Eigentlich ist Van Bo Le-Mentzel Architekt. Von Schubladendenken hält er allerdings nicht viel, auch, wenn es seine Profession betrifft. Im Jahr 2010 entwarf Le-Mentzel Designermöbel, die jeder günstig nachbauen konnte. Der Berliner taufte sie Hartz-IV-Möbel, veröffentlichte die Bauanleitung im Internet und erregte mit diesem analogen Open-Source-Projekt ziemlich viel Aufmerksamkeit.

Jetzt hat Le-Mentzel ein neues Projekt. Wieder arbeitet er ohne Beton, diesmal auch ohne Holz, dafür mit Stoff und Kautschuk. Er möchte das erfolgreichste Schuhmodell aller Zeiten, den Chuck Taylor All Star von Converse, kopieren. In Rot. Ohne den bekannten Stern als Logo, dafür mit aussagekräftigem Schriftzug auf der Sohle: "Stop Exploitation" soll da stehen oder "Karma Foot Print". Karma Chakhs heißen das Projekt und die roten Turnschuhe. Für ihre Produktion sammelte Le-Mentzel auf der Crowdfunding-Plattform startnext bereits rund 32.000 Euro.

Insgesamt 448 Paar Karma Chakhs wurden über startnext bestellt, je für 69 Euro. Die Originale kosten 69,95 Euro. Seine Karma Chakhs möchte Le-Mentzel in Pakistan, Sri Lanka und Indien unter "vertrauenswürdigen Produktionsbedingungen fertigen lassen", wie er sagt. Er möchte damit eine Debatte auslösen. Weil das Unternehmen Nike, zu dem Converse gehört, schon oft wegen dubioser Produktionsweisen in die Kritik geraten sei, möchte der Kreative nun demonstrieren, dass die Konsumenten den begehrten Schuh auch selbst und garantiert fair herstellen können. Wenn sie sich – mit seiner Hilfe – zur Crowduction zusammenschließen. Die Frage ist: Darf Van Bo Le-Mentzel das?

"Markenprodukte nachzuahmen, ist immer brandgefährlich"

Voneinander abzukupfern gehört in der Mode zum Geschäft. Was der eine Plagiat nennt, Diebstahl oder Ideenklau, bezeichnet der andere als Inspiration, Einfluss oder Referenz. Eine Anekdote, die in der Modebranche erzählt wird, handelt davon, wie eine berühmte Modeschöpferin ein Vintage-Geschäft in Paris besucht, dort eine Balenciaga-Jacke entdeckt, sie eingehend betrachtet und schließlich sagt: "Die kaufe ich. Aber nachmachen werde ich sie auch." Das kleine Berliner Modelabel JR Sewing, das den Spruch "Is' mir egal, ich lass das jetzt so!" auf T-Shirts, Flaschenöffner und Kapuzenpullis druckte weiß, wie sich das anfühlt – seit der gleiche Satz eines Tages auf den Oberteilen einer großen Discount-Kette prangte. Mit geschickt gewählten Zitaten lässt sich eben Umsatz machen. Die Designer der Modekette Zara beherrschen diese Kunst besser als viele andere. 

Die ZEIT stellte schon 2005 fest, dass der spanische Konzern internationale Designermode am erfolgreichsten kopiert. Für die Strategie des Unternehmens findet die Unternehmensberatung McKinsey gleich mehrere Bezeichnungen: Quick-Response-Ansatz, Copy-Cat-Verhalten, Fast-Follower-Prinzip. Innerhalb weniger Wochen hängt die neueste Designermode zu sehr viel günstigeren Preisen in den Filialen der spanischen Kette. Zara schreckt weder davor zurück, Pumps mit roten Sohlen zu versehen, wie das französische Luxusschuhhaus Louboutin, noch davor, Katzenprints von Miu Miu oder Taschendesigns von Jil Sander zu übernehmen. Manche Modeblogs veranstalten mittlerweile Ratespiele, bei wem sich die Spanier aktuell so bedienen. Wenn also scheinbar alle einander ständig zitieren, beeinflussen, kopieren, ist da auch eine Aktion wie die von Le-Mentzel erlaubt?

Franz Wegener ist Rechtsanwalt in Berlin und auf Urheber-, Marken- und Wettbewerbsrecht spezialisiert. Demnächst veröffentlicht er zusammen mit seinem Partner Dirk Adamaszek ein Buch zum Thema. Rechtsgrundlagen für Kreative will ein Leitfaden für juristische Grauzonen sein: Rechte von Urhebern, Designschutz, Kreation und Etablierung der eigenen Marke. Auf die Frage, ob Le-Mentzel ein rechtliches Risiko eingeht, sagt Wegener: "Markenprodukte nachzuahmen, ist immer brandgefährlich. Aber wie wir in meinem Berufsstand zu sagen pflegen: Es kommt darauf an".

Worauf es ankommt, ist kompliziert. Sehr kompliziert. Wegener und Adamszek schreiben in ihrem Buch einleitend: "Das Modedesign hat eine rechtliche Sonderstellung." Anders als in der Fotografie, bei Filmen oder in der Musik lassen sich urheberrechtliche Fragen wie "Wem gehört ein Look, wem ein Modedesign?" nur mithilfe von Anwälten, Experten und unter großem Zeitaufwand beantworten.