Samtrote Lippen, hautenges Kleid, schwarze Spitzenstrumpfhose und Pumps, von deren Spitze ein keckes Katzengesicht grinst. Olympia Le-Tan sieht aus, als sei sie einem Fünfziger-Jahre-Film entsprungen. "Ich bin nicht besonders modern", sagt sie lapidar und setzt sich auf ein kleines Sofa in ihrem Appartement im 2. Pariser Arrondissement. Ihr Wohnzimmer ist voll von angestaubten Büchern. In den Regalen, auf dem Kaminsims, auf Tischen und verstreut auf dem Boden liegen alte Ausgaben von J.D. Salingers Der Fänger im Roggen, Giuseppe di Lampedusas Il Gottopardo und reduziert gestaltete Ausgaben von Umberto Ecos Diario Minimo. Doch die Bibliotheksatmosphäre täuscht. Viele der Stücke, die Olympia Le-Tan bei sich zu Hause hortet, sind keine Taschenbücher, sondern Büchertaschen.

Die handgefertigten und täuschend echt mit Motiven der Erstausgaben bestickten Stücke entstehen nur eine Tür weiter. Le-Tans Atelier befindet sich in der Wohnung gegenüber. Seit drei Jahren verkauft die 35-jährige Designerin ihre limitierten Minaudières und traf mit der Mischung aus surrealistischem Witz und Studentinnen-Charme einen Nerv. Wer möchte nicht wie eine junge Germanistin mit einem Buch in der Hand an der Seine entlang schlendern? Rilke, Goethe, Dostojewski, Hemingway – eine Le-Tan zeigt Haltung. Eine der ersten, die so zu einer Filmpremiere ging, war die Schauspielerin Tilda Swinton. Es folgten Natalie Portman, Michelle Williams und die französische Aktrice Clémence Poésie.

Tilda Swinton trug ihre "Le-Tan" auf dem Roten Teppich in Cannes im Mai 2012 © Pascal Le Segretain/Getty Images Entertainment

Die Geschichte ihrer außergewöhnlichen Handtaschen begann Ende der neunziger Jahre in der Pariser Boutique Colette. Le-Tan, die damals noch als Stylistin für Chanel arbeitete, kam mit einer selbstgemachten Handtaschen am Arm in den Laden, einer Art Shopper mit aufgestickten, japanisch anmutenden Figuren. Sarah Lerfel, die Gründerin von Colette, wollte diese Tasche sofort für ihren Laden bestellen. Danach wurden auch andere Boutiquen auf sie aufmerksam. "Aber ich habe es nicht so mit Deadlines", sagt Le-Tan, die damals noch jede Tasche selbst bestickte. Bald kam sie mit der Produktion nicht mehr hinterher und gab das Projekt erst einmal auf.

Erst mehr als zehn Jahre später fing sie wieder mit den Büchertaschen an. "Am Anfang waren es einfach meine Lieblingsbücher. Inzwischen hat jede Kollektion ein Thema." Man kann sie wohl als Leseratte bezeichnen, intellektuell findet sich Olympia Le-Tan allerdings nicht. "Ich liebe zum Beispiel My Oncle Oswald von Roald Dahl. Die Geschichte ist super lustig, aber bestimmt nicht intellektuell."