New York Fashion Week : Die Tasche ist der bessere Herrenwitz

Vom Limes auf den Laufsteg: In der Satchel Bag stecken 2.000 Jahre Accessoire-Geschichte. Die zweite Folge unserer Mode-Serie "Versteckte Klassiker".
© Peter Michael Dills/Getty Images

Angeblich ist Globalisierung ja etwas Neues. In der Mode ist sie allerdings ein alter Hut, oder besser gesagt, eine alte Tasche. Der Urahn der Satchel Bag, einer eckigen kleinen Umhängetasche mit Klappe und langem Gurt, die der Designer Phillip Lim in hübschen Ausführungen jetzt auf der New Yorker Modewoche in seiner Herbstkollektion zeigte, entstand vor mehr als 2.000 Jahren im Römischen Reich. Dennoch gilt sie heute als echte Britin.

Als Loculus – kleinen Ort – bezeichneten die Römer in der Antike ihre viereckigen Begleiter zur Aufbewahrung von Proviant und Werkzeug. Der Loculus wurde aus einer ganzen Ziegenhaut gefertigt und bekam so die natürliche Größe von etwa 45 mal 30 Zentimetern. Eine klassische Satchel Bag hat noch heute die entsprechende Diagonale von 15 Inch.

Mit der Gründung Britanniens kam diese erste, wohlgemerkt männliche, Handtasche dann auf die Insel. Und tauchte 1.000 Jahre später prompt als Satchel Bag in Shakespeares Wie es Euch gefällt auf: "And then the whining school-boy, with his satchel". Folglich war es bis tief in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts undenkbar, dass ein britischer Schuljunge ohne die charakteristische Tasche aus dem Haus ging.

Julie Deane, Gründerin der Cambridge Satchel Company © Leon Neal/AFP/Getty Images

In den aktuellen Kollektionen taucht die Satchel vor allem dank einer Liebhaberin dieser britischen Tradition auf: Julie Deane. Die Engländerin wollte ihren Kindern einen klassischen Schulranzen zum Umhängen schenken, fand jedoch weit und breit keinen. Seit 2011 produziert ihre Cambridge Satchel Company nun in einer eigenen Fabrik in Leicester Satchels in Schwarz, Cognac, Burgunder und wilden Metallic- und Neon-Tönen. Ein bisschen Retro, ein bisschen Menswear, ein bisschen Pop: Deanes Satchel war wie gemacht für Modeblogger und Streetstyle-Fotografen, die den aktuellen Taschentrend mit ihren Bildern besiegelten. 

Übrigens: Die deutschen Frauen schnappten sich die Kuverttaschen ihrer Männer erstmals in den Zwanzigern und dann wieder in den Sechzigern. In beiden Dekaden galt es, sich aus der Unfreiheit des Patriarchats zu befreien. Also übernahm die Frau seine Herrschaftssymbole. Es scheint, als sei dafür mal wieder die Zeit. Und so eine Tasche macht allemal mehr her als ein Herrenwitz.

Kommentare

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Andere Satchel-Hersteller?

Frau Deane fand weit und breit keine klassische Satchel? Warum hat sie sich nicht an die seit 1966 bestehende The Leather Satchel Company (http://the.leathersatchel.co) gewandt, statt deren Design zu kopieren und unter eigenem Namen herauszugeben?

Richtig ist allerdings, dass die Satchel durch die Cambridge Satchel Company wieder populär wurde. Gutes Marketing und Sinn für Zeitgeist in allen Ehren, mir ist jedoch dennoch unsympathisch, dass Cambridge nun selbst die Konkurrenz für Nachahmung von Produkten abmahnen lässt: http://fashion.telegraph....