Magazin "DIS" : An den Rändern des Modesystems

Vier New Yorker machen ein Online-Magazin, das die Regeln klassischer Modehefte nach allen Regeln der Kunst bricht. Was macht die Mode? Sie wird der größte Fan von "DIS".
Motiv aus einer Accessoire-Strecke des "DIS Magazine": Warum nicht mal den Schuh zum Schuh kombinieren?

Das Netz kennt keine Stilgrenzen. In allen Disziplinen treffen Amateure auf Profis, unterschiedlichste Kontexte verschwimmen zum globalen Mash-Up. Es ist also keinesfalls leicht, das ästhetische Chaos des Internets abzubilden. Doch mit einem Fokus auf alles, was mit Mode zu tun hat, gelingt genau das dem New Yorker Online-Magazin DIS . So wird die Nischen-Website gerade zum wichtigsten Ideengeber der Mode, wird gar mit gedruckten, pflastersteinschweren Stilbibeln wie Purple , V Magazine oder Dazed and Confused verglichen.

Wie alle Modehefte besteht DIS vor allem aus Fotostrecken, behandelt neue Tendenzen, stellt Lifestyle-Optionen vor, noch unbekannte Models und stellenweise neue Musik. Allerdings bedient es sich dabei aus den unterschiedlichsten Kontexten, oszilliert zwischen Hoch-, Pop- und Netzkultur, Ernst und Ironie, präsentiert Nischenmoden ebenso wie Fundstücke aus dem von der Luxusbranche so konsequent ignorierten Mainstream. Oft spiegeln die Geschichten des DIS Magazine auch schlicht den eigenwilligen Geschmack des New Yorker Freundeskreises der Macher wieder. Um Massentauglichkeit braucht sich das Magazin nicht zu kümmern. Es gibt auf der Seite keine Werbung, die Redakteure verdienen ihr Geld vor allem anderswo.

Wer sich auf dismagazine.com umsieht, bekommt unter den Überschriften Distaste, Dystopia und Dysmorphia Produkte, Stylingideen und Menschen präsentiert, die es in keinem der etablierten Modehefte auch nur auf die Produktseiten schaffen würden. Die Modestrecke Shanzai Anxiety beschäftigt sich beispielsweise mit der Ästhetik gefälschter Markenprodukte und liefert die Theorie in Essay-Form dazu. Das Editorial Shoes in Shoes testet die Kombinationsmöglichkeiten verschiedener Schuhmodelle ineinander, rote Pumps in Trekking-Sandalen, why not ? Die Strecke Motherhood Incorporated kombiniert die unterkühlten Entwürfe Martin Margielas mit futuristischen Abpumpmaschinen für Muttermilch.

Melkmaschinen für Karrierefrauen zur Mode von Martin Margiela: Das "DIS Magazine" liebt die Provokation.

Mit einem Leitfaden für das richtige Make-Up zur Tarnung vor Überwachungskameras leistet DIS seinen Beitrag zur Debatte um eine technophile, neue Ästhetik in der Mode, die die Schnittmenge von Internet, Algorithmen und Kleidung auslotet und sich explizit gegen die Retromania des aktuellen Modedesigns stellt. Die New Aesthetic wäre eine, die nicht nur von Maschinen gemacht wird, wie etwa Kleidungsstücke und Accessoire aus dem 3D-Drucker, sondern für das Auge einer Maschine, wie im Fall des Tarn-Make-Ups.

Auch Offline pflegen Marco Roso, Lauren Boyle, Solomon Chase und David Toro den technikvernarrten Stil, der das Markenzeichen ihres Magazins ist. Verglichen mit den überfüllten Straßen in New Yorks Chinatown wirkt ihr reinweißes Büro aseptisch wie die Weltraumstation in 2001 - Odyssee im Weltraum . Spuren eines analogen Alltags gibt es kaum. Die vier DIS -Erfinder sitzen zwischen iMac-Computern und Espresso-Tassen aus Edelstahl, rauchen blaublinkende elektrische Zigaretten, die Herren sind glattrasiert und tragen an den Seiten kurze Haare. Während sie auf ihren Smartphones herumwischen, springen die Magazinmacher von einem Thema zum nächsten: Mode, Sex, Soziologie, Technik, Politik. Alles ist kombinierbar, alles hängt zusammen.

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