Modestadt Berlin : Große Mode auf Kosten der Kleinen

Zum zehnten Mal findet die Berliner Modewoche statt. Noch immer bietet die Stadt Modemachern Platz für Träume. Aber die Gewinne werden ungerecht verteilt.
Die Messe Bread&Butter © Sean Gallup/Getty Images

"Ich war zu früh dran", sagt Ayzit Bostan. Nach nur einem Jahr in Berlin schloss die Designerin im Jahr 2002 ihren Laden und kehrte zurück nach München. Bostan ging, weil Mode in der Stadt noch keine Rolle spielte. In Berlin suchte niemand danach, es gab kaum Käufer und keine Einkäufer. Glamouröse Präsentationen, das schon. Im Frühjahr 2000 zeigte Bostan ihre Kollektion in Berlin bei einer Vogue-Gala zu Ehren von Christian Dior. Auch Trendscouts gab es in der Stadt. Das von Konstantin Grcic gestaltete Papp-Interieur von Bostans Showroom zeigten viele internationale Designhefte. Doch die Stadt war nur die Bühne, auf der die Mode gezeigt wurde. Eine Bühne ohne Schnürboden und Maschinenraum.

Hätte die für formale Klarheit und handwerkliche Perfektion bekannte Bostan gewusst, dass nur ein Jahr später eine Messe für Designermode kommen sollte, vielleicht wäre sie geblieben. Anita und Norbert Tillmann, frisch aus Düsseldorf nach Berlin gezogen und gelangweilt von 40 Jahren Stillstand im deutschen Modegeschäft, erkannten damals das Potenzial der Stadt. "Wir haben all diese jungen Modemacher in ihren Hinterhaus-Ateliers besucht und gewusst, die werden so nie einen Pfennig Geld mit ihren Sachen verdienen", sagt Anita Tillmann. "Aber die Liebe und die Hingabe, mit der sie gearbeitet haben, die hat uns angezogen."

Außerdem bot Berlin den beiden Unternehmern Platz. Für einen neuen, frühen Termin innerhalb des straffen Modekalenders, für ein neues Konzept, für eine Modemesse außerhalb anonymer Hallen. "Wir wollten erstklassige Damen und Herrenlabels, Denim, Sportswear, Accessoires und Schuhe zusammen an einem Ort zeigen. Bis dahin wurde das alles auf segmentfokussierten Messen zu unterschiedlichen Terminen präsentiert. Mit der Premium haben wir alle Regeln gebrochen", sagt Tillmann. Ihr Mut wurde belohnt. In dieser Woche feiert die Messe der Tillmanns im ehemaligen Güterbahnhof am Gleisdreieck ihren zehnten Geburtstag und mit ihr die ganze Modestadt Berlin. Auch die Bread&Butter zog im Januar 2003 von Köln nach Berlin. Und die Designer verließen ihre Hinterhäuser, um ihre oft wilde, manchmal wenig durchdachte und dafür umso persönlichere Mode in Galerien und Klubs zu präsentieren.

Es gab Platz, dafür fehlten Jobs

Die Mode kam, als Berlin gerade in eine Nach-Wende-Depression fiel. Eine Bevölkerungsexplosion war nach 1989 ausgeblieben, die Deutschland-AG ließ die Hauptstadt links liegen. Statt weniger gab es mehr Leerstand und noch immer fehlten Jobs. Eine Stadt als Bau- und Leerstelle. Den überflüssigen Raum nahmen sich Technokollektive, Künstler und Design-Absolventen der UdK, HTW und KH Weißensee, die lieber 500 Euro mit selbstentworfenen T-Shirts verdienten, als für eine Festanstellung in den Westen der Republik zu ziehen.

"Ich dachte damals: Mit Mode kann man ja schnell Geld verdienen", sagt Kilian Kerner über diese Zeit. "Dass man viel Geld reinstecken muss, bevor wirklich genug zurückkommt, habe ich erst später gemerkt." Der 33-Jährige stieg vor zehn Jahren am Bahnhof Zoo aus dem Zug, um in Berlin Schauspiel zu studieren. Heute hat er ein Atelier in einer Fabriketage am Treptower Park, in dem er mit seinen Mitarbeitern gerade Models für die anstehende Schau aussucht. Einige sehen dem jungenhaften Modemacher Kerner verblüffend ähnlich, schlaksiger Körper, schmales Gesicht, die Haare in die Stirn gezupft. "Ich hatte ein paar Sachen für eine Freundin umgenäht. Dann haben Bekannte mich überredet, eine Show zu machen, die ich inszeniert habe wie ein Theaterstück. Ich fand's einfach lustig." Bei Kerner stand die Lust an der Inszenierung und das Erfolgserlebnis, als Hunderte von Anfragen für ein zerrissenes Unterhemd mit goldenem "Kilian Kerner" Schriftzug bei ihm ankamen, am Anfang einer Laufbahn, die in Berlin Maßstäbe setzt. Seit 2008 zeigt er seine Kollektionen kontinuierlich im Zelt der Mercedes Benz Fashion Week, diese Woche zum zehnten Mal.

