Faire Mode von H&MBillig ist interessanter als Bio

Die Frühjahrskollektion von H&M lockt mit Teilen aus Recycling-Fasern. Experten sehen darin Schritte in die richtige Richtung. Die Kunden interessiert nur der Preis. von Alex Bohn

Auch Abendkleider bietet H&M jetzt mit gutem Gewissen an.

Auch Abendkleider bietet H&M jetzt mit gutem Gewissen an.  |  © H&M

Das Kampagnenbild zur neuesten H&M-Kollektion sieht aus, als habe ein leichtes Erdbeben das Fotostudio erschüttert. Auf dem Boden liegt eine Schneiderpuppe, eine andere lehnt schief an der Wand, ein Stuhl ist umgefallen. Nur das blonde Model mit den sorgsam zerzausten Haaren steht stabil und stemmt die Hände in die Hüften. Die junge Frau trägt ihr blassgrünes Korsagenkleid wie eine Rüstung. Unbeirrt und aufrecht blickt sie dem Ansturm der Käufer entgegen, die schon seit Wochen auf den Verkaufsstart der "Conscious-Exclusive"-Linie gewartet haben.

Denn Bilder der überwiegend pastellfarbenen Kleider im Stil früher Hollywood-Diven sind schon vor Wochen von vielen Modebloggern aufgegriffen und euphorisch besprochen worden. Der Tenor im Netz: Hauptsache, ich bekomme auch eins ab! Entsprechend sind 21 der 24 verschiedenen Abendkleider und Anzüge der Damenkollektion im Online-Shop der Schweden bereits ausverkauft.

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Nur, dass diese Kollektion, wie auch ein paar Dutzend alltagstauglichere Stücke in der normalen "Conscious Collection", aus "umweltfreundlicheren Materialien" – so die Formulierung von H&M – hergestellt ist, interessiert weder die neuen noch die klassischen Modemedien. Selbst etablierte Magazine wie Vogue, Glamour oder Jolie machten in den Onlinepublikationen zum Thema aus "nachhaltiger" schlicht "nachhaltig" und erfreuten sich ansonsten daran, die Namen der Hollywoodgrößen nennen zu können, die in diesen Kleidern bereits über einen roten Teppich geschritten sind.

Mode aus Fischernetzen und alten Teppichen

Interessierten Journalisten dagegen erklärt H&M gern ausführlich, was der Konzern unter den schwammigen Begriffen "nachhaltiger" und "umweltfreundlicher" versteht. In der Conscious Exclusive Kollektion wird Biobaumwolle, Recycling-Polyester, Recycling-Polyamid und die aus Holz-Zellstoff gewonnene Faser Tencel verwendet. Nicht ausschließlich, aber anteilig. So gibt es beispielsweise ein Kleid aus 49 Prozent aufgearbeitetem Polyamid und 30 Prozent Biobaumwolle und 21 Prozent konventionellem Polyamid. Dass der blassrosa Spitzentraum also immerhin knapp zur Hälfte aus Fischernetzen oder alten Teppichen und Abfällen aus der Textilproduktion besteht, die zu neuen Fasern geschmolzen werden, wäre ja durchaus der Erwähnung wert gewesen.

Dieses Spitzenkleid von H&M besteht knapp zur Hälfte aus recyceltem Polyamid.

Dieses Spitzenkleid von H&M besteht knapp zur Hälfte aus recyceltem Polyamid.  |  © H&M

Bleibt die Frage, ob diese Kollektion nun den Einzug einer neuen Unternehmensphilosophie verheißt bei einem der größten Fast-Fashion-Produzenten der Welt. Oder ob hinter dem guten Gewissen schlicht das Wissen um eine gute Werbekampagne steckt. Eine dezidiert grüne Kleinserie so groß zu bewerben, das ist in Zeiten, in denen Konsumenten und Institutionen zunehmend wachsamer werden, wenn es um die negativen Auswirkungen der stark globalisierten Textilproduktion geht, nicht die abwegigste PR-Strategie. Können die Anstrengungen um eine "umweltfreundlichere", "nachhaltigere" Mode von H&M mehr sein als Augenwischerei?

