UrheberrechtEin Schuh des Anstoßes?

Jemand kopiert das erfolgreichste Schuhmodell aller Zeiten, den Converse Chuck All Star, nennt ihn Karma Chakh und sagt: Ich produziere den gleichen Schuh, nur besser. Darf der das? von Franziska Klün

Der Karma Chakh soll unter fairen Arbeitsbedingungen in Pakistan und Indien hergestellt werden.

Der Karma Chakh soll unter fairen Arbeitsbedingungen in Pakistan und Indien hergestellt werden.   |  © Van Bo Le-Mentzel

Eigentlich ist Van Bo Le-Mentzel Architekt. Von Schubladendenken hält er allerdings nicht viel, auch, wenn es seine Profession betrifft. Im Jahr 2010 entwarf Le-Mentzel Designermöbel, die jeder günstig nachbauen konnte. Der Berliner taufte sie Hartz-IV-Möbel, veröffentlichte die Bauanleitung im Internet und erregte mit diesem analogen Open-Source-Projekt ziemlich viel Aufmerksamkeit.

Jetzt hat Le-Mentzel ein neues Projekt. Wieder arbeitet er ohne Beton, diesmal auch ohne Holz, dafür mit Stoff und Kautschuk. Er möchte das erfolgreichste Schuhmodell aller Zeiten, den Chuck Taylor All Star von Converse, kopieren. In Rot. Ohne den bekannten Stern als Logo, dafür mit aussagekräftigem Schriftzug auf der Sohle: "Stop Exploitation" soll da stehen oder "Karma Foot Print". Karma Chakhs heißen das Projekt und die roten Turnschuhe. Für ihre Produktion sammelte Le-Mentzel auf der Crowdfunding-Plattform startnext bereits rund 32.000 Euro.

Anzeige

Insgesamt 448 Paar Karma Chakhs wurden über startnext bestellt, je für 69 Euro. Die Originale kosten 69,95 Euro. Seine Karma Chakhs möchte Le-Mentzel in Pakistan, Sri Lanka und Indien unter "vertrauenswürdigen Produktionsbedingungen fertigen lassen", wie er sagt. Er möchte damit eine Debatte auslösen. Weil das Unternehmen Nike, zu dem Converse gehört, schon oft wegen dubioser Produktionsweisen in die Kritik geraten sei, möchte der Kreative nun demonstrieren, dass die Konsumenten den begehrten Schuh auch selbst und garantiert fair herstellen können. Wenn sie sich – mit seiner Hilfe – zur Crowduction zusammenschließen. Die Frage ist: Darf Van Bo Le-Mentzel das?

"Markenprodukte nachzuahmen, ist immer brandgefährlich"

Voneinander abzukupfern gehört in der Mode zum Geschäft. Was der eine Plagiat nennt, Diebstahl oder Ideenklau, bezeichnet der andere als Inspiration, Einfluss oder Referenz. Eine Anekdote, die in der Modebranche erzählt wird, handelt davon, wie eine berühmte Modeschöpferin ein Vintage-Geschäft in Paris besucht, dort eine Balenciaga-Jacke entdeckt, sie eingehend betrachtet und schließlich sagt: "Die kaufe ich. Aber nachmachen werde ich sie auch." Das kleine Berliner Modelabel JR Sewing, das den Spruch "Is' mir egal, ich lass das jetzt so!" auf T-Shirts, Flaschenöffner und Kapuzenpullis druckte weiß, wie sich das anfühlt – seit der gleiche Satz eines Tages auf den Oberteilen einer großen Discount-Kette prangte. Mit geschickt gewählten Zitaten lässt sich eben Umsatz machen. Die Designer der Modekette Zara beherrschen diese Kunst besser als viele andere. 

Die ZEIT stellte schon 2005 fest, dass der spanische Konzern internationale Designermode am erfolgreichsten kopiert. Für die Strategie des Unternehmens findet die Unternehmensberatung McKinsey gleich mehrere Bezeichnungen: Quick-Response-Ansatz, Copy-Cat-Verhalten, Fast-Follower-Prinzip. Innerhalb weniger Wochen hängt die neueste Designermode zu sehr viel günstigeren Preisen in den Filialen der spanischen Kette. Zara schreckt weder davor zurück, Pumps mit roten Sohlen zu versehen, wie das französische Luxusschuhhaus Louboutin, noch davor, Katzenprints von Miu Miu oder Taschendesigns von Jil Sander zu übernehmen. Manche Modeblogs veranstalten mittlerweile Ratespiele, bei wem sich die Spanier aktuell so bedienen. Wenn also scheinbar alle einander ständig zitieren, beeinflussen, kopieren, ist da auch eine Aktion wie die von Le-Mentzel erlaubt?

Franz Wegener ist Rechtsanwalt in Berlin und auf Urheber-, Marken- und Wettbewerbsrecht spezialisiert. Demnächst veröffentlicht er zusammen mit seinem Partner Dirk Adamaszek ein Buch zum Thema. Rechtsgrundlagen für Kreative will ein Leitfaden für juristische Grauzonen sein: Rechte von Urhebern, Designschutz, Kreation und Etablierung der eigenen Marke. Auf die Frage, ob Le-Mentzel ein rechtliches Risiko eingeht, sagt Wegener: "Markenprodukte nachzuahmen, ist immer brandgefährlich. Aber wie wir in meinem Berufsstand zu sagen pflegen: Es kommt darauf an".

