LuxusbrancheWas die Mode Afrika verspricht

Die Luxusbranche debattiert in Rom über die Chancen Afrikas. Während die Promis nur reden, zeigt eine UN-Initiative, dass hochwertige Mode fair produziert werden kann. von Marcel Malachowski

Precious Moloi-Motsepe, Gründerin von "Africa Fashion International", spricht auf der Luxury Conference in Rom.

Precious Moloi-Motsepe, Gründerin von "Africa Fashion International", spricht auf der Luxury Conference in Rom.   |  © Larry Busacca/Getty Images

Tokio, Genf und Hongkong gehören, laut dem Informationsdienst Forbes, schon seit einigen Jahrzehnten zu den teuersten Städten der Welt. Jüngst finden sich aber immer mehr neue Namen unter den Top 5 in dieser Kategorie: Moskau zum Beispiel, Dubai und Abuja, die Hauptstadt des ölreichen Nigerias. Das große Geld wandert aus dem Westen ab – und mit ihm die Couture, die ganz aufwändige und ganz teure Mode. Paris verliert als Modehauptstadt der Welt Renommee und Kundschaft. Die Globalisierung des Luxus schafft neue lichtdurchflutete Konsumpaläste. Sie rückt aber auch jenen mehr und mehr zu Leibe, die Menschen in Afrika oder Asien im Schatten für das Schöne schuften lassen.

Beide Seiten der Medaille hat sich die renommierte Luxury Conference der International Herald Tribune am Donnerstag und Freitag zur Diskussion vorgenommen: "The Promise of Africa – The Power of Mediterranean" lautete das Thema; und wo ließe sich über die Spannung zwischen Reichtum und Armut besser diskutieren als im römischen Waldorf-Astoria-Hotel Cavalieri? Der Preis für die Konferenzteilnahme betrug stolze 2.495 britische Pfund. Das schafft die Exklusivität, die man so schätzt in den Kreisen der Designer, CEO, Creative Directors und selbsternannter Entwicklungshelfer in Armani oder Strick.

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Sie kamen also in die ewige Stadt, rechtzeitig zum Hochwasser des Tiber, um wieder Oberwasser im harten Luxusgeschäft zu gewinnen. Reden wurden viele gehalten, zum Beispiel von Donnatella Versace und dem U2-Aktivisten Bono, der vor Kurzem Veruntreuungsvorwürfe gegen seine Charity-Organisation One abwehren musste. Auch der Designer Valentino Garavani sprach, spektakulär parfümiert. Der Diesel-Chef Renzo Rosso tönte: "Wer Geld hat, hat Verantwortung. Begreift das!" Es wurde viel geherzt und gegessen, das wuchtige Lunch war im Konferenzbeitrag genauso inbegriffen wie die präsentierten Dekolletés. Kritische Nachfragen ließ man sich dagegen weniger gern servieren. 

UN-Gesandter Simone Cipriani

UN-Gesandter Simone Cipriani  |  © Larry Busacca/Getty Images

Allerdings: Redner, die zum Tagungsthema wirklich etwas zu sagen hatten, gab es auch. Die Gastgeberin Suzy Menkes, Modekritikerin von International Herald Tribune und New York Times, ermahnte in ihrer Eröffnungsrede die versammelten Executives, das große Potenzial und die Menschen Afrikas nicht zu vergessen. Jean-Paul Gaultier führte, ungewohnt theoretisch, unter dem Slogan Liberté, Egalité, Diversity seine Vision einer besseren Gesellschaft aus. Omoreyi Akarele berichtete vom Erfolg ihrer Internetplattform für afrikanisches Modesign, Style House Files. Die graziöse Precious Moloi-Motsepe, die den Informationsdienst Africa Fashion International gründete, lieferte eine präzise Analyse des neuen, afrikanischen Mittelstands.

