Ohne Jutebeutel geht es nicht. Wer während der Berlin Fashion Week die Schauen für nachhaltige Mode besucht, trägt garantiert eine kleine Sammlung dieser Öko-Insignien nach Hause. Ansonsten aber nähert sich die ökologisch und ethisch korrekte Mode in Ästhetik und Professionalität immer mehr den etablierten Labels an. Und war während der Modewoche so stark vertreten wie nie.

Seit High-End-Labels wie Stella McCartney und große Ketten wie H&M sich zumindest im Ansatz beim Thema ökologische Mode einklinken, ist das Bewusstsein dafür gewachsen, dass Bio-Mode nicht gleichbedeutend mit Abstrichen beim Design sein muss. "Inzwischen kommen immer mehr Leute, die das früher nicht interessiert hat", sagt Jana Keller, die gemeinsam mit Magdalena Schaffrin den Green Showroom im Hotel Adlon organisiert. "Vor allem im gehobenen Segment hat sich vieles getan. Die Leute werden neugierig." Was hier in den Luxus-Suiten gezeigt wird, soll zunächst einmal schöne und interessante Mode sein.

Das kommt gerade in Deutschland gut an, glaubt Keller. Während in Paris Veranstaltungen wie die Ethical Fashion Show wegen mangelnder Nachfrage abgesagt werden, zeigt die Berliner Modewoche mit jeder Saison mehr Programm zum Thema grünes Design. "Nachhaltige Mode gilt in Berlin nicht mehr als uncool", sagt auch Leonie Zijlstra vom holländischen Jeans-Label K.O.I. "Das merken wir an unseren Verkaufszahlen."

Zweites Leben für alte Stoffe

Einer der Trends in der nachhaltigen Mode ist das upcyling. Die Idee dahinter: keine neuen Rohstoffe verbrauchen, sondern Altes zu Neuem ummodeln. Zu den Berliner Wiederverwertungspionieren gehört das Designer-Duo schmidttakahashi. In ihrem Atelier zerlegen Eugenie Schmidt und Mariko Takahashi Kleidungsstücke, die andere nicht mehr wollen. Die Bestandteile – Ärmel, Rückenteile, Krägen – setzen sie neu zusammen oder kombinieren sie mit neuen Stoffen. So entstehen geradlinige und mehrfarbige Einzelstücke, die stets eine persönliche Geschichte erzählen: Über eine in den Kleidern eingenähte Registriernummer können die Träger auf der Homepage des Labels mehr über die Herkunft ihres Einkaufs erfahren. Inzwischen produziert schmidttakahashi auch eine kleine Kollektion sogenannter Duplikate. Die Stücke sind den Altkleider-Kreationen nachempfunden und werden teils aus ökologischen, teils aus konventionellen Materialien gefertigt. "Da sind wir nicht so dogmatisch", sagt Schmidt.

Die Designer von aluc setzen noch einen Schritt früher an. Sie nutzen Musterstoffe und Samples, die in der Textilindustrie normalerweise auf dem Müll landen. Diese Reste werden zu klassisch geschnittenen Hemden, Blusen und Kleidern verarbeitet. Eine upcyling-Linie für Männer zeigt Daniel Croh, der mit seinem Label ReCLOTHINGS Anzüge aus alter Arbeitskleidung entwirft. Strenge Schnitte stehen bei ihm im Gegensatz zu groben Stoffen, die noch die Spuren des Gebrauchs tragen.

Reparieren lassen statt wegwerfen

Jeans gelten noch immer als das problematischste Kleidungsstück der Modebranche: Unmengen Wasser werden bei der Produktion verbraucht, Bleichstoffe belasten Umwelt und Arbeiter in den Fabriken. Doch auch Denim-Produzenten denken um und arbeiten an umweltfreundlichen Neuerungen. Das holländische Streetwear-Label Kuyichi setzt schon lange auf Bio-Baumwolle und bringt Waschungen nicht mit Chemikalien, sondern mithilfe von Lasern auf. "Aber ökologische Baumwolle zu benutzen reicht uns nicht mehr. Wir konzentrieren uns immer mehr auf den Recycling-Effekt", sagt Vertriebschef Peter Schuitema. Im März startet Kuyichi in Holland ein Tauschprojekt: Kunden können ihre alten Jeans im Laden abgegeben, die werden wieder zu Garn verarbeitet und finden so ihren Weg in die nächste Kollektion.