Als Mode aus Berlin noch Provokation bedeutete: Lala Berlin in Mailand, 2006 © Andreas Solaro/AFP/Getty Images

Kerner, der Autodidakt, macht sich das Modemachen nicht so schwer wie andere. Seine Kollektionen balancieren auf dem schmalen Grad zwischen anspruchsvollem Kommerz und glitzernder Gefälligkeit. Deutsche Showbiz-Frauen wie Karoline Herfurth und Sandra Maischberger lieben Kerner, von Kritikern wurde er gescholten, er bliebe hinter seinen Möglichkeiten. "Die Leute haben über mich gelacht, aber das hat mich angespornt. Und jetzt lache ich", sagt Kerner ohne Zorn.

Nach schwierigen Jahren, in denen Kooperationspartner nicht zahlten und Kerner kaum die Produktion der bestellten Teile vorfinanzieren konnte, stieg ein Investor in die Firma ein. Eine günstige, gut durchdachte Zweitlinie, Kilian Kerner Senses, ebnet nun der Premiumkollektion den Weg in die Läden. Dank eigenem Vertrieb verkaufen sich seine Sachen in 14 Ländern, der Umsatz wächst, im Juli 2012 ging die Marke an die Börse. Seither arbeitet Kerner noch mehr als vorher, nämlich "sieben Tage die Woche, die letzten drei Monate".

Kommentare

4 Kommentare Kommentieren

eine spannende

und ehrliche Analyse der aktuellen Verkehrsbehinderung inmitten Berlins, lieben Dank dafür.

Das sich die großen so die Kreativität der kleinen Designer teilweise zum Vorbild machen sollte am Ende auch für ein wirtschaftliches Überleben dieser verantwortlich sein.

Die Einkäufer bei den Marken sind ja auch schmerzfrei und kaufen auch primär nach dem Preis den die Marken dank Billigproduktion in Fastentwicklungsländern günstig kalkulieren können.

Nun nach einem Produktionsablauf für die neuen Kreativen zu suchen wäre doch einmal eine Aufgabe für unser Arbeitsamt in Berlin, dort würde sich sicherlich etwas organisieren lassen mit Unterstützung auch hier zu produzieren, ehrlich mit Freude und fair. Ob der Regierende Bürgermeister hier vielleicht ein Stück Einsehen hat und etwas dafür anschiebt?

DERZEIT

Sehr geehrte Frau Exner

Im vollen Bewusstsein, dass ein solch weit greifender Artikel über die Fashion Week Berlin viel Recherchearbeit benötigt und die tägliche Nachfrage nach den letzten Neuigkeiten mit dem selbst gesetzten Qualitätsansprüchen manchmal zu kollidieren droht, möchte ich Sie darauf hinweisen, dass Ihre so in den Raum gestellte Vermutungen zum Ende unserer Zeitung nicht zutreffen. Wir von der DERZEIT möchten in Zukunft schlicht gerne neue Projekte in Angriff nehmen und haben deshalb bereits Ende Sommer gemeinsam das Projekt im Guten beendet. Nach 4 Jahren Nachwuchsförderung in Berlin, Aufbau von jungen Schreibern und Fotografen (die Ihre Zeitschrift bisweilen auch gerne übernehmen tut, was uns stets geehrt hat) und 28 Printausgaben wäre es nett gewesen, wenn Sie sich selbst bei uns nach unseren Beweggründen erkundigt hätten. Die Derzeit war stets durch klar definierte Anzeigen finanziert, und blieb bis zur letzten Ausgabe in den schwarzen Zahlen. Auch blieben wir stets unabhängig, niemand ausser uns wusste über den Inhalt der Ausgaben Bescheid, bevor die Zeitung jeweils im Zelt auslag.
Berlin braucht junge Kreative in der Mode und in den Online- wie auch den Printmedien. Die Zeit tut viel in dieser Hinsicht, vielleicht gerade deswegen erstaunt mich Ihre Vorgehensweise in diesem Fall umso mehr...

Ich wünsche Ihnen trotz allem erstmal eine inspirierende Fashion Week in Berlin mit vielen neuen Eindrücken und verbleibe mit freundlichen Grüssen

Manuel Schibli