Worauf es ankommt, ist kompliziert. Sehr kompliziert. Wegener und Adamszek schreiben in ihrem Buch einleitend: "Das Modedesign hat eine rechtliche Sonderstellung." Anders als in der Fotografie, bei Filmen oder in der Musik lassen sich urheberrechtliche Fragen wie "Wem gehört ein Look, wem ein Modedesign?" nur mithilfe von Anwälten, Experten und unter großem Zeitaufwand beantworten.

Leserkommentare
    • Sven88
    • 19. März 2013 8:21 Uhr

    Es gibt so viele Kopien von dem Schuh, da kommt es auf eine mehr auch nicht an. Und wenn es Fair-Trade sein soll, dann ist doch alles super.

    5 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    oder weil andere auch kopieren.
    Produktpirat bleibt Produktpirat. Fertig.
    Sie können sich ja mal ein Robin Hood-Mäntelchen umhängen, eine Bank überfallen und die Kohle den Armen spenden. Da sehen wir mal, wie die gute Absicht und der Verweis, dass es ja auch andere Bankräuber gibt, vor Gericht wirkt.

  1. Unter den gegebenen Umständen kann man Le-Mentzel nicht unterstellen, auf Kosten von Nike Geld zu verdienen. Daher würde eine Klage gegen ihn vor allem negative Reaktionen gegen Nike hervorrufen und vor allem die Frage in den Vordergrund rücken, unter welchen Umständen für Nike produziert wird. Und solange Nike nicht 100%ig sicher ist, dass jeder einzelne Schuh fair produziert wurde, läuft man Gefahr, dadurch wiederum weitere negative Schlagzeilen zu bekommen.

    9 Leserempfehlungen
  2. Das wichtigste Ziel hat Van Bo Le-Mentzel schon einmal erreicht. Endlich wird über die absurden Auswüchse des Markenrechts diskutiert. Was in diesem Bereich passiert lässt sich auch als Aushebelung von Demokratie und individueller Freiheit zugunsten von Profitinteressen begreifen.
    Ich wünsche Nike, dass sie in diesem Fall besonnen reagieren, denn wenn Unternehmen gegen die Allgemein agitieren, bleibt immer etwas an ihnen hängen. Hier sind auch die deutsche Politik und Justiz gefördert, denn wenn ich von Fällen wie dem Fall des Mutter-Kind-Cafe´s in Bonn
    ( http://www.welt.de/print/... ) lese, dann Frage ich mich, wie es möglich sein kann, dass in einem Land, dass sich nicht als explizit als Wirtschaftsdiktatur begreift, eine solche vom gesunden Menschenverstand nicht mehr zu begreifende Absurdität nicht in erster Instanz kommentarlos Abgewiesen und dem Kläger in Rechnung gestellt wird.
    Aber es steht dem mündigen Konsumenten ja frei, Unternehmen mit einer derart zweifelhaften und menschenfeindlichen Gesinnung zu boykottieren. So halte ich es mit den genannten Unternehmen seit Jahren - den Karma Chakh würde ich allerdings sofort kaufen.

    4 Leserempfehlungen
    • Nest
    • 19. März 2013 8:37 Uhr

    Diejenigen, die 69€ für einen lumpigen Stoffschuh bezahlen, tun das ausschließlich, weil da "Converse" drauf steht.
    Außerdem ist er mit seiner "Idee" m.E. ca. 5 Jahre zu spät.

    3 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Die Idee mit dem Nachbau ist natürlich zeitgeistiger Mist und viel Lärm um des Lärmes wegen. Trotzdem interessant ! Während die Träger des Originals sich als FDP- oder zumindest als CDU-Wähler outen und auch einer Autobahnfahrt mit 240 mit einem Porsche-Cabiro bei offenem Dach nicht abgeneigt sind (und auch alles haben, was so ultrahip flimmert wie Pods Pids Pads) zeigen sich die Nachbau-Fans wohl eher als Grün-Piraten-Wähler oder Stuttgart21 Dauer-Demonstranten. An ihren Schuhen sollst Du sie erkennen!

    Aber ich stimme Ihnen zu, beide Käufer werden ihrer Ideologie wegen von den Firmen geködert und übertölpelt. Die einen kaufen sich vollkommen überteuert den Ablass, um dazu zu gehören zur geheiligten herum hoppelnden Kaufelite , die anderen den Gütesiegel für "fortschrittliche" Moral und Haltung und Besserwissitum im Zeichen der Sonnenblume. Da lobe ich mir doch meine Treter von KIK im Sonderangebot.

    Preisfrage: Welche Partei wähle ich?

