Norwegen : Lässiger Dresscode in drei Stufen

Bloß kein Schlips! Legere Kleidung gehört in norwegischen Büros zum guten Ton, schreibt unser Leser Christopher Bach. Es gibt nur eine Ausnahme.

Wenn ein Mann in Deutschland ins Büro geht, liegt er im Zweifelsfall mit Anzug und Krawatte richtig. Ganz anders in Norwegen. Ich wohne und arbeite seit 2007 dort und habe durch meine Arbeit im Consulting-Bereich viele norwegische Firmen von innen kennengelernt. Meine Erfahrung: Wer hier arbeitet, sollte sich im Büro nicht zu formell kleiden. Aufzufallen ist in der norwegischen Kultur nicht angesagt. Die Krawatte hat da keine Chance.

Norwegen hat knapp 5 Millionen Einwohner, eine Arbeitslosenquote von 3,2 Prozent und große Öl-Vorkommen: Das Land ist reich. Doch Ola Nordmann – der norwegische Max Mustermann – ist kein Angeber-Typ. Er erfreut sich zwar an seinem Wohlstand, doch zur Schau stellen will er ihn nicht. Die meisten norwegischen Firmen haben keine Kleiderordnung und geben sich betont lässig. Selbst globale Consulting-Firmen, die ihren Mitarbeitern eigentlich vorschreiben, immer Anzug und Krawatte zu tragen (bei den Damen Entsprechendes), sehen in Norwegen gern über diese Regel hinweg.

Bei genauerem Hinsehen gibt es aber doch einen Dresscode in drei Stufen: von lässig bis fast formell. In der lässigsten Stufe sind Kapuzen-Pulli, Jeans und Turnschuhe angesagt. In dieser Kluft sind Immobilien-Makler ebenso zu finden wie IT-Chefs, die im Dotcom-Boom Ende der neunziger Jahre reich geworden sind. Doch Vorsicht: Pulli, Jeans und Schuhe müssen schon von einem teuren Markenhersteller sein. Diese Kleidungsteile von einer schwedischen Modekette mit zwei Buchstaben zu tragen, kommt schlecht an. Sonst könnte man den Millionär ja nicht mehr vom Austausch-Studenten unterscheiden.

Zwischen lässig und fast formell liegt die zweite Stufe: Jeans und ein schönes Hemd. In dieser Kategorie kleiden sich die meisten Norweger. Die Jeans ist in der Regel blau und beim Hemd ist im Grunde alles erlaubt, was kariert oder gemustert ist. Markenware ist auch hier gern gesehen. Ausnahmen sind 45-jährige Familienväter, die manchmal mit knallroter Chino-Hose bei der Arbeit erscheinen und so unterschwellig kommunizieren: "Ich bin genauso cool wie mein 14-jähriger Sohn."

Wer dennoch nicht auf einen Anzug verzichten will, ist in der dritten Kategorie gut aufgehoben. Hier kleidet man sich im Fußball-Experten-Stil: Anzug und Business-Hemd mit offenem Kragen. Der Schlips ist tabu. Selbst in der Chefetage sieht man so gut wie keine Krawattenträger. Wer in der Kantine plötzlich Anzugträger mit Schlips entdeckt, kann sicher sein: Das ist Besuch aus Deutschland.

Unterschiede gibt es auch nach getaner Arbeit: Während in Deutschland beim Abendessen mit den Kollegen auf einmal Lässigkeit angesagt ist, werden Norweger hier plötzlich richtig formell. Die Herren speisen im bestem Anzug und feinstem Hemd im teuren Restaurant. Verständlich, wenn man bedenkt, dass das günstigste Glas Wein mehr als 10 Euro kostet. Hier ist selbst Krawatte erlaubt!

Kommentare

36 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Sie haben doch den Artikel....

... gelesen, oder?

"aber fuer Menschen die wirklich was schaffen und sich nicht ueber ihr Styling in Meetings profilieren muessen ist dann doch oft die Jeans mit einem ordentlichen Hemd angenehmer bei einem langen Tag am Schreibtisch."

Es wird schließlich im Artikel festgestellt, dass der Norweger sich ebenso, wenn nicht noch extremer, über Kleidung profiliert, wie der gemeine Deutsche. Und abgesehen davon ist ein ordentlich geschnittener Anzug, dessen Jacke man am Schreibtisch natürlich ablegt, deutlich bequemer als eine Jeans.

Stimmt nicht

Es stimmt schlicht und ergreifend nicht, dass die Norweger ihren Wohlstand nicht gerne zur Schau stellen. Man sieht es bereits in der norwegischen Werbung: "Wenn du diesen Fernseher kaufst, wird dein Nachbar neidisch". Man zeigt was man hat und das auch gerne. Zum Beispiel in dem man ins Ausland in den Urlaub fährt oder einen großen Geländewagen fährt (ich habe noch nie so viele Land Cruiser gesehen wie hier in Norwegen). Auch die Hütte gehört zum guten Ton und natürlich ein Boot. Und auch der Kleidungsstil mag lässig wirken, aber davon sollte man sich nicht täuschen lassen. Zur Zeit sind hier Jacken modern die 7000NOK kosten. Diese Jacken sind für die kalte Jahreszeit bestens geeignet, werden aber fast ganzjährig zur Schau getragen (sobald es plus Grade hat, fängt man anzuschwitzen). Und so verhält es sich auch mit der übrigen Kleidung, lässig ja, aber auf keinen Fall billig und am liebsten teure oder norwegische Marken.
Hilsen
Lorcan

na ja, schlipstraeger ........

...... als Schlipsaffen zu bezeichnen ist ja geradezu eine
Ansage zum Anzieh-Krieg. Ich trage seit meinem Aussteigen aus einem Angestelltenverhältnis vor 51 Jahren keinen Schlips mehr. Aber ich finde seit einigen Jahren die Anzieh-Weise mit Schlips und Anzug nicht die Schlechteste Art sich zu kleiden. Wenn ich einer anderen Generation angehören würde, würde ich auch wieder eine nonkonformistische Kleidung vorziehen, das wäre dann eben Schlips im Anzug. Die Ansicht einer Kapuzenjacke erzeugt bei mir eine gruselige Abneigung. Grundsätzlich, die Kleidungsordnung mit gedruckten T-Shirts den Jeans und die sonstige vorgeblich legere Kleidung ist mir zu einfallslos und eintönig.