Dass Designer die Mode der jüngst vergangenen Dekaden plündern, um sich für ihre aktuellen Kollektionen zu inspirieren, ist bekannt. Dass sie eine Zeitreise unternehmen, die sie mehrere Hundert Jahre zurückführt, ist hingegen neu. Vielleicht haben sie sich am Ende selbst gelangweilt mit den allgegenwärtigen Repliken der Mode der biederen Fünfziger.

Statt um die Sekretärin à la Mad Men kümmert sich eine Handvoll internationaler Designer nun um das Burgfrollein im weitesten Sinne. Angefangen hat das bereits im vergangenen Spätsommer auf der New York Fashion Week, als die Schwestern Laura und Kate Mulleavy für ihr Label Rodarte eine moderne "Princess of Power" defilieren ließen. Sie trug ein bodenlanges Kleid aus petrolfarbener Seide, das hoch geschlossen und eng tailliert war und mit einer goldenen Kreuzung aus Mieder und Korsage Brust, Taille und Hüften sauber akzentuierte. Nicht zu vergessen die Schleppe, die sich bei jedem Schritt anmutig bauschte und nur deswegen nicht auf dem Boden schleifte, weil die moderne Prinzessin hohe Blockabsätze trug. In der Zeit zwischen ausgehendem Mittelalter und Beginn der Renaissance trugen europäische Adelige ähnliche Kleider. Abgesehen natürlich von den kurzen Ärmeln und dem extrem hohen Beinschlitz.

Die aktuellen Schauen in Mailand und London zeigten nun, dass sich auch andere Designer für die Kleiderordnung jenseits der vergangenen hundert Jahre interessieren. Giles Deacon eröffnete seine Schau in London mit einem bodenlangen, weißen Kleid aus Seiden-Organza, das ebenfalls aus der Renaissance stammen könnte: weite, einfach gepuffte Ärmel, an natürlicher Stelle tailliert, nach unten hin einfach abgeteilt und ausgestellt. Vorgeführt wurde es allerdings von Kristen McMenamy, einer Model-Ikone des Grunge, die mit weiß gefärbtem Haar, blass geschminkter Haut und dunkel unterlaufenen Augen das Kleid von allem historischen Ballast befreite. Giles Deacon ließ Variationen dieses Kleids folgen. Er zeigte es mal mit metallischen Ornamenten verziert, mal mit schwarzem Lurex so durchwirkt, als habe man einen Eimer Pech über der Dame ausgeschüttet. Sein Burgfrollein geisterte irgendwo zwischen Pechmarie, Goldmarie und Morticia Adams.

Die Londoner Designer sind für ihre Exzentrik bekannt. Aber auch in Mailand, eher der Hort eleganter und tragbarer Designs, befasst man sich mit der Mode von knapp nach Ende der Kreuzzüge – als Samt, Seide, Damast und Brokat aus dem Orient nach Europa kamen. Domenico Dolce und Stefano Gabbana hatten schon immer ein Faible für verkitschten Katholizismus. In ihrer Herbstkollektion für Dolce & Gabbana treiben sie ihn auf die Spitze: Die Models tragen Kleider, die so vor Gold und Steinen strotzen, dass sie fast einer Ritterrüstung ähneln. Sie sehen aus, als hätten sie nicht nur sämtlichen Brokat und alle Seide der Kreuzritter an sich gerafft, sondern das Gold und die Edelsteine der Kirchen gleich dazu. Die beiden Italiener mögen es plakativ, zeigen als Motive Heiligenbilder und setzen ihren Models goldene Kronen auf. Wären ihre Kleider nicht schmal und kurz geschnitten – es wäre des Guten zuviel.

Gianfranco Ferrés Burgfrollein ähneln wehrhaften Knappen mehr als aristokratischen Madames. Ihre Kleider sind bodenlang, aber frei von Ornament. Der breite Gürtel erinnert an die traditionell gegürteten Männerröcke des Mittelalters. Unter den tief dekolletierten Kleidern tragen die Models einen angedeuteten Brustpanzer aus Holz oder metallischem Gewebe. Es sieht so aus, als hätte der italienische Altmeister eine recht emanzipierte Maid vor Augen gehabt.

Ob aus New York, London oder Mailand – die Anleihen an Mittelalter und Renaissance sind erfrischend und amüsant und ab und an auch elegant. Trotzdem liegt die Frage nach der Tragbarkeit dieser Entwürfe auf der Hand. Mit einer Schleppe oder einem bodenlangen Kleid erscheint man heute bestenfalls noch zu einer Galanacht wie den Oscars. Normalsterbliche tragen selbst zur Opernpremiere schnöde Jeans.

Immerhin muss man nicht nach dem Frauenbild der Designer fragen. Langer Saum hin und typisch weiblich akzentuierte Silhouette her: Dass es hier um eine Rückbesinnung auf eine stereotyp weibliche Rolle der Frau geht, kann man getrost ausschließen. Alle Kleider sind entweder so weit, so kurz oder so hoch geschlitzt, dass das Burgfrollein von heute maximale Beinfreiheit und Beweglichkeit genießt.