Das Abschlussbild von Chanels Haute-Couture-Schau mit dem kleinen Hudson Kroenig, dem Sohn von Lagerfelds Lieblingsmodell Brad Kroenig. © Loic Venance/AFP/Getty Images

In der Mode ist manches so wunderbar einfach: Es genügt, am Ende einer Schau statt eines Brautkleids zwei zu zeigen und schon ist sie da, die politische Aussage.

Im Falle Karl Lagerfelds kann man sich sicher sein, dass es sich weder um ein dusseliges Versehen noch um einen Produktionsüberschuss handelt, wenn zwei weibliche Modelle sich an den Händen haltend im identischen Kleid samt Blumenkindern die Haute-Couture-Schau von Chanel beenden. Schon allein deshalb, weil es bei der hohen Schneiderkunst, im Gegensatz zur Kleidung prêt-à-porter, also der Mode von der Stange, die erst in gut einem Monat in Paris gezeigt wird, um Einzigartigkeit und nicht um Reproduzierbarkeit geht. Keines der hier präsentierten Kleider soll es mehr als einmal geben – nur eine Handvoll Kunden auf der ganzen Welt lassen sich die Roben später auf den Körper schneidern.

Also möchte Karl Lagerfeld mit seinen beiden Bräuten sagen: Zwei Kleider sind schöner als eins und zwei Menschen zusammen schöner als allein. Völlig gleich, welchem Geschlecht sie angehören. Und seht her: Zu dritt können sie sogar eine Familie sein!

Das ist als lupenreines politisches Statement zu verstehen, weil Karl Lagerfeld mit seinem Liebesleben bestimmt nicht offenherzig umgeht: Mon dieu, er ist schließlich ein einsames Genie, der größte Modedesigner aller Zeiten!

Homosexualität ist wie eine Haarfarbe

An diesem Bild von sich selbst hat er gearbeitet, seit er in den fünfziger Jahren als Teenager mit seiner Mutter nach Paris kam. Als er sie nach der Bedeutung von Homosexualität fragte, soll sie gesagt haben: "Das ist etwas wie eine Haarfarbe – es ist egal, ob du blond oder brünett bist."

Zwar kann man sich Karl Lagerfeld nur schwer in inniger Zweisamkeit vorstellen, doch seinen Lebensstil teilt er gern mit. In einem Interview mit dem Magazin Vice vor ein paar Jahren sagte er sogar, dass für ihn ohnehin nur Prostituierte infrage kämen und er Pornos liebe. Und was er von männlicher Schönheit hält, wissen wir spätestens seit er seine Fotos ausstellte, die er von seinem damaligen Lieblingsmodel Brad Kroenig machte: unter der Dusche, auf Fensterbrettern, in Betten und immer, immer nackt. (Kroenigs kleiner Sohn Hudson begleitete die beiden Bräute übrigens auf dem Laufsteg.) Lagerfelds Schlafzimmer ist bekannt aus Modemagazinen und zahlreichen Dokumentationen, aber wer und ob überhaupt jemand mit ihm dort die Nacht verbringt, verrät der Meister nicht.

Wenn er zu gesellschaftlichen Themen gefragt wird, spricht er immer aus seinem eigenen Kosmos heraus. Dort sind eben manche Dinge schlichtweg nicht existent. Zum Beispiel hat er die Debatte über allzu magere Models abgetan mit den Worten, Übergewicht sei viel schlimmer, darum müsse man sich erst einmal kümmern. Er selbst wog ja mal 40 Kilogramm mehr.

Jetzt spricht er wieder aus der Perspektive Karl und sagt den Franzosen einfach mit zwei Brautkleidern seine Meinung zur Diskussion um die gleichgeschlechtliche Ehe. Das dürfte doch eine Sprache sein, die man in Frankreich versteht.