Olympia Le-TanTaschenbuch à la Parisienne

Rilke und Hemingway statt Chloé und Chanel: Olympia Le-Tan entwirft Handtaschen, die aussehen wie Romane. Sie fertigt auch auf Bestellung. Nur nicht "Vom Winde verweht". von 

Olympia le-Tan Handtasche Michelle Williams

Michelle Williams mit einer Tasche von Olympia Le-Tan bei einer Preisverleihung.  |  © Kevin Winter/Getty Images

Samtrote Lippen, hautenges Kleid, schwarze Spitzenstrumpfhose und Pumps, von deren Spitze ein keckes Katzengesicht grinst. Olympia Le-Tan sieht aus, als sei sie einem Fünfziger-Jahre-Film entsprungen. "Ich bin nicht besonders modern", sagt sie lapidar und setzt sich auf ein kleines Sofa in ihrem Appartement im 2. Pariser Arrondissement. Ihr Wohnzimmer ist voll von angestaubten Büchern. In den Regalen, auf dem Kaminsims, auf Tischen und verstreut auf dem Boden liegen alte Ausgaben von J.D. Salingers Der Fänger im Roggen, Giuseppe di Lampedusas Il Gottopardo und reduziert gestaltete Ausgaben von Umberto Ecos Diario Minimo. Doch die Bibliotheksatmosphäre täuscht. Viele der Stücke, die Olympia Le-Tan bei sich zu Hause hortet, sind keine Taschenbücher, sondern Büchertaschen.

Die handgefertigten und täuschend echt mit Motiven der Erstausgaben bestickten Stücke entstehen nur eine Tür weiter. Le-Tans Atelier befindet sich in der Wohnung gegenüber. Seit drei Jahren verkauft die 35-jährige Designerin ihre limitierten Minaudières und traf mit der Mischung aus surrealistischem Witz und Studentinnen-Charme einen Nerv. Wer möchte nicht wie eine junge Germanistin mit einem Buch in der Hand an der Seine entlang schlendern? Rilke, Goethe, Dostojewski, Hemingway – eine Le-Tan zeigt Haltung. Eine der ersten, die so zu einer Filmpremiere ging, war die Schauspielerin Tilda Swinton. Es folgten Natalie Portman, Michelle Williams und die französische Aktrice Clémence Poésie.

Anzeige
Tilda Swinton trug ihre "Le-Tan" auf dem Roten Teppich in Cannes im Mai 2012

Tilda Swinton trug ihre "Le-Tan" auf dem Roten Teppich in Cannes im Mai 2012  |  © Pascal Le Segretain/Getty Images Entertainment

Die Geschichte ihrer außergewöhnlichen Handtaschen begann Ende der neunziger Jahre in der Pariser Boutique Colette. Le-Tan, die damals noch als Stylistin für Chanel arbeitete, kam mit einer selbstgemachten Handtaschen am Arm in den Laden, einer Art Shopper mit aufgestickten, japanisch anmutenden Figuren. Sarah Lerfel, die Gründerin von Colette, wollte diese Tasche sofort für ihren Laden bestellen. Danach wurden auch andere Boutiquen auf sie aufmerksam. "Aber ich habe es nicht so mit Deadlines", sagt Le-Tan, die damals noch jede Tasche selbst bestickte. Bald kam sie mit der Produktion nicht mehr hinterher und gab das Projekt erst einmal auf.

Erst mehr als zehn Jahre später fing sie wieder mit den Büchertaschen an. "Am Anfang waren es einfach meine Lieblingsbücher. Inzwischen hat jede Kollektion ein Thema." Man kann sie wohl als Leseratte bezeichnen, intellektuell findet sich Olympia Le-Tan allerdings nicht. "Ich liebe zum Beispiel My Oncle Oswald von Roald Dahl. Die Geschichte ist super lustig, aber bestimmt nicht intellektuell."

Olympia le-Tan Handtasche

Olympia Le-Tan  |  © Vittorio Zunino Celotto/Getty Images

Die Liebe für die Ästhetik der fünfziger und sechziger Jahre habe sie von ihrer Mutter, sagt Le Tan, den Faible für Bücher dagegen von ihrem Vater Pierre Le-Tan, einem gefeierten Illustrator. Er entwirft auch die Drucke für ihre Stoffe. Seit zwei Saisons macht Le-Tan auch Prêt-à-Porter und zeigt ihre Kollektion während der Pariser Modewoche. "Ich wollte Kleidung machen, die man zu den Taschen tragen kann." Nicht umgekehrt, darauf besteht sie. "Ich tue nicht so, als sei ich eine große Modedesignerin. Ich weiß, wie man eine Tasche macht, aber ich könnte keinen Ärmel nähen." Le-Tan kümmert sich um die Ideen und die Zeichnungen. Den Rest überlässt sie ihrem Modellisten und einem Atelier. Eigentlich designe sie für sich selbst, sagt sie. Capri-Hosen mit Schottenmuster, bunte Twin-Sets, Kleider in A-Linie mit Obst- und Gemüseprints – alles, was ihr noch in der Garderobe gefehlt hat.

