Fashion Week Paris senkt die Preise

Wir sind Paris, kommerziell ist man anderswo – das war einmal. Ob Kenzo oder Carven: Die Erfolgsgeschichten der Pariser Modewoche liefern Designer mit Sinn fürs Geschäft. von 

Kenzo Paris Fashion Week

Kenzo präsentierte seine Mode im leerstehenden Kaufhaus "La Samaritaine".  |  © iMax Tree

Bittere Kälte. Ein verlassenes, ungeheiztes Gebäude. Sonntagmorgens um 10 Uhr. Die Ausgangslage hätte schlechter nicht sein können für die Modenschau von Kenzo am fünften Tag der Pariser Fashion Week. Doch Carol Lim und Humberto Leon wissen, wie man guten Kunden trotzdem Laune macht. Am Eingang des La Samaritaine, einem wunderschönen, leer stehenden Kaufhaus aus dem Jahr 1869, wartet heißer Tee in Thermosbechern auf die Gäste. Hübsch mit dickem Firmenlogo darauf. Zum Mitnehmen bitte. Auf den Bänken liegen außerdem wärmende wattierte Schals. Natürlich mit Kenzo-Logo, als kleines Präsent des Hauses. Kundenbindung heißt die Devise. Die beiden Designer, die sich mit ihrer New Yorker Boutique Opening Ceremony einen Namen gemacht haben, wissen, dass in ihrer Branche zwei Ms zählen: Mode und Marketing.

Das Haus, das Lim und Leon seit anderthalb Jahren erfolgreich führen, stellt an der Seite von Acne Studios und dem verjüngten Traditionshaus Carven ein neues Segment in den Mittelpunkt. Sie wollen weg vom elitären, unerreichbaren Luxuslabel, hin zum coolen, nahbaren Designerbrand. Demokratisch will man sein, statt neo-burgeois. Schon bei der Platzvergabe für die Schauen fängt es an. Wer einen zweitklassigen Stehplatz hat, muss in Paris normalerweise so lange draußen stehen, bis die Sitzplatzgäste es sich gemütlich gemacht haben. Nicht so bei Acne. Das schwedische Trendlabel war diese Saison zum ersten Mal in Paris präsent und boykottierte gleich die etablierte Hierarchie. Ob Sitz- oder Stehplatz, alle durften gleichzeitig rein.

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Zur Strategie dieser Marken gehören aber vor allem niedrigere Preise, die denen edlerer Highstreet-Marken wie Sandro näher liegen als denen von Chanel. Wer gibt schon 3.000 Euro für ein Kleid aus? Auch 500 Euro sind zwar noch viel Geld. Aber nicht so viel, dass man nicht darauf sparen würde, wenn einem das Stück gefällt. Der Preis knapp oberhalb der Schmerzgrenze animiert ein deutlich jüngeres und zahlenmäßig größeres Publikum zum Kauf. Mit Demokratie hat das natürlich herzlich wenig zu tun. Aber das Marketing trifft den Nerv der Zeit: kein Modeblogger, der heute nicht wenigstens Pulli, Mütze oder Baseballkappe von Kenzo trägt.

Diese neue Mode-Mittelschicht schafft, was in der französischen Modehauptstadt bisher als unmöglich galt. Sie bringen Kreativität und kommerziellen Erfolg unter einen Hut. Bislang hieß es: Kommerziell ist vielleicht der amerikanische Markt, aber doch bitte nicht die Pariser Couture. Hier geht es um Kreativität. Dafür ist die capitale de la mode schließlich bekannt. Didier Grumbach, Präsident des französischen Modeverbandes, hat es in einem Gespräch mit der Zeitung Les Echos kürzlich auf den Punkt gebracht: "Die Größe des amerikanischen Marktes und die Macht der Einkäufer großer Kaufhäuser zwingen die Designer dazu, marketinggerichtet zu denken, um möglichst viele Bedürfnisse abzudecken. Auch für den Erfolg in China ist das der Fall. Französische Designer, deren Markt sehr begrenzt ist, müssen hingegen in erster Linie kreativ sein, um eine internationale Kundschaft anzusprechen." Will heißen: Marketing ist vielleicht für die anderen wichtig, aber nicht für uns hier in Paris.

Leserkommentare
  1. jedoch bezieht der sich inhaltlich ja nicht auf den Modemarkt insgesamt sondern auf Promille vom Gesamtumsatz mit Textilien die sich nur wenige Wohlhabende schmerzlos leisten können. Vielleicht haben die ja keine Lust mehr auf Paris aus vielen eigentlich was diese Kunde betrifft nachzuvollziehenden Gründen.

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  • Schlagworte Christian Lacroix | Dior | Marketing | Mode | Modenschau | China
  • Models present creations from the Felder & Felder Autumn/Winter 2013 collection during London Fashion Week, February 15, 2013. REUTERS/Olivia Harris (BRITAIN - Tags: FASHION)

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