Den ersten Interviewtermin musste sie verschieben, den zweiten auch, doch beim dritten ruft Irina Schrotter dann pünktlich um 17 Uhr aus Rumänien an. Sie war erkältet, konnte die letzten Tage kaum sprechen. Die verlorene Stimme kam ihr mehr als ungelegen: Heute präsentiert sie zum fünften Mal auf der Berliner Fashion Week und wenn es um rumänische Mode geht, hat die Designerin viel zu erzählen. Nicht etwa über Stoffe und Inspirationen, sondern über die Zukunft ihres Landes und die Rolle, die Berlin dabei spielt.

Irina Schrotter ist 47 und gilt als erfolgreichste Modedesignerin Rumäniens. 1990 gründete sie ihr eigenes Label, im Jahr darauf folgte ein Laden in Iasi, 1995 ein zweiter in Bukarest, 1999 organisierte sie Rumäniens erste Fashion Week. Sie besitzt drei Produktionsfirmen mit 1.000 Mitarbeitern und stellt dort Kleidung für internationale Modeunternehmen her, zeigt ihre eigenen Kollektionen regelmäßig in den Showrooms von Paris, eröffnete 2009 einen Laden in Lugano, 2012 einen weiteren in New York und hat mittlerweile Kunden in 40 Ländern. Was sie nach Berlin zieht?

"Die Stadt gibt meinem Label eine gesunde Kraft", sagt Irina Schrotter. Wenn man aus einem Land kommt, das immer noch mit extrem niedrigen Arbeitslöhnen zu kämpfen hat, werde man schnell abgestempelt. "Made in Romania" – was soll schon dahinter stehen? In den Ohren der meisten klingt das nach billiger, schnell produzierter Polyesterkleidung. "Deutschland dagegen verbindet man auf der ganzen Welt mit hochwertigen Produkten. Wenn man in Berlin zeigen darf, ist das so etwas wie ein Qualitätszertifikat."

Irina Schrotter bei der Mercedes-Benz Fashion Week im Juli 2012 © Samir Hussein/Getty Images

Nichtsdestotrotz möchte Irina Schrotter das schiefe Bild von Rumänien begradigen. Das Land habe viele Vorzüge und sei extrem kreativ. Die Musikbranche wächst, rumänische Kinoautoren gelten auf internationalen Filmfestivals als Geheimtipp, und mittlerweile gibt es auch drei große Modeschulen. Das Problem ist nur: "Wir wissen nicht, wie wir unsere Stärken kommunizieren sollen."

Berlin gibt auch unbekannten Namen eine Chance

Wie auch? In Rumänien ist man nur negative Presse gewohnt. Als Schrotter ihre Mode zum ersten Mal in Berlin gezeigt und danach die lobenden Berichte gelesen hatte, fragte sie: "Und wo sind die Skandale?" Andere niederzumachen, um selbst mehr Macht zu erlangen – das ist in Rumänien nach wie vor normal. "Die Aufnahme in die Europäische Union ist das Beste gewesen, was meinem Land passieren konnte", sagt Schrotter. Es muss sich nun an die Regeln halten und das, so hofft sie, führt endlich zu mehr Demokratie.

Irina Schrotter Herbst/Winter 2013 © Peter Michael Dills/Getty Images for Mercedes-Benz

Um die Zukunft des rumänischen Nachwuchses kämpft Irina Schrotter wie eine Löwin. 2008 hat sie sich um die Position als Bürgermeisterin beworben, aber Frauen werden in hohen Ämtern nicht gern gesehen. Also versucht sie eben durch die Mode über das große Potenzial der jungen Leute zu sprechen. In Berlin organisierte sie vor zwei Jahren zum ersten Mal die "Romanian Fashion Night".

"Berlin ist offener als andere Modemetropolen und akzeptiert auch junge, unbekannte Designer. Woher sie kommen und welche Kontakte sie haben, spielt keine Rolle. Was zählt ist, dass sie gut sind." Zur Hälfte wird die "Romanian Fashion Night" von der rumänischen Regierung finanziert. Dafür hat Irina Schrotter sich eingesetzt.

Erschienen im Tagesspiegel