Herrenmode"Männer muss man nur einmal verführen"

Werte Herren, Stil kann doch so einfach sein! Michael Bastian, einer der besten Männermodemacher Amerikas, erklärt, wie es geht und warum Anzüge wieder cool sind. von 

ZEIT ONLINE: Mr Bastian, Sportswear-Klassiker wie das dunkelblaue Ralph-Lauren-Sakko oder der College-Blouson sind derzeit unglaublich angesagt. Besinnen sich Designer und Kunden angesichts der Krise in Amerika auf die guten, alten Dinge?

Michael Bastian: Ich glaube schon, dass die Krise eine Rolle spielt. Bis 2008 lebten wir in der Ära von Prada, Dior Homme und Louis Vuitton. Männer trugen schmale, schwarze Anzüge und viele Logos. Dann brach die Wirtschaft ein und die Sicht auf Mode veränderte sich. Was brauche ich? Was habe ich nicht in ein paar Monaten satt? Die Leute kaufen wieder Sachen, die sie jeden Tag anziehen können: dunkelblaue Blazer, Jeans, Chinos, Button-Down-Shirts. Es geht nicht mehr so sehr darum, wer die Mode gemacht hat, sondern wie der Mann sie trägt. Das passt gut zur amerikanischen Sportswear. Sie drängt sich nicht in den Vordergrund.

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ZEIT ONLINE: Dem Connaisseur geht es vielleicht nicht um Designernamen, aber dafür müssen die Jacke, die Hose oder die Boots jetzt aus einer ganz bestimmten Manufaktur kommen.

Bastian: Weil nur noch so wenig Männermode in den USA produziert wird! Früher gab es Hunderte Fabriken, die Hemden und Anzüge hergestellt haben. Stück für Stück wurden sie alle dichtgemacht. Auf die, die es noch gibt, sind wir jetzt unheimlich stolz. Ich werde oft gefragt: 'Sie sind doch ein amerikanischer Designer, warum lassen Sie nicht mehr in Amerika produzieren?' Ich würde es tun, wenn ich könnte! Aber noch nicht einmal Levi's werden noch in den USA gefertigt. Das Kleidungsstück, das am engsten mit der amerikanischen Kultur verbunden ist.

ZEIT ONLINE: Sie sind 2011 als innovativster amerikanischer Männermode-Designer ausgezeichnet worden. Wie erneuert man Kleidungsstücke, deren Reiz darin liegt, eigentlich seit 50 Jahren gleich auszusehen?

Bastian: Bevor ich mich selbstständig gemacht habe, war ich Einkäufer für Bergdorf Goodman in New York. Ich bin zu allen Modewochen und allen Messen gereist und habe dabei viel "Best of Europe" aufgesaugt. Deswegen haben meine eigenen Sachen einen sehr europäischen Look, was die Schnitte angeht, wie die Mode sitzt.

ZEIT ONLINE: Es gibt also keinen Unterschied zwischen einem Ihrer Blazer und einem von Armani oder Dolce&Gabbana?

Michael Bastian

© Reuters/Andrew Kelly

Michael Bastian wurde in Lyons, Upstate New York geboren. Als Einkäufer für das New Yorker Luxuskaufhaus Bergdorf Goodmann war er für die Männermode zuständig und entdeckte unter anderem den Designer Thom Browne. Seine eigene Linie gründete er gemeinsam mit dem italienischen Haus Brunello Cucinelli. Im Frühjahr 2006 zeigt er seine erste Kollektion in New York. 2011 wurde Bastian vom US-Branchenverband CFDA als bester Männermode-Designer ausgezeichnet. Für die günstigere Männermarke Gant entwirft er seit 2010 die Kollektion Gant by Michael Bastian.

Bastian: Es gibt einen großen Unterschied! Aber wenn man über Unterschiede in der Männermode spricht, dann sind Winzigkeiten gemeint. Es geht um Millimeter, um einen anderen Stoff, einen anderen Knopf. Meine Blazer sind immer aus klassisch amerikanischen Stoffen: Cord, Baumwolle, Moleskin oder Tweed. Aber in der Verarbeitung stecken Details, die eher aus dem europäischen Schneiderhandwerk kommen: handgenähte Revers, zwei Schlitze hinten, Futter aus Hemdstoffen, Knöpfe aus echtem Horn oder Leder.

ZEIT ONLINE: Sie werden oft mit Thom Browne verglichen, der sehr ironisch mit der klassischen Herrenmode und traditionellen Vorstellungen von Männlichkeit umgeht.