Ein Kleid aus ihrer Kollektion kostet um die 700 Euro, eine Minaudière sogar bis zu 1.000 Euro. Den Preis erklärt Le-Tan mit der Handarbeit, die in jeder Tasche steckt. Für die meisten Modelle sind zwei ganze Tage Stickarbeit nötig. Außerdem ist jede auf 16 Stück limitiert. Sie habe versucht, auch günstigere, unlimitierte Taschen anzubieten, sagt sie. "Aber die Leute geben lieber viel Geld aus und haben dafür das Original." Auch individuelle Aufträge nimmt sie an – vorausgesetzt, die Bestellung entspricht ihrem eigenen Geschmack. "Die Leute wollen ständig Vom Winde verweht. Aber es gibt Grenzen. Wenn die Person nachher damit rumspaziert und innen mein Name steht, muss ich mich ja schämen." Sie sagt das wie ein trotziger Teenager. Mit ihrer koketten Art kultiviert Le-Tan bewusst das Infantile. "Hier der Beweis", sagt sie und zieht ein kleines Kuscheltier aus dem plüschigen Kanapee. "Die ganze Pin-up-Ästhetik hat ja etwas Kindliches in sich, es ist die verspielte Seite von Sex."

Zum Nichterwachsenwerden passt auch ihre Zeit als Nachteule und DJ im Pariser In-Club Le Baron. Jahrelang legte sie dort Platten auf – ausschließlich Musik der Fünfziger und Sechziger. "Ich mag schon immer die gleichen Sachen. Veränderungen bringen mich durcheinander", kokettiert sie wieder. Warum sie dann mit dem Plattenauflegen aufgehört hat? "Die hatten irgendwann genug von mir. Außerdem muss man dafür so lange aufbleiben und ich gehe gerne früh ins Bett. Ich bin schließlich keine 15 mehr."

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. Warum nicht auch Bücher, die wie Handtaschen aussehen?

  2. führt zu dem Club "Le baron de Paris" in Japan ;-)

  3. Redaktion

    liebe/r peoplearestrange,

    danke für den Hinweis - jetzt geht's zum richtigen Le Baron.

    Viele Grüße, Maria Exner

  4. Ich dachte bei der Übrschrift, die Desgnerin zeige einfach Haltung.
    Denn der Roman "Vom Winde verweht" ist ein rassistisches Machwerk übelster Sorte.
    Da würde keine Ausbesserei des Wortes "Neger" mehr helfen...

  5. das originale Buch wurde um 1936 (Margaret Mitchell) geschrieben, der Film 1939, er spielt im Amerikanischen Buergerkrieg (civil war) das muss man bedenken, bevor man hier die Schelte ueber das Werk lostritt. Die Taschen sind teuer und das Statement zu diesem Werk zeigt nur unueberlegte Arroganz, franzoesich halt um cool, in, hip zu gelten.

  6. nur mal so, Das gibt es auch als Single Schallplatte. Das Cover, der Buchdeckel wird gescannt, in eine Stickdatei gewandelt, nachgearbeitet und dann stickt die zwoelf Faden Maschine. Das alles wird dann auf einer Maschine vernaeht. Wuerde das von Hand gestickt, mit den Arbeitszeit Regelungen in France, Europa geht das nicht. Der Preis ist was anderes, Kleinserie ist immer teuer.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf mehreren Seiten lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Olympia | Natalie Portman | Tilda Swinton
  • Models present creations from the Felder & Felder Autumn/Winter 2013 collection during London Fashion Week, February 15, 2013. REUTERS/Olivia Harris (BRITAIN - Tags: FASHION)

    Vom Rand des Laufstegs

    Aktuelle Berichte von den Schauen in New York, London, Mailand, Paris und Berlin auf ZEIT ONLINE

    • Nachgesalzen

      Die Meisterköche Karl-Josef Fuchs, Jürgen Koch und Christian Mittermeier verraten ihre Tipps und Tricks

      • Hinter der Hecke

        Eine Schrebergarten-Kolonie ist ein eigener Kosmos. Unser Kolumnist Ulrich Ladurner erforscht ihn und seine Bewohner mit Demut, Feinsinn und Humor.

        • Heiter bis glücklich

          Oft sind es die einfachen Dinge, die uns heiter bis glücklich stimmen. Im "Heiter bis glücklich"-Blog stellt die ZEITmagazin-Redaktion täglich ihre Entdeckungen vor.

          Service