Auch der bescheidene und energiegeladene Simone Cipriani weiß beim Thema Afrika, wovon er spricht. Simone leitet ein Armutsbekämpfungsprogramm der UN und betreut diverse Projekte der von ihm gegründeten Ethical Fashion Initiative in Kenia, wo der Italiener sechs Monate des Jahres lebt. Die Initiative arbeitet wie eine Agentur, die große Modeketten, bekannte und kleine Modemarken davon überzeugen will, Kleidung sowohl gewinnbringend als auch verantwortungsvoll zu produzieren, unter anderem in Haiti, Mali, Burkina Faso und Kenia. Die Ethical Fashion Initiative zählt zu jenen Entwicklungshilfeprojekten, die wirklich Erfolge vorweisen können und nicht nur in die eigene Tasche arbeiten. Die Teilnehmer der Konferenz müssten endlich "begreifen, dass der neue Luxus verantwortlicher Luxus sein muss", sagt Cipriani. Gutes Business bestehe aus guten Produkten. "Wir müssen endlich die Armut bekämpfen, in der Realität, nicht durch schöne Worte. Wir kooperieren mit Tausenden von Arbeiterinnen und Arbeitern in der ganzen Welt. Hier will ich alle mit an Bord holen!"

Cipriani arbeitet seit zwanzig Jahren in der Textil- und Lederindustrie in Indien, Südafrika und vielen anderen Ländern. Er schwärmt von den Menschen, die täglich kämpfen als schwächstes Glied in der globalen Marktwirtschaft, die aber auch strotzten vor Ideen, Mut und Kraft. Cipriani kooperiert bereits mit Dutzenden großer Produzenten und mit den Modedesignerinnen Illaria Fendi, Stella McCartney und Vivienne Westwood. Westwood, die sich selbst als wertkonservative Punkerin bezeichnet, appellierte nicht nur an das anwesende Publikum: "Fighting for what is right!" Wer das Hotel bei der Begrüßungsveranstaltung am Mittwochabend kurz verließ, der konnte sehen, was die Italiener, die von der neuen Armut in Europa betroffen sind, darunter verstehen: handfeste Wut gegenüber den Mächtigen, im ganzen Land gab es Demonstrationen. So kann sie in Zukunft auch aussehen, die Power of the Mediterranean.

Korrektur vom 17.11.12: Nicht Lagos, sondern Abuja ist seit 1991 die Hauptstadt von Lagos.

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Leserkommentare
    • Tala00
    • 17. November 2012 9:05 Uhr

    Faire Löhne zu zahlen ist keine Entwicklungshilfe, sondern sollte eigentlich eine moralische Selbstverständlichkeit. Oder würden Sie sich beim Empfang Ihres Gehaltschecks als Entwicklungshilfeempfänger bezeichnen lassen? Das ist genau der Knackpunkt an der Sache. Nur weil Menschen nicht in Europa leben, heißt das nicht dass für sie automatisch andere Regeln gelten. Und man ja ach so mildtätig wäre, wenn man sie für ihre Leistung angemessen bezahlt.

  1. Lagos ist nicht die Hauptstadt des ölreichen Nigerias, sondern Abuja.

  2. Das mit der Hauptstadt hätte man wirklich mal recherchieren können! Ansonsten ist es immer wieder interessant zu sehen, wie exotistisch über Afrika oder ihre Bewohner geschrieben wird: Der Autor kam einfach nicht darum her Precious Moloi-Motsepe als 'graziös' zu bezeichnen. Da haben wir gerade nocheinmal Glück, dass sie ihre Rede nicht 'wie eine stolze Kriegerin' hielt...

    Interessant hierzu Wainainas klasse Artikel: http://www.fluter.de/de/a...

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Afrika | Mode | Vivienne Westwood | Jean-Paul Gaultier | Stella McCartney | Tokio
  • Models present creations from the Felder & Felder Autumn/Winter 2013 collection during London Fashion Week, February 15, 2013. REUTERS/Olivia Harris (BRITAIN - Tags: FASHION)

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