NachhaltigkeitDie voll korrekte Lederjacke
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Welche Alternativen gibt es für Kunden, denen Nachhaltigkeit wichtig ist?

Fragt man einige bekannte Marken, woher sie ihr Leder beziehen, geben diese nur spärlich Auskunft. Gucci etwa teilt mit, gar keine Informationen zur Herkunft des Leders herausgeben zu können. Die schwedische Firma Acne , deren beliebte Stiefeletten seit ein paar Saisons das urbane Bordsteinpflaster frequentieren, gibt an, dass sie nur Leder aus der europäischen Fleischproduktion verwende. Zum Beispiel aus Frankreich oder Italien. COS, kurz für Collection of Style, die schicke kleine Schwester von H&M, sagt, dass der Großteil des angebotenen Leders aus Europa komme. Ansonsten verweist man auf den Nachhaltigkeitsbericht von H&M. Unter dem Punkt "Product Policy" gibt der an, dass man nur Häute von Schlachtungen für die Fleischindustrie einkaufe. Weiter: "H&M gestattet kein Rindsleder aus Indien, da dort grausame Tiertransporte vorkommen."

Es geht auch vegan: Entwurf von Stella McCartney aus der Sommerkollektion 2013

Es geht auch vegan: Entwurf von Stella McCartney aus der Sommerkollektion 2013  |  © REUTERS/Benoit Tessier

Zurück bleibt ein ratloser Konsument. Welche Alternativen gibt es für Kunden, denen Nachhaltigkeit wichtig ist? Und die nicht auf die Plastikpatina einer 50-Euro-Jacke aus Lederimitat ausweichen möchten?

Eines der wenigen deutschen Labels, das sich explizit auf "nachhaltiges Leder" spezialisiert hat, heißt Deepmello . Statt der mineralischen Gerbung mit toxischen Chromsalzen, die weltweit zu mehr als 80 Prozent eingesetzt wird, weichen die Macher auf eine pflanzliche Gerbmethode mit Rhabarberwurzel-Extrakt aus. In der Nähe von Magdeburg wird der Rhabarber angebaut, das Leder großenteils in Bayern erzeugt. Anne-Christin Bansleben, die das Label mitgegründet hat, ist Wissenschaftlerin auf dem Gebiet der Aromastoffanalytik von Pflanzen. Sie hat selbst jahrelang die Forschung betrieben, die dem Projekt voranging.

Das Leder von Deepmello stammt teils aus freilebender, teils aus konventioneller Nutztier-Haltung, sagt Bansleben. "Wir beziehen kein Leder von Mastbetrieben , weil man dem Leder ansehen würde, wenn die Tiere beispielsweise vor der Schlachtung getrieben wurden." Eine reine Freilandhaltung hingegen sei durchaus möglich, sagt Bansleben. Sie sei mit Deepmello auch mittelfristig bestrebt, alle Leder aus Biohäuten herzustellen. "Jedoch muss dafür die Bereitschaft der Kunden größer werden, Naturmerkmale im Leder, zum Beispiel Kampfspuren oder Spuren von Verletzungen am Zaun, zu akzeptieren", fügt Bansleben hinzu.

Die Preise von Deepmello liegen im oberen Segment. Ein Kleid aus 0,5 Milimeter dünnem Rinderleder kostet knapp 800 Euro. Bansleben erklärt den Preis damit, dass das biologisch abbaubare Gerben mit der Rharbarberwurzel doppelt so teuer sei wie das chemische Gerbverfahren. Trotzdem rechne sich das Konzept, sagt Bansleben. "Das Interesse an unseren Produkten wächst."

Die Taschenmarke Beliya geht ebenfalls, wenn auch ganz anders, nachhaltig mit dem Thema Leder um. Die beiden Gründerinnen Annika Busse und Andrea-Victoria Noelle verwenden für ihre selbst entworfenen Taschen neuwertiges Leder aus Resten der Sofa-Produktion. Ein Stück Rinderleder, das nicht als Sitzpolster dient, baumelt heute am Arm ihrer Kundinnen.

Free People , die stark expandierende US-Boutiqe aus New Jersey, die sich ähnlich Urban Outfitters – beide Labels gehören zusammen – an ein junges, modeaffines Publikum richtet, bringt seit 2011 Lookbooks mit dem Etikett "vegan leather" heraus. Ein Teil der aktuellen Kollektion ist zum Beispiel eine schwarze Biker-Jacke in Lederoptik für rund 140 Euro. Tier-, trend- und preisbewusst, wenngleich aus 100 Prozent Plastik. Auch Miniröcke oder hautenge Hosen aus "vegan leather" gibt es bei Free People.

Wenn immer mehr kleine Designer auf Nachhaltigkeit und Transparenz umstellen, wann sind dann die Großen der Branche dran? Wann kommt die Hermès Kelly-Bag nicht aus Exoten-, sondern aus veganem Leder für einen Bruchteil des bisherigen Preises in die Läden? Eine zugegeben wenig wahrscheinliche, aber sehr lebewesenfreundliche Vorstellung.  

