NachhaltigkeitVom Militär in die Mode

Christopher Raeburn fertigt aus Seidenkarten und Fallschirmen der britischen Airforce maßgeschneiderte Mode. Die Londoner Modewoche fördert den Recycling-Designer. von 

Für jede neue Kollektion suchen Christopher Raeburn und sein Team ein neues Maskottchen aus, immer ein einheimisches Tier: Eichhörnchen, Terrier und Feldhase standen schon Modell für Lederbeutel und Rucksäcke in seinen Kollektionen. Jetzt im Frühjahr blickt dem Besucher von Raeburns Website eine Eule entgegen. Der Vogel mit der 360-Grad-Sicht – das passt zu dem 30-Jährigen aus Kent.

Während die meisten seiner Kollegen kaum je den Blick wenden von der Kunst- und Popkulturgeschichte, von italienischen Edelstoffen und einer gertenschlanken, gutsituierten Kundin zwischen 16 und 36, die niemals die Großstadt verlässt, sieht Raeburn ganz woanders hin. In die schottischen Berge für Inspiration zum Beispiel. Und in die Depots des britischen Militärs. Raeburn fertigt seine Jacken und seine Sportswear großteils aus alten, teils gebrauchten Militärstoffen – aber mit der Präzision eines Maßschneiders. Außerdem greift er auf einheimisches Wissen zurück, kauft Baumwolle für Wachsjacken im schottischen Dundee und ausgerüstete Wolle vom Traditionsbetrieb Hainsworth in Yorkshire. Damit gewinnt er Männern und Frauen, die Funktionalität schätzen, aber keine Abstriche bei der Gestaltung machen wollen.

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Obwohl seine Firma gerade mal fünf Jahre alt ist, gilt der hochgewachsene, hellblonde Raeburn in seinem Bereich als Anchorman. Was wohl nicht zuletzt daran liegt, dass er nicht nur gute Ideen hat und sie umsetzt, sondern über seinen Designansatz auch sprechen kann und will. Der Absolvent von 2006 der renommierten Modeschule Central Saint Martins zielt nicht darauf ab, noch einen hübschen, aber kurzlebigen Modeartikel auf den Markt zu werfen. "Mode ist für mich kein Selbstzweck", sagt Raeburn. "Wir sind verpflichtet, genau darüber nachzudenken, was wir entwerfen und wo wir es produzieren lassen."

Stoffe mit einem Vorleben bekommen einen eigenen ästhetischen Wert

Christopher Raeburn

Christopher Raeburn  |  © Getty Images

Genauso wenig ist Recycling bei ihm ein Selbstzweck. Seine Sachen sind nicht gut, weil ihre Herstellung kaum Ressourcen verbraucht. Sie sind gut, weil aus Stoffen mit einem Vorleben etwas mit einem eigenen ästhetischen Wert entsteht. "Wir wollen nicht eine dieser Marken sein, die sich alte Sachen nur als Vorlage nehmen, um sie zu kopieren oder sich auf irgendein 'Erbe' zu berufen", sagt Raeburn. "Uns geht es um die Balance zwischen Archiv-Stücken mit ihrer eigenen Geschichte, neuen Sachen aus recyceltem Material und funktionalen Nylon-Teilen."

Für die Frühjahreskollektion der Damen, die jetzt in den Handel kommt, verarbeitet er unter anderem 60 Jahre alte Seidenkarten der britischen Airforce zu schlichten Blusen, Sweathosen und Hemdkleidern. Die Karten sollten einst abgeschossenen Kriegspiloten die Orientierung ermöglichen. Raeburn macht daraus tragbare Mode für Frauen, die schon wissen, wo sie hinwollen. Aus der Ballonseide nie benutzter Fallschirme fertigt er reinweiße, halbtransparente und dennoch wasserdichte Trenchcoats. Alte Spitze wird in seinem Studio im Osten von London laminiert und zu Blousons verarbeitet, ebenfalls wasserdicht. Weiblich und praktisch sind für Raeburn keine Gegensätze. Die Männer bekommen von ihm Anoraks, die halten, was sie versprechen und perfekt sitzende, schmal-geschnittene Cargo-Hosen.

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    • Schlagworte Alexander McQueen | Mode | London | Berlin | Schottland | Wales
    • Models present creations from the Felder & Felder Autumn/Winter 2013 collection during London Fashion Week, February 15, 2013. REUTERS/Olivia Harris (BRITAIN - Tags: FASHION)

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