Die Initiative Clean Clothes Campaign (CCC), die sich weltweit um verbesserte Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie bemüht, sieht die H&M-Aktion kritisch. Während Vanessa Paradis in der H&M-Kampagne in einem zarten, gelben Kleidchen inmitten eines Blumengartens sitzt, ist die Schauspielerin in der drastischen Gegenkampagne der CCC von blassen Näherinnen in der Unschärfe umringt. "Unconscious Collapses" titelt die Organisation dazu und weist damit auf die unzureichenden Löhne der Arbeiterinnen in Textilfabriken hin, die unter anderem auch für H&M arbeiten. "H&M fordert von seinen Lieferanten zwar die Einhaltung des Mindestlohnes. Aber die ist in den Bekleidungsproduktionsländern weit davon entfernt, existenzsichernd zu sein", sagt die deutsche CCC-Aktivistin Bettina Musiolek. Um dem Konsumenten wirklich glaubhaft Mode mit einem reinen Gewissen anbieten zu können, müsste H&M sich zur Zahlung des Existenzlohns verpflichten, so Musiolek.

Doch die CCC erkennt auch an, dass H&M Schritte in die richtige Richtung unternimmt. So zum Beispiel mit der Veröffentlichung seiner Lieferantenliste im März dieses Jahres, als Teil des Nachhaltigkeitsberichts 2012. Zwar ist H&M nicht, wie behauptet, das erste internationale Textilunternehmen, das diesen Schritt geht – bereits 2005 legten, auf Druck der Öffentlichkeit, das amerikanische Textilunternehmen GAP, der Sportartikelhersteller Nike und auch die Jeansmarke Levi´s ihre Lieferantenlisten offen. Aber besser spät als nie.

Leserkommentare
  1. "Die Kunden interessiert nur der Preis."

    Ich bin auch ein Kunde und mich interessiert NICHT nur der Preis...

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    sind sie vermutlich aber auch kein Kunde von h&m.

    Eine provokante Überschrift, die aber einen einfachen Grund hat: Ich würde gerne mehr bezahlen, wenn ich wüsste, dass es etwas bringt. Für Fleisch, das unter besseren Bedingungen gewonnen wird, würde ich auch mehr bezahlen. Ebenso verhält es sich mit Kleidung. Das Problem ist nur: Heutzutage gibt es nicht ein Produkt, auf dem nicht bereits ein Dutzend bunter Schilder pappen, was man denn mit diesem Kauf alles Gute tun kann. Auch BIO verrät ja nun schon lange nichts mehr über die tatsächliche Herkunftsqualität. Woher soll ich denn wissen, ob die Milchbauern bei der teuren Milch mehr Anteile daran erhalten als bei der billigen oder ob die nicht einfach von dem Zwischenhändlern einkassiert werden.
    Selbst wenn ich Kleidung von Adidas, Nike, Puma usw. kaufe, wird das Zeug in Indien, Bangladesh oder sonst wo hergestellt. Da kann ich auch gleich bei KIK kaufen.

    Natürlich kann man sich nun "informieren", aber egal woher man seine Infos beziehen möchte: Man findet nirgends differenzierte Ansichten darüber, nur reine Pro- oder Contrapropaganda.

    Insofern halte ich für mich fest, dass es nicht nachzuvollziehen ist, inwiefern ich mit meinem Geld wahrhaftig Einfluss ausüben kann. Demzufolge sehe ich es auch nicht ein, bewusst teurer einzukaufen.

    • Ron777
    • 10. April 2013 15:11 Uhr

    H&M hat eine erschreckend niedrige Produktqualität. Auch die Schnitte und Stoffe sind in meinen Konsumentenaugen teilweise unterstes Ramschniveau. Nicht umsonst kaufen immer mehr bei der modischen Konkurrenz wie z.B. ZARA. Jetzt sollen es Second-Hand-Fasern richten. Doch das mag nach öko klingen, in Wirklichkeit bedeutet es für den Träger, dass er mit Materialien in enge Berührung kommt, die eigentlich nicht für den direkten Kontakt mit Haut hergestellt wurden. Viel Spaß dabei! Hängt aber bitte ein Warnschild über die Regale!

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    Die Qualität bei ZARA ist doch auch nicht besser, und im Gegensatz zu H&M ist man dort auch nicht besonders kulant, was den Umtausch vorschnell kaputtgegangener Sachen angeht.

    Das ist ja das Problem, dass allein der Preis nichts über die Qualität einer Textilie aussagt. Denken Sie mal an Levi's Jeans, die habe ich mir als Teenie im Second Hand geholt und noch jahrelang getragen. Wie lange hält heute eine oft getragene Levi's?

    • MrWho
    • 10. April 2013 15:14 Uhr

    "Allerdings", so Starmanns, "lädt der Begriff zur Missinterpretation ein. Viele der Firmen in unserem Netzwerk verwenden zu 100 Prozent zertifizierte Bio- und/oder Fair-Trade-Baumwolle. H&M setzt bis 2020 nicht primär auf Bio-Baumwolle mit einem ganzheitlichen ökologischen Ansatz, sondern überwiegend auf sogenannte 'Better-Cotton'-Baumwolle. Bei deren Anbau wird wohl weniger Wasser verbraucht, aber beispielsweise nicht komplett auf Pestizide verzichtet. Das ist nur ein erster Schritt."