  3. Er möchte die Schuhe "in Pakistan, Sri Lanka und Indien unter "vertrauenswürdigen Produktionsbedingungen fertigen lassen""

    Das ist ja schön und gut, dass er das will, ich denke das will eigentlich jeder, sogar Nike. Aber dann stellt er irgendwann fest, dass der Preis dann vielleicht wegen der relativ niedrigen Absatzmenge doch schwer zu halten ist. Und irgendwie scheinen sich die bescheidenen Arbeiter dort auch mit weniger Lohn zufrieden zu geben. Ach, und irgendwie schafft er es dann doch nicht so häufig zwecks Kontrollbesuchen in diese Länder. Ach, die werden das schon hinbekommen mit den Arbeitsstandards, die dort ja eh viel niedriger sind, als in den westlichen Ländern (deswegen produziert er ja dort, ach ne, weil er den Menschen dort eine Erwerbsmöglichkeit bieten will). Die Arbeiter werden selbstverständlich den dortigen Durchschnittgehältern entsprechend bezahlt...

    Man könnte so weitermachen,
    ich bin skeptisch, auch wenn die Idee gut ist, aber ich kaufe mir den Schuh jetzt ohnehin nicht. Dieser Schuh verkörpert für mich den Widerspruch von Öko und Mode. 70 Euro für nen Schuh der eh nicht mehr als ein Jahr hält... aber is halt voll indie, ne!?

    Eine Leserempfehlung
  4. oder weil andere auch kopieren.
    Produktpirat bleibt Produktpirat. Fertig.
    Sie können sich ja mal ein Robin Hood-Mäntelchen umhängen, eine Bank überfallen und die Kohle den Armen spenden. Da sehen wir mal, wie die gute Absicht und der Verweis, dass es ja auch andere Bankräuber gibt, vor Gericht wirkt.

    4 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    wenn SIE das sagen.....

  5. Wenn die Dinger "Chakhs" heißen, warum trägt auf dem Bild der Bapper dann die Aufschrift "Chucks"?

    Bin leider total unhip und muss deshalb fragen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • SteB
    • 19. März 2013 9:52 Uhr

    Das habe ich mich auch gefragt (hat aber mit hip oder unhip nix zu tun. Das Bild steht schlicht im Widerspruch zum Text bzw. der Aussage des Initiators).

    Und noch etwas: Das "Logo" in dem Bild ist so offensichtlich von Lucky Strike abgekupfert, dass Le-Mentzel sich am Ende noch mit zwei Global Playern auseinandersetzen muss.

    Redaktion

    Lieber Leser,

    gar keine dumme Frage, sondern unser Fehler: wir haben das Bild ausgetauscht.

    Viele Grüße,

    Carolin Ströbele

  6. Ich denke er wird ziemliche Schwierigkeiten bekommen. Ich habe über Jahre den Prozess von K-Swiss gegen die Firma Künzli beobachtet. Bei diesem Rechtsstreit ging es darum, wer die Rechte an den fünf bekannten Streifen inne hat. Am Ende hatte K-Swiss die Nase vorn, obwohl sie ursprünglich von zwei Mitarbeitern gegründet wurden, die die schweizer Traditionsfirma in den 1970er Jahren mit den Geschmacksmustern gen Kalifornien verlassen hatten. Trotz erster Erfolge in unteren Instanzen (K-Swiss Schuhe durften zeitweise in der Schweiz nicht verkauft werden) haben sie am Ende doch verloren und sie auf die "Klötzli" ausgewichen. Wohlgemerkt, dieses Unternehmen lässt nur in sehr kleiner Stückzahl Sportschuhe produzieren und das mit überwiegend heimischen Rohstoffen und ausschließlich in Europa. Es stellte und stellt überhaupt keine Konkurrenz zu dem Globalplayer K-Swiss dar.

    Deshalb glaube ich, dass Le-Mentzel diesmal zu weit gegangen ist. Wäre er mal bei seinen Kopien von Klassikern des Möbeldesigns geblieben. Auch wenn ich seine Neuinterpretationen teilweise etwas einfallslos finde.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Adidas | McKinsey | Nike | Urheberrecht | Modedesign | Indien
  • Models present creations from the Felder & Felder Autumn/Winter 2013 collection during London Fashion Week, February 15, 2013. REUTERS/Olivia Harris (BRITAIN - Tags: FASHION)

    Vom Rand des Laufstegs

    Aktuelle Berichte von den Schauen in New York, London, Mailand, Paris und Berlin auf ZEIT ONLINE

    • Kochblog: Nachgesalzen

      Nachgesalzen

      Die Meisterköche Karl-Josef Fuchs, Jürgen Koch und Christian Mittermeier verraten ihre Tipps und Tricks

      • : Hinter der Hecke

        Hinter der Hecke

        Eine Schrebergarten-Kolonie ist ein eigener Kosmos. Unser Kolumnist Ulrich Ladurner erforscht ihn und seine Bewohner mit Demut, Feinsinn und Humor.

        • ZEITmagazin: Heiter bis glücklich

          Heiter bis glücklich

          Oft sind es die einfachen Dinge, die uns heiter bis glücklich stimmen. Im "Heiter bis glücklich"-Blog stellt die ZEITmagazin-Redaktion täglich ihre Entdeckungen vor.

          Service