Backstage bei der Schau von Lala Berlin © Marc Schuhmann

Mode in Berlin? Berlin ist ja gerade selbst sehr in Mode. So sehr, dass David Bowie einen Berlin-Song gewählt hat, um sein Comeback zu inszenieren. Wenn Berlin im Spiel ist, kann alles schiefgehen, aber es macht nichts. So war auch bei der Berliner Fashion Week neben den Laufstegen viel die Rede vom "KaDeWe-Song" und eher gar nicht vom Flughafen-Chaos. Die Gäste fanden es scheinbar ganz angenehm, über den kleinen, abgegriffenen Flughafen Tegel in die Stadt zu kommen.

Die Dysfunktionalität, das kreative Verrotten ist Berlins Unique Selling Point. In der Stadt funktioniert immer weniger, trotzdem wollen immer mehr Leute dort wohnen, Urlaub machen, arbeiten. Vielleicht ist es das, was die anderen deutschen Großstädte, die brav vor sich hin funktionieren, so aufregt. Dass dieser Stadt alles vergeben wird. Berlin, das ist der Typ in der Komödie, der nichts hinkriegt und am Schluss die schönste Frau bekommt.

Dieser Tage hat Berlin sehr viele schöne Frauen bekommen. Etwa Renée Zellweger und Pixie Geldof bei der Show der Boss-Linie Hugo. Hunderte Models auf den Laufstegen und Tausende gut gekleidete Damen im Publikum. Die Modewoche ist ein Spektakel geworden, das niemand mehr überschauen kann. Neben der Mercedes Benz Fashion Week im Zelt am Brandenburger Tor rangelten elf große und kleine Messen um die Aufmerksamkeit der mehr als 200.000 Besucher.

Nirgends ist das Finale einer Schau so pompös

Wer das Gewusel gut angezogener Menschen in der Stadt sieht, kann kaum glauben, dass erst seit einigen Jahren in Berlin Mode gezeigt wird. Und während in den frühen Tagen noch mancher Trash zu sehen war, gibt es mittlerweile kaum eine Show mehr, die man kopfschüttelnd verlässt. Bei Boss wurden schmale Hosen und Jacken mit doppelten Kragen in Taupe, Mauve und Karminrot gezeigt. Michael Michalsky zeigte hervorragend geschnittene Herrenmode, die jedem Mann die Silhouette gibt, die er gern auch ohne Jacke hätte. Dorothee Schumacher präsentierte hinreißend geschnittene Kleider mit Uhrglas-Silhouette und Trompetenärmelchen, bei Rena Lange ließ man sich von Mondrian inspirieren.

Noch interessanter war es allerdings, die Modeschöpfer zu betrachten, die nicht zu den großen Marken gehören, aber auf eine große Zukunft hoffen. In Berlin haben sich da zwei Arten herausgebildet: jene, die sich darin gefallen, Modemacher zu sein – und jene, die Mode machen. Es gibt Shows, bei denen dasselbe, mit psychedelischen Mustern bedruckte Kleid in 20 leichten Abänderungen über den Laufsteg marschiert, ein paar rätselhafte Mottopullover gezeigt werden, dazu natürlich Glitzerhosen und theatralisch flatternde Seide. Alles endet mit einem pompösen Finale, das nirgends so variantenreich ist wie bei der Berliner Fashion Week. Designer, die durch ein Spalier applaudierender Models laufen, offensichtlich kurz davor, von dem lovestorm, der ihnen entgegenschlägt, weggeblasen zu werden. Designer, die an der Spitze einer Prozession von Models in Richtung Fototribüne schreiten. Models, die sich zum Gruppenbild aufstellen. Es werden Kusshände geworfen, Umarmungen verteilt, so als ob überhaupt kein Zweifel aufkommen könnte, dass hier gerade Modegeschichte geschrieben wird.

Bei all dem ahnt man, dass es schon bald den nächsten historischen Moment zu erleben geben wird, nämlich bei der Sommerausgabe der Fashion Week. Vielleicht reicht das manchen Designern auch schon: Mit knappen Mitteln eine Kollektion zu schneidern, die nur von einigen Liebhabern getragen wird – und nach jeder Schau heftig von Freunden beklatscht zu werden.