Es musste schon ein verheerender Wirbelsturm kommen, damit Barack Obama seinen Anzug auszieht. In Trekkingschuhen, braunen Chino-Hosen, einem verwaschen-ozeanblauen Hemd und dunkelblauer Funktionsjacke zeigte er sich am Mittwoch im von Hurrikan Sandy schwer getroffenen New Jersey. Einer von ihnen, Amerikaner unter Amerikanern, blue- statt white-collar. So spendete der Präsident Trost und Zuversicht.

Die Idee, dass ein Spitzenpolitiker wie Obama oder dessen Berater zuvor Stunden damit zugebracht haben, über die Botschaft dieses verwaschen-ozeanblauen Hemds zu räsonieren, die es wiederum von Journalisten und dem Wahlvolk zu entschlüsseln gilt: absurd. Dass Obama in New Jersey so echt rüberkam, lag zu etwa fünf Prozent an Chino, Jacke und Hemd. 95 Prozent waren Persönlichkeit. Kleidung spielte in diesem US-Wahlkampf keine Rolle, abgesehen davon, dass Vogue -Chefredakteurin Anna Wintour dafür sorgte, dass sich Obamas Merchandising-Shop "Runway to win" mit Stücken von Marc Jacobs und Diane von Furstenberg füllte.

Das ist keineswegs selbstverständlich, denn Kleidung ist ein verführerisches politisches Mittel. Der selbsternannte Kriegspräsident George W. Bush inszenierte sich nach dem vermeintlichen Ende des Irakkriegs 2003 als TopGun im Pilotendress. Im Wahlkampf gegen John Kerry 2004 benutzte Bushs Team Bilder des damaligen Präsidenten als anpackender Commander-in-Chief im grauen Blouson vor den Trümmern des World Trade Centers. Bush provozierte mit dieser Effekthascherei die Opfer der Anschläge – und wurde wiedergewählt.

Als der Millionär Mitt Romney im letzten Jahr Präsidentschaftskandidat der Republikaner wurde, legte er seine Hemden mit Umschlagmanschetten in den Schrank. Fortan trat Romney nur in Button-Down-Hemden, zurückhaltenden Anzügen und dunklen Oxford-Schuhen auf. Er ließ sich nicht mit einem Cowboyhut auf dem Kopf oder in der Uniform einer Militäreinheit fotografieren, in der er nie gedient hat.

Zwar trug Romney im Wahlkampf ab und zu Gap-Jeans und legere Hemden in Geschirrtuchkaro zum offenen Lederblouson. Doch weiter wirkte seine inhaltliche Bemühung, den rechten Rand der Republikaner für sich zu gewinnen, nicht in seine Kleiderordnung hinein. Romney vermied jede modische Gemeinmachung – wohl wissend, dass mit Cowboyhüten in der unentschiedenen Mitte der amerikanischer Gesellschaft wenig zu gewinnen ist. Aus der Unsicherheit, Kante zu zeigen, resultiert nun ein wenig mitreißender Beamtencharme.

Nur niemanden verschrecken

Auch die Zeiten, in denen Barack Obama sich im schwarzen Nike-Hoodie beim Basketball fotografieren ließ, sind vorbei. Dem Akademiker und Intellektuellen, der regelmäßig auf gesicherten Courts in Washington Körbe wirft, hätte ein neuer Auftritt im Kapuzenpullover zu einem frühen Zeitpunkt im Wahlkampf vielleicht sogar geholfen. Womöglich hätte er einige der vielen enttäuschten Wähler unter 30 damit an den von ihm verkörperten Traum von 2008 erinnert.

Doch Obamas Ziel – wie das Romneys – ist die Mitte. Er will die Konzentration der Amerikaner auf seinem großen Thema soziale Gerechtigkeit wissen. Gesellschaftspolitische Konfliktthemen wie die Todesstrafe und das Waffenrecht hielt er so weit wie möglich von sich, obwohl sie ihm bei Linksliberalen große Sympathien einbringen würden. Im letzten Wahlkampf trug er noch schwarze Anzüge von Ermenegildo Zegna aus Italien . Als Präsident knöpft er morgens die immer gleichen, schmalen Sakkos vom Hausschneider des Weißen Hauses Georges de Paris oder von Hart Schaffner Marx aus Chicago zu. Obama wollte als Präsident die Revolution qua Amt, und nicht das Amt revolutionieren.

Im Ergebnis ähneln sich der Präsident und sein Herausforderer in Kleiderfragen auffällig. Keiner will sich aus der Deckung wagen. Selbst die Krawatten, die Obama und Romney während der drei TV-Duelle trugen, mussten undogmatisch bleiben: demokratisch-blau, republikanisch-rot? Nein, man ergänzte sich zu den Farben der Stars-and-Stripes. Trug der eine blau-weiß, kam der andere in rot.

Stellvertretend dürfen sich die bunten und die seriösen Blätter ausführlich mit der Garderobe der Ehefrauen befassen. Zwischen dem Kleiderschrank von Michelle Obama und Ann Romney erstreckt sich ein weites Feld, auf dem Frauenbilder, Rassen- und Klassenfragen verhandelt werden. Die stilsichere Michelle Obama trägt die Mode talentierter New Yorker Einwanderersöhne wie Jason Wu und Narciso Rodriguez, Ann Romney ordert nun bei Oscar de la Renta, Hausschneider der weißen Upperclass.

Dem Vanity-Fair -Autor Michael Lewis, der Barack Obama für ein Porträt über Monate begleitete, sagte der Präsident, er trage immer das gleiche Anzugmodell in grau oder nachtblau. "Ich entscheide nicht mehr, was ich anziehe oder esse. Dafür muss ich einfach zu viele andere Entscheidungen treffen." Das klingt wie eine Absage an die Mode. Es lässt sich aber auch als Huldigung ihrer Macht lesen. Kleider, die präzise eine Botschaft senden und die Geschichte eines Menschen genauso erzählen, wie er sie gern erzählt wissen will – die wählen sich nicht mal eben nebenbei. Wer in einem so knappen Rennen der erste Mann im Staat werden will, hat nur die Freiheit, sich von Mode fernzuhalten.