Bastian: Das Lustige an diesen Vergleichen ist, dass ich der Erste war, der seine Linie gekauft und bei Bergdorf Goodman platziert hat. Ich glaube an das, was Thom tut. Aber als Designer sind wir völlig unterschiedlich. Thom hat ein Konzept, das den Kern seiner Marke bildet. Im Mittelpunkt steht ein schmaler grauer Anzug, eine zu kurze Hose, der kleine Regenmantel. Diese Kernidee reizt er vollständig aus. Er ist ein bisschen wie Yves Klein, der immer wieder blaue Bilder malte. Thom Browne kann jede nur denkbare Variation seiner Grundidee liefern. Ich dagegen denke viel weniger konzeptuell. Ich will meinen Kunden etwas geben, das sie kennen, aber in einer perfekten Ausführung. Teile, die ein Mann jeden Tag tragen kann. Es gibt Designer mit einem großen D – und Designer mit einem kleinen d. Das bin dann ich.

ZEIT ONLINE: Woher kommt diese Obsession für das perfekte Hemd, das perfekte T-Shirt?

Bastian: Das ist ein wichtiger Punkt! Nehmen Sie zum Beispiel eine Chino oder ein Button-Down-Shirt. Warum sollte nicht genauso viel Liebe zum Detail in diesen Alltagssachen stecken wie in einem Smoking? Männer müssen nicht mehr zwingend in einem Anzug zur Arbeit gehen, also sollten sie darauf achten, was sie gern im Alltag tragen. Und dann versuchen, eine wirklich gute Version davon zu finden.

Leserkommentare
  1. "warum lassen Sie nicht mehr in Amerika produzieren?' Ich würde es tun, wenn ich könnte!"
    Als Gegenbeispiel: Designersocken kommen aus Fernost, Caterpillar Socken, die viel hochwertiger sind kommen aus der EU und die amerikanischen Wolverine Arbeitssocken kommen aus den USA.
    Ausgerechnet Designerware kommt aus Billiglohnländern. Man könnte dies auch hemisch produzieren, schmälert aber den Gewinn. Lieber Herr Bastian: Kaufen Sie Ihren Kram bitte selber.

    13 Leserempfehlungen
    • Sirjony
    • 13. Februar 2013 12:02 Uhr

    Levi's der >100$ bzw. >150$ Grenze werden meistens in den USA gefertigt. Andere US-made Jeans beginnen bei teilweise unter 50$.

    "Ich würde es tun, wenn ich könnte!"
    Aber wieso kann er nicht, wo es doch andere können?
    Er muss doch keine Manufaktur oder Fabrik eröffnen, er kann die Produkte bei anderen US-Herstellern produzieren lassen - es gibt genügend andere, die das so machen, sogar andere "Designer".

    "ich würde gerne, kann aber nicht" ist nur eine leere Floskel.

    2 Leserempfehlungen
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    Die ganze Hose? Nicht nur Knopf, Nieten, Etikett einnähen, Ziernähte o.ä.? Das würde mich sehr interessieren.

    Ich erinnere nämlich mit einigem Grauen den Besuch verschiedener Sweatshops vor einigen Jahren in einem Vorort von Phnom Penh, ebenso in den Provinzen Kampong Speu und Kampong Chhnang, die allesamt für Levi's produzierten, u.a. die bis genau dahin geliebte 501. Kambodscha hat sich zwar zu sweatshop-frei erklärt und es geht den Arbeitern m/w dort aufgrund vergleichsweise aktiver Gewerkschaften tatsächlich etwas besser als beispielsweise in Sweatshops in Vietnam (z.B. für Nike und Tommy Hilfinger), aber einen Monatslohn von nicht mal 50$, mit 7-Tage-Woche und Prämien von allerhöchstens 75$ würde ich persönlich unter etwas nahe an der Sklaverei fassen.

    Selbstverständlich ist es möglich, Jeans und andere Hosen auch in den USA oder in Europa zu Endpreisen von >100 oder >150$ herzustellen. Die Preise für Michael Bastians Hosen liegen darüber, die günstigste kostet knapp 200€.

    • Derdriu
    • 13. Februar 2013 12:29 Uhr

    Ich finde nicht, dass amerikanische oder deutsche Männer durch besonderes Mode-Feingefühl auffallen... Ich würde mich nicht daran halten. Gerade bei diesen beiden sieht man meistens: bequem und uninspiriert oder wichtigtuerisch. Das gilt natürlich nicht für alle, ist aber mein oberflächlicher Eindruck.

    Eine Leserempfehlung
  2. Die ganze Hose? Nicht nur Knopf, Nieten, Etikett einnähen, Ziernähte o.ä.? Das würde mich sehr interessieren.