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Leserkommentare
  1. und veggie meat?
    Warum muss man bis zum wording nachmachen, was man doch angeblich nicht braucht.
    Wenn Ihr wollt, kleidet Euch gern in Stoff und Kunstsoff, esst Obst, Gemüse und Sojaprodukte, aber warum muss man das dann XY-Leder und XY-Fleisch nennen?

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    das vielen einfacher macht, sich daran zu gewöhnen, selbe Form, selbes Aussehen. Zu genau dem Zweck sind sie ja als Imitate konzipiert.

    @Grellseher:
    also den meisten Menschen schmeckt Fleisch und Leder sieht auch echt gut aus, aber wenn man etwas hat das genauso schmeckt und genauso aussieht OHNE dass dabei ein Tier getötet werden musste, dann ist das doch ideal oder? Mir schmeckt Fleisch auch wahnsinnig gut, aber ich genieße den Geschmack nun ohne Teil einer Mordmaschinerie zu sein...das ist der Unterschied!

    Man braucht es ja gerade deshalb nicht, WEIL man es nachmachen kann.

    Hilft immer wieder gerne nach...

    Cellular Automaton

  2. Mir war schon immer schleierhaft, warum sich so viele Leute Lederjacken zulegen und die dann auch regelmäßig tragen. Sie sind schwer und unbequem, sie fühlen sich komisch an, nicht wenige müffeln auch nach Jahren noch. Und viele geben ganz seltsame Geräusche von sich bei jeder Bewegung.

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    • Polyp
    • 15. November 2012 19:07 Uhr

    daß zwischen Bericht und Kommentaren die Anzeige für Lederjacken von Hugo Boss erscheint.Das ist der fatale Automatismus von Google, dem leitwort wird sofort eine Anzeige zugeordnet.Und da gibt es noch schlimmere Kombinationen.

  3. 4. Weils

    das vielen einfacher macht, sich daran zu gewöhnen, selbe Form, selbes Aussehen. Zu genau dem Zweck sind sie ja als Imitate konzipiert.

    Antwort auf "vegan leather"
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    wenn kein Fleisch aussieht und schmeckt wie Fleisch, weil ich zwar kein Fleisch will, aber das was ich essen will trotzdem wie Fleisch aussehen und schmecken soll.
    Warum? Na weil ich kein Fleisch brauche, um mich wohlzufühlen.
    Ist klar.

    Ich esse keine tierischen Produkte, weil ich das für falsch halte. Nicht, weil ich sie nicht mag. Ganz einfach, oder? Das hat nix mit "wohl fühlen" zu tun, was ich will, ist da vollkommen egal. Nicht so schwer zu verstehen, oder? Und Leder hat nunmal praktische Eigenschaften und viele mögen das Aussehen von Lederklamotten. Also stellt man halt ein Imitat her. Wo hier das Problem sein soll, ist mir doch schleierhaft.

  4. wenn kein Fleisch aussieht und schmeckt wie Fleisch, weil ich zwar kein Fleisch will, aber das was ich essen will trotzdem wie Fleisch aussehen und schmecken soll.
    Warum? Na weil ich kein Fleisch brauche, um mich wohlzufühlen.
    Ist klar.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Weils"
  5. @Grellseher:
    also den meisten Menschen schmeckt Fleisch und Leder sieht auch echt gut aus, aber wenn man etwas hat das genauso schmeckt und genauso aussieht OHNE dass dabei ein Tier getötet werden musste, dann ist das doch ideal oder? Mir schmeckt Fleisch auch wahnsinnig gut, aber ich genieße den Geschmack nun ohne Teil einer Mordmaschinerie zu sein...das ist der Unterschied!

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "vegan leather"
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    Mir schmeckt Fleisch auch wahnsinnig gut, aber ich genieße den Geschmack nun ohne Teil einer Mordmaschinerie zu sein...

    Sie bilden sich ein, Fleischgeschmack zu genießen (wie auch immer der erzeugt wird) und behaupten Fleisch schmeckt Ihnen wahnsinnig gut ... während Sie sonstwas essen, aber kein Fleisch.
    Das ist für micht etwas ... seltsam.
    Wenn ich Tofu esse nenne ich das Tofu, Saitan ist Saitan und gut. Ich muss mich doch nicht selbst beruhigen und vom Fleisch reden wenn es kein Fleisch ist.

    Hin und wieder allerdings bin ich auch ganz gern Teil der Mordmaschinerie und dann schmeckt mir auch ein Fetzen Fleisch.

  6. Man braucht es ja gerade deshalb nicht, WEIL man es nachmachen kann.

    Hilft immer wieder gerne nach...

    Cellular Automaton

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "vegan leather"
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    Wenn man es nicht braucht, weil man es nachmachen kann, warum muss man das Nachgemachte nennen wie das Original (das man ja nicht mag und vermeiden will, ja ssgar verabscheut).
    Das hat was arg Seltsam Fixiertes an sich.

  7. Produktion und Kauf von Leder ist ethisch super schwierig. Wer sagt, dass es in Ordnung ist schmerzempfindende Lebewesen zu produzieren um ihre Haut zu nutzen?

    Es gibt viel bessere Alternativen, vegane Schuhe, Handtaschen, Jacken in Lederoptik gibt es alles..

    Danke für den Artikel!

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