    Es wird sie immer geben, die, denen etwas nicht weit genug geht.

    Ich finde Pestizide (Produkteigenschaft: töten Schädlinge) per se sinnvoll. Und nachhaltig sind sie auch: tot bleibt tot. Etwas anderes ist zu fordern, dass Boden und Erzeugnis - hier die Baumwolle - keine dauerhaften (für größere Wirbeltiere) giftigen Rückstände behalten. Diese Forderung schließt den Einsatz von Pestiziden aber eben nicht aus.

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    Ja, Pestizide töten Schädlinge (und wenn sich Resistenzen bilden, wird eben die Dosis erhöht, oder die Zusammensetzung der Gifte wird aggressiver).
    Aber diese Gifte dringen auch durch die Haut ein. Und werden meistens nicht einfach mit einer 30°-Wäsche ausgewaschen.

    Es ist schon erschreckend, wie wenig Leute auf ihren eigenen Körper, der ihnen das Leben ermöglicht sehen. Egal ob es nun um Kleidung, Ernährung, Medikamentenkonsum, Rauchen geht. Der Mensch ist - freiwillig! - bereit, Gifte aufzunehmen: "so schlimm wirds schon nicht sein". Und wundert sich dann, wenn Krankheiten seinen Lebensweg schon sehr früh begleiten: dann sind natürlich "die anderen" schuld, nicht er selbst.

    • Anja66
    • 10. April 2013 15:16 Uhr

    Schmutzgrau des Kleides wundert mich nicht, dass sich Kundinnen lieber für etwas anderes entscheiden

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  2. sind sie vermutlich aber auch kein Kunde von h&m.

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    dass man zu H&M geht, weil einem die Kleidung da gefällt?

    Ich kauf doch nicht alles, nur weils billig ist...

    • 15thMD
    • 10. April 2013 16:01 Uhr

    Dennoch bin ich Kunde von H&M.

    Ich habe keine Probleme damit ein H&M T-Shirt unter ein 200€ Sacko zu ziehen. Oder ein H&M Sacko über ein 40€ T-Shirt.

    Durch die untransparenz auf dem Kleindungsmarkt kann ich nicht darauf vertrauen, ob Joop nicht in der gleichen Fabrik nähen lässt wie H&M. Daher bin ich dazu übergegangen zu kaufen, was mir opisch gefällt (und bequem ist). Ob das jetzt von H&M, Zara oder Boss stammt, ist mir relativ egal.

    An der DETOX Kampange von Greenpeace hat man auch gesehen, dass am Ende doch alle gleich sind:
    http://www.greenpeace.org...

    Da stehen 250€ Armani Hosen in einer Reihe mit 20€ Hosen von ZARA. Und in beiden ist der gleiche Dreck drin.

    Aber wenn ich bei H&M ein T-Shirt aus 50% Bio-Baumwolle für 10€ bekomme, dann ziehe ich das natürlich dem konventionellen von irgendeiner teuren Marke vor.

  3. ... weil H&M international ja auch für seine nachhaltigen sozialen und ökologischen Standarts berühmt und berüchtigt ist. Das da oben nennt man Greenwashing - was der Konzern auch extrem nötig hat.

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  4. dass man zu H&M geht, weil einem die Kleidung da gefällt?

    Ich kauf doch nicht alles, nur weils billig ist...

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    "Ich kauf doch nicht alles, nur weils billig ist..."
    -----------------------
    ...aber alles was Ihnen gefällt, nur weil es billig ist?

  5. "Können die Anstrengungen um eine "umweltfreundlichere", "nachhaltigere" Mode von H&M mehr sein als Augenwischerei?" - Nein können sie nicht. Es sei denn man ist so ehrlich, sie als Betrug am Kunden zu interpretieren.

    "Aber bedeutet das nicht, dass H&M auch in Zukunft einer der größten Produzenten von Mode, die ebenso schnell gekauft wie weggeworfen wird, bleiben will? Wenn ja, wird diese Mode auch in Zukunft billig sein müssen. Und weiterhin unter Bedingungen entstehen müssen, die Natur und Menschen potenziell schadet." - Mit diesem Satz des Artikels ist alles gesagt! Es geht hier nur um Marketing für schädliche und minderwertige Produkte.

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  • Schlagworte Mode | Nike | Vanessa Paradis | Schweden | New York
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