    Ich erinnere nämlich mit einigem Grauen den Besuch verschiedener Sweatshops vor einigen Jahren in einem Vorort von Phnom Penh, ebenso in den Provinzen Kampong Speu und Kampong Chhnang, die allesamt für Levi's produzierten, u.a. die bis genau dahin geliebte 501. Kambodscha hat sich zwar zu sweatshop-frei erklärt und es geht den Arbeitern m/w dort aufgrund vergleichsweise aktiver Gewerkschaften tatsächlich etwas besser als beispielsweise in Sweatshops in Vietnam (z.B. für Nike und Tommy Hilfinger), aber einen Monatslohn von nicht mal 50$, mit 7-Tage-Woche und Prämien von allerhöchstens 75$ würde ich persönlich unter etwas nahe an der Sklaverei fassen.

    Selbstverständlich ist es möglich, Jeans und andere Hosen auch in den USA oder in Europa zu Endpreisen von >100 oder >150$ herzustellen. Die Preise für Michael Bastians Hosen liegen darüber, die günstigste kostet knapp 200€.

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "So ein Unsinn."
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    • skeptik
    • 13. Februar 2013 14:45 Uhr

    produziert auch in Deutschland und ist nicht abartig teuer.
    Wie kann das denn sein?
    Und so ein armer Schlucker ist der Grupp nicht unbedingt.

    Also meine Levi's 505, welche ich in Las Vegas gekauft habe, steht drin: Made in Mexico (und nicht USA!)
    Auch die USA haben den Billiglohnsektor in anderen Ländern entdeckt.

    > aber einen Monatslohn von nicht mal 50$, mit 7-Tage-Woche und Prämien von allerhöchstens 75$ würde ich persönlich unter etwas nahe an der Sklaverei fassen.

    Sie müssen hierbei aber bedenken, dass die Lebenshaltungskosten in asiatischen Ländern dafür wesentlich niedriger sind. Ich kenne z.B. in Peking einige Post-Docs die im Labor einer großen Universität - wenn Sie Glück haben 400RMB/Monat verdienen (also gute 60$), das ist da zwar auch kein Luxusgehalt, reicht aber für Wohnung, Essen, Kleider, und ab und zu auch ein wenig Spaß...
    Nur weil es sich für unsere Verhältnisse wenig anhört, heißt das nicht, dass das in dem entsprechenden Land auch so ist!

    • Sirjony
    • 13. Februar 2013 21:02 Uhr

    Und damit meine ich keine quasi US-made Schlupflöcher.
    Das gilt eben für die 100$ bzw. 150$ Jeans, nicht für die 30$ Levis.
    ->Internet nach "levis made in usa" durchsuchen.

    Je nach Modell (es gibt dutzende 501 Modelle) ist die Baumwolle importiert oder aus den USA, die "Hardware" und Nähgarn sind eher US-made. Zumindest gilt das für die kleinen US-Manufakturen. Wie das bei Levis aussieht weiß ich nicht, vmtl. identisch bis etwas schlechter.
    Ansonsten volle Zustimmung.

    • B-Saite
    • 13. Februar 2013 13:05 Uhr
    5. [...]

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich nur, wenn Sie einen konstruktiven Beitrag zur Diskussion leisten möchten. Danke, die Redaktion/jk

    4 Leserempfehlungen
    • skeptik
    • 13. Februar 2013 14:45 Uhr

    produziert auch in Deutschland und ist nicht abartig teuer.
    Wie kann das denn sein?
    Und so ein armer Schlucker ist der Grupp nicht unbedingt.

  3. Also meine Levi's 505, welche ich in Las Vegas gekauft habe, steht drin: Made in Mexico (und nicht USA!)
    Auch die USA haben den Billiglohnsektor in anderen Ländern entdeckt.

  4. Hier trifft wohl eher Letzteres zu. Designer w o l l e n nicht im eigenen Land produzieren, weil die höheren Produktionskosten ihren Profit schmälern.

    Die Gleichung Designermode=Qualität stimmt schon lange nicht mehr.

    Ich war recht erschrocken, als mein Mann und ich letztes Jahr in Wertheim-Village waren. Mein Mann suchte nach einem schlichten aber schicken warmen Wintermantel, passend zu seinen Anzügen. Ein kleiner Fabrikationsfehler ist ja nicht schlimm, dachte ich mir.

    Das Fazit war sehr ernüchternd: Systematisch schlechte Passformen, schlechte Stoffqualität, ungenügend gefüttert, die Manteltaschen waren nur Attrappen.

    Ich habe meinem Mann jedenfalls davon abgeraten, einen dieser Mäntel zu kaufen. Nach dem ersten Regen oder Schneefall hätte das Ding wahrscheinlich wie ein 400€ teurer Kartoffelsack ausgesehen.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Hugo Boss | Jeans | Louis Vuitton | Mode | Prada | USA
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