Selten hat es an der Spitze der großen Modehäuser so viele Bewegung gegeben wie 2012, und nie wurden die Designerwechsel von so viel Medienspektakel begleitet. Als Anfang November bekannt wurde, dass Nicolas Ghesqiuère beim Modehaus Balenciaga ausscheidet , schien die Liste der potenziellen Nachfolger unendlich ausbaubar: Christopher Kane, Alexander Wang, Mary Katrantzou, Joseph Altuzurra, J.W. Anderson, Thomas Tait, Kostas Murkudis galten als Anwärter auf Ghesqiuères Posten. Nun haben die Spekulationen ein Ende: Der junge Amerikaner Alexander Wang wird verantwortlicher Designer des Pariser Hauses.

"Ich fühle mich zutiefst geehrt, diese neue Aufgabe für eine Marke und ein Modehaus zu übernehmen, die ich so sehr bewundere und wertschätze", gab Wang in einer Erklärung der PPR-Gruppe bekannt, zu der Balenciaga gehört. François-Henri Pinault, der PPR-Vorstandschef, ergänzte: "Balenciaga ist ein außergewöhnliches Modehaus mit unerschöpflichem Potential und großem Erbe. Alexander Wang wird seine Kreativität und seine Erfahrung einsetzen, um den unverwechselbaren, modernen und innovativen Stil, den Cristóbal Balenciaga vorgegeben hat, neu zu interpretieren und unsterblich zu machen." 

Für den 29-jährigen Wang ist der Gang nach Paris der Höhepunkt einer ohnehin schon steilen Karriere. Der in den USA geborene Sohn taiwanesischer Einwanderer zog mit 18 von San Francisco nach New York, um an der renommierten Designschule Parsons zu studieren. Lange blieb er nicht: Wang schmiss das Studium, gründete seine eigene Firma und brachte zwanzigjährig eine erste Kollektion auf den Markt. Aus einer kleinen Bandbreite an Kaschmir-Teilen entstand bald der typische Alexander-Wang-Look aus schmalen Hosen und weiten T-Shirts, Leder und Sportswear-Elementen.

Der neue Chefdesigner von Balenciaga, Alexander Wang, hat bereits eine steile Karriere hinter sich. © Jamie McCarthy/Getty Images for H&M

Seine androgynen Designs, fast immer in schwarz, weiß oder grau gehalten, richten sich an eine junge urbane Zielgruppe – und die repräsentiert Wang selbst am besten. Im New Yorker SoHo schart er eine Clique aus Models und Prominenten um sich, die seine Stücke tragen.

So gründet sich der Erfolg seiner Marke nicht nur auf die kontemporäre Coolness ihrer Entwürfe oder einflussreiche Unterstützer wie die Vogue -Chefin Anna Wintour . Wang lebt seinen Kunden selbst den Lifestyle-Mythos vor, den seine Kleidungsstücke ausdrücken. "Wie Facebook ist Alexander Wang eines der Produkte seiner Generation", schrieb der britische Telegraph . Während Ghesqiuères Ansatz als eher elitär galt, spricht Wang also ein deutlich breiteres Publikum an – das könnte Balenciaga neue Zielgruppen erschließen.

Ein Outfit aus der Sommerkollektion 2013 ©  Fernanda Calfat/Getty Images

Sicherlich aber wird Wang unter den neu angetretenen Chefdesignern derjenige sein, der das schwerste Erbe zu verwalten hat. Denn während John Galliano für Dior mit seinen antisemitischen Ausfällen untragbar geworden war und Stefano Pilati mit dem Haus Yves Saint Laurent sowieso nie warm geworden war, hat Balenciaga die großen Erfolge der letzten Jahre fast ausschließlich Nicolas Ghesqiuère zu verdanken. Der hatte das vergessene spanische Couture-Haus 1997 als Chefdesigner übernommen und zu einem der einflussreichsten und künstlerisch anspruchsvollsten Labels ausgebaut. Ghesqiuères avantgardistische Entwürfe mit ihren schmalen Silhouetten, markanten Schultern, ungewöhnlichen Volumen und aufwändigen Materialien ließen die Kritiker jubeln und wurden zum Maßstab kontemporären Modedesigns. Berichten zufolge soll Balenciaga seit 2001 um das Elffache gewachsen sein.

Doch obwohl Ghesqiuère Balenciaga auch kommerziell erfolgreich gemacht hat, galt er als eher unwillig, sich an Marketingstrategien und Geschäftsberichten zu orientieren. Für ihn stand die kompromisslose Umsetzung der künstlerischen Vision im Mittelpunkt – das könnte zu Spannungen mit dem Mutterkonzern PPR geführt haben. Alexander Wang war für sein Label dagegen stets ebenso sehr Geschäftsmann wie kreativer Leiter. Innerhalb weniger Jahre hat er sein Haus zu einer globalen Lifestylemarke ausgebaut.

Unter Ghesquières Federführung hat Balenciaga immer wieder die Grenzen dessen verschoben, was Prêt-à-Porter-Mode sein kann. Mit Alexander Wang könnte das Haus sich jetzt deutlich urbaner und kommerzieller ausrichten.