 Fasern aus Buchenholz, Eukalyptus, Bambus

Ähnliche machen es das junge Jeans-Label K.O.I. und die Schweden von Nudie. Beide bieten einen Reparaturservice für alte Jeans an oder tauschen die abgelegten Hosen gegen einen Gutschein für den nächsten Einkauf. "Die Leute merken, dass es besser ist, wenige gute Teile zu kaufen und später zu reparieren als viele billige Produkte, die man schnell wieder wegwirft", sagt Andreas Åhrman von Nudie. Das Göteburger Label hat im letzten Jahr seine ganze Denim-Linie auf Bio-Rohstoffe umgestellt – von der Baumwolle bis zum Knopf. Auf Material-Innovationen setzen die Labels aber nicht nur bei den Jeans. K.O.I. präsentiert auf der Berliner Bread&Butter schlichte Basics aus Bio-Rohstoffen und Cardigans aus Wolle, die aus zerkleinerter Vintage-Kleidung gewonnen wird. Kuyichi verarbeitet Garne aus alten PET-Flaschen und der Naturfaser Tencel.

Fasern aus Bambus und Soja

Alternative Materialien nutzt auch das Label Umasan. Für ihre "veganen" Kollektionen verwenden die Zwillingsschwestern Anja und Sandra Umann Fasern, die aus Buchenholz, Eukalyptus, Bambus oder Sojaprotein hergestellt werden. Rohstoffe also, die schnell nachwachsen und ohne den hohen Wasserverbrauch angebaut werden können, der in der Baumwollproduktion anfällt.

Anja Umann war früher Designerin bei Yohi Yamamoto – bis ihr klar wurde, dass viele Abläufe der Modebranche ihren eigenen Ansprüchen widersprechen. Die stilistische Schnittmenge mit High-End-Labels wie Ann Demeulemeester, Rick Owens oder Yamamoto ist bei Umasan deutlich. Die Kollektionen sind vor allem in schwarz und grau gehalten, setzen auf eine japanische Ästhetik und Multifunktionalität. "Wir sprechen womöglich eine ähnliche Zielgruppe an wie zum Beispiel Rick Owens", sagt Sandra Uman. "Wer eine Lederjacke kauft, freut sich bei uns aber vielleicht, dass er auch noch etwas Gutes für die Umwelt tut."

Minimalistische Formen, lokale Produktion

Die meisten grünen Designer zeigen ihre Entwürfe bei der Fashion Week offsite, abseits des Laufstegs am Brandenburger Tor. Doch Isabell de Hillerin zeigte die Kollektion ihres nachhaltig orientierten Labels ganz selbstverständlich an der Seite anderer Nachwuchsdesigner im Studio des Fashion Week Zelts. Die 27-Jährige navigiert zwischen Moderne und folkloristischer Tradition und verbindet in ihren Entwürfen reduziertes Design mit osteuropäischer Handarbeitskunst.

De Hillerin, gebürtige Münchnerin mit rumänischen Wurzeln, hat in Barcelona studiert und lebt mittlerweile in Berlin. Auf der Modewoche zeigte sie weich fallende Blusen und Kleider, Oversized-Jacken und kantige Blazer in Petroltönen, Schwarz und Beige. Ihre strukturierten Schnitte kombiniert sie mit kunstvollen Stickereien, die von einer kleinen Gruppe Frauen in Moldawien und Rumänien von Hand angefertigt werden. Das Ziel: eine vom Aussterben bedrohte Tradition bewahren und die Wertschätzung für lokale Produktionen steigern.

ZEIT Online und ZEITmagazin twittern von der Berliner Fashion Week auf dem Kanal: @zeitonline_live