schmale Börse, teuer mit irgendwelchem Markenschnickschnack für die Poser...
Aber nicht der Kunde bestimmt, wie in Bangladesh produziert wird. Er will Kleidung! Und er ist vorwitzig genug, auch noch essen und schlafen zu wollen und daher gezwungen sein Geld irgendwie aufzuteilen. Darüber hinaus gibt es jenseits unseres Tellerrands noch genügend potentiell zu Bekleidende, die mangels zahlungskräftiger Nachfrage gleich ganz hinten runterfallen...
Der Anspruch, das Lebensmittel nicht vergiftet ist, das Kleidung keinen Ausschlag verursacht, Gewässer verschmutzt, Näherinnen verschleißt ist offenbar zu hoch im real existierenden Kapitalismus, der diese Kategorien eben einfach nicht auf dem Schirm hat! Es geht nicht um Bedürfnisse, sondern um Profit, und daran ändet auch ein Öko oder Sozial-Label nichts!
Ausgebeutet wird im übrigen nicht nur in Bangladesh, sondern überall, wo Arbeitskraft verkauft wird. Natürlich tut es hierzulande nicht so weh...und mit dem Flachbildschirm an der Wand läßt es sich wunderbar verdrängen.
„Die Bourgeoisie hat durch die Ausbeutung des Weltmarktes die Produktion und Konsumtion aller Länder kosmopolitisch gestaltet." Marx
Nothing else!

Nachfragen ist keine Lösung...

Warum nicht bei Trigema kaufen? Ach ja das wäre ja Nationalistisch ;-)

"Nachfragen! Sie müssen fragen, unter welchen Bedingungen die Ware hergestellt worden ist." Wie lange wollen sie den Nachfragen? Die meisten VerkäuferInnen wissen doch gar nicht woher die Ware kommt.

Eine Jeans die in Deutschland hergestellt werden würde, würde an die 800 € kosten. Die Frage ist halt wiedermal was ist uns Fair-Trade Wert?!?

Es ist überhaupt beschämend das Ware von KIK, Taco und C&A als modisch gilt.

SO teuer ist faire Kleidung nicht!

Jeans von nudie werden in Italien hergestellt mit Bio-Baumwolle und kosten rund 100 €.
Und das ist eine Lifestyle-Marke, wo man den Namen auch noch mit bezahlt.

Und wie auch im Artikel beschrieben wird, könnte man sich auch in Ländern wie Bangladesch oder China faire Löhne zahlen, die existenzsichernd (im Sinne einer würdigen Existenz) sind und dennoch deutlich unter europäischem Niveau liegen.

Ja, genau:-)

Ich habe Stress mit meinem Vermieter. Auf Grund meines relativ geringen Einkommens muss ich mich selbst mit Mietrecht beschäftigen, da ich mir keinen Anwalt oder Mietverein leisten kann.

Ich habe Stress mit meinem Nachbarn, der mir ständig die Auffahrt zupark. Selbstverständlich beschäftige ich mich mit Grundstücksrecht. Siehe oben.

Meine Versicherung zahlt nicht, da es Zweifel an meiner Darstellung Sachverhaltes gibt. Natürlich ist mir Vresicherungsrecht nicht fremd. Auch hier helfe ich mir selbst.

Dann gehe ich in ein Möbelgeschäft. Sehe einen Sessel, der mir gefällt. Richtig, ich werde jetzt natürlich fragen, ob dieser unter vernünftigen Arbeitsbedingungen hergestellt wurde. Da ich aber weiß, dass das nicht unbedingt wahrheitsgemäß beantwortet wird(Auch VerkäuferInnen sind nicht die Hersteller und Einkäufer), werde ich natürlich recherchieren.

Und dann muss ich natürlich auch noch zur Arbeit, meine Besuche bei der famielie machen, Freunde treffen, meine ehrenamtlichen Aufgaben erledigen, mich um Vertragsrecht kümmern, da gerade eine Auftragsbestätigung eines Auftrages einging, den ich nicht beauftragt hatte.

Kann mir jemand sagen, was eigentlich die Aufgaben der Wettbewerbszentrale, der BAFin, des BAV, dem Verbraucherschutzministerium und den anderen Institutionen ist, die geschaffen wurden, um mich als Verbraucher zu schützen?

Ignoranz die ihresgleichen sucht....

Wenn ich Ihren Kommentar richtig verstehe, dann meinen Sie also? dass wir in unserer westlichen Welt so beschäftigt sind, dass wir keine Zeit dafür haben uns um Andere zu kümmern.

Ich stelle mir also gerade vor, wie ich dem 10 Jährigen Jungen in Afghanistan erkläre, dass er leider nicht zur Schule kann, weil ich so viel um die Ohren habe, dass ich keine Zeit habe mich darum zu kümmern ob er meine Klamotten näht. Würde ich meine Klamotten von einem Label kaufen, dass sich für vernünftige Arbeitsbedingungen einsetzt ist diesem Jungen zwar noch nicht geholfen. Langfristig unterstütze ich aber Firmen, die fair produzieren und solche Löhne zahlen, dass Arbeitnehmer iehre Familien ernähren können.
Aber wir sind ja so beschäftigt uns um unser eigenes Recht zu kümmern, zu sehen das sich unserer eigener Wohlstand vermehrt und dass es in unserem eigenen Land immer schöner wird, dass wir keine Zeit haben uns darum zu kümmern ob unser Verhalten andere in den Ruin reist. wir sind so beschäftigt mit Facebook und Mail, dass wir vergessen, dass man das internet auch dazu verwenden könnte sich darüber zu informieren, wo man gut einkaufen kann..... jede Info ist nur einen Klick entfernt...aber diese natürlich nicht...

Aber es tut gut alles auf die Politik zu schieben, obwohl man innerlich doch weiß, dass man mit seinem eigenen Verhalten etwas tun könnte, oder sich wenigstens an dem schmutzigen Geschäft nicht beteiligen muss....aber dieses Wissen kann man auch mit einem neuen Sessel übertönen