Catrine Val: "Olga", 2011

ZEIT ONLINE: Frau Val, was macht einen Körper vor der Kamera zum Model?

Catrine Val: Schließen wir die Augen. Die meisten von uns sehen bei dem Wort Model ein graziles, schlankes Mädchen vor sich. Das heutige Körperideal diktieren harte Fakten: 90-60-90. Fünf Kilo addiert die Kamera zum Realmaß hinzu. Models wissen das und in der Verzweiflung wird der Körper zunehmend durch chirurgische Eingriffe auf das gültige Maß gebracht. Wer über Körper, Schönheit und Mode nachdenkt, muss sich also auch mit der Struktur und Funktionsweise der Medien auseinandersetzen.

ZEIT ONLINE: Und welche Funktion haben die Medien in dieser Hinsicht?

Val: Der Körper ist heute nicht mehr Maßstab, sondern er ist selbst zum Medium geworden. Leider wird diese Maxime immer stärker von der Werbewirtschaft diktiert, von Zeitschriften und anderen Medien, und nicht von der Mode selbst. Das ist ein grotesker Werteverfall.

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ZEIT ONLINE: Ihr aktueller Fotoband heißt Feminist. Darin inszenieren Sie sich einmal in einem pinken Lackkleid, dann wieder im Bademantel oder Abendkleid. Was verbindet Mode und Feminismus?

Val: Die Wahl des Buchtitels klingt zunächst unsexy und spröde unparfümiert. Dabei dreht sich in der Mode alles um die Frau. Der modisch inszenierte weibliche Körper ist eine Projektionsfläche der gesellschaftlichen Verhältnisse. Die Großmütter der heutigen Feministinnen kannten das Korsett als Synonym der Unterdrückung. Heute sprechen die Zeichen der Mode entweder eine Sprache der Anpassung oder eine der Revolte.

ZEIT ONLINE: Sie sind sowohl Produzentin der Fotos als auch Ihr eigenes Model. Nehmen Sie beide Rollen ein, um die Kontrolle über Bild und Medium zu behalten?

Val: Die Macht des Modefotografen ist bis heute unangefochten, der Beruf ist dominiert von Männern. Dieses Verhältnis spiegelt sich hoffentlich in der straffen Künstlichkeit meiner Arbeiten wider. Der verzerrte Blick auf den weiblichen Körper wird dabei von mir offen gelegt. Vor den Shootings habe ich tagelang nichts gegessen, damit ich in die maßgeschneiderten Kleider hineinpasste, 30 Liegestütze bringen mich nicht außer Atem. Dem Druck, dem sich Models täglich ausliefern müssen, habe ich nur für kurze Zeit standgehalten.

ZEIT ONLINE: Haben Sie nie in Erwägung gezogen, einfach mit Models zu arbeiten?

Val: Dass ich mich als Darstellerin gewählt habe, hat mit meinem längjährigen Aufbäumen gegen meine eigenen Begrenzungen zu tun. Während meines Kunststudiums war ich unsicher, was meine Person und meine Arbeiten anbelangte. Das resultierte aus dem Bruch mit meiner vorherigen Identität: Ende der achtziger Jahre habe ich als Grafikerin in einer Werbeagentur gearbeitet. Das war eine Zeit, in der die glamouröse Oberfläche alles versprach – es ging um Schulterpolster und um Geld. Ich habe für die Fotoshootings Models ausgewählt und mich durch deren Sedcards gequält. Dabei wurden mir ständig die eigenen Abweichungen bewusst.

ZEIT ONLINE: Also sind Sie aus der Werbebranche ausgestiegen?

Val: Ich wollte auf eigenen Füßen stehen und habe angefangen, Kunst zu studieren. Die Werberin in mir verschwieg ich allerdings. Und dann kamen diese Ansagen: "Catrine, du kannst nicht manisch ein schönes Bild nach dem anderen produzieren!" Schönheit war damals in der Kunst ein Schimpfwort.

Ich akzeptiere den Körper und das Alter

Catrine Val: "Victoria, 12, 06, 11 // 38", 2012

ZEIT ONLINE: Die Bilder der Feminist-Serie zeigen dagegen Mode abseits plakativer Schönheit.

Val: Der Unterschied zu meinen früheren Arbeiten ist, dass ich den Körper und das Alter akzeptiere. Ich habe nichts vertuscht. So wurden die Bilder authentisch, liebenswert, skurril und zerbrechlich. Es geht einmal nicht um das erotisch angehauchte menschliche Abbild. Ich wollte Visionen präsentieren, die nicht auf den Konsum ausgerichtet sind, sondern zum Nachdenken anregen. Stellvertretend steht dabei meine Person als Schablone vergangener und zukunftsorientierer Rollenbilder: Wer bin ich, wer möchte ich sein? Ich gebe in dem Buch keine These vor – das Abweichen von einer solchen ist mein Ziel. Frei interpretiert nach Jean-Paul Sartre: "Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt, er muss sich täglich neu erfinden."

ZEIT ONLINE: Was ist Ihnen persönlich so wichtig daran, Mittelpunkt der Bilder zu sein?

Val: Ich wollte zeigen, dass ich als Künstlerin auch Frau sein kann. Das ist immer noch nicht selbstverständlich. Ich habe damals als junge Mutter von zwei Kindern bei der Medienkünstlerin Valie Export in Köln studiert. Ihr eigener Kampf um Anerkennung als Frau steht für Künstlerinnen als Mahnmal. Fürchterlich aufgeregt hat sie die Geburt meines dritten Kindes. Sie fragte, ob ich mich denn als Künstlerin eigentlich noch ernst nehme.

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ZEIT ONLINE: Was war Ihre Antwort?

Val: Schließt das eine das andere aus? Ich war eine junge Frau mit Hoffnungen. In der gesellschaftlichen Norm musste ich sehr für meinen Status als Künstlerin kämpfen. Ich wollte keine Antihaltung aufbauen, aber wie zum Trotz habe ich damals die Mode als Sprachrohr wiederentdeckt und mich mehr und mehr zu meiner Biographie bekannt. Heute weiß ich, wovon ich spreche. Feminismus lebe ich mit all der Weiblichkeit, die für mich dazu gehört.

ZEIT ONLINE: Haben Sie auch schon Männer verkörpert?

Val: Ich bin bislang nur in die Rolle des Modeschöpfers Valentino geschlüpft. Er war die Schlüsselfigur einer sich zu Ende neigenden glamourösen Ära des Femininen, und wurde gegen seinen Willen vorzeitig in den Ruhestand getrieben. Dagegen versuchen alternde Design-Ikonen wie Karl Lagerfeld oder Wolfgang Joop zwanghaft bis zum Grotesken ihren eigenen Idealen zu entsprechen. In meinem neuen Projekt Power Drift werde ich mich in männliche Ikonen medialer Macht verwandeln. Mit viel Humor untersuche ich deren Mimik, Pose und Kleiderdiktat.