In diesem Jahr ist eine Lage Stoff um die Hüften nicht genug. Für den Winter legt der Belgier Dries Van Noten einen knielangen Nadelstreifenrock über die passende Anzughose, Karl Lagerfeld kombiniert bei Chanel einen kurzen aber schweren Tweedrock zu beinahe hüfthohen Overknee-Stiefel in Jeans-Optik. Givenchy ließ schon in der Sommerkollektion für 2013 zarte Seidentuniken und -röcke über ebenso luftige Pantalons fließen.

Die drei sehr unterschiedlichen Entwürfe haben eine gemeine Gemeinsamkeit: Sie stauchen selbst die dünnen Beine schmaler Models auf Daisy-Duck-Format und brechen die Sanduhrform der Frau mit ihren zusätzlichen Saumkanten.

Anfang der neunziger Jahre, als die Kombination Rock-über-Hose zuletzt groß in Mode kam, hatte diese zuverlässige Hässlichkeit noch eine Botschaft. Sie war Teil der Grunge-Bewegung, die das Schlabberige und Unperfekte betonte und deren Leitfigur der Nirvana-Sänger Kurt Cobain war, der selbst gern in Kleid und Hose auf die Bühne ging. Junge Menschen ohne Geld und Chancen auf gesellschaftlichen Aufstieg in Cobains Heimatstadt Seattle und später in der ganzen Welt hörten Grunge und fühlten sich vereint in ihrer Rolle als Außenseiter. Sie kauften billige Mode in den Geschäften der Heilsarmee und schichteten wie Obdachlose ihre Kleidung in vielen Lagen übereinander. Die Grunge-Mode – zu der Rock-über-Hose genauso gehört wie das verschlissene Holzfällerhemd aus Flanell – war zugleich günstiger Modetrend und treffender Kommentar zur Verfassung der Leistungsgesellschaft, darin lag ihr Erfolg.

Als Marc Jacobs, der damals noch als Designer für das amerikanische Label Perry Ellis tätig war, die billigen Polyesterfummel aus Seidenchiffon nachnähen ließ, war es allerdings mit der Botschaft der Unfashion, wie der Chefredakteur des amerikanischen Magazin Details, James Truman, den Grunge-Look damals bezeichnete, vorbei. Mit der schrulligen Kombination konnte sich niemand mehr der Mode entziehen, sondern sich höchstens als Connaisseur einer bewusst hässlichen Mode, als informierter, elitärer Querdenker darstellen.

Das derzeitige Revival der skants – mittlerweile begrifflich so gefasst als skirt over pants – scheint zu einem Jahr zu passen, in dem in Europa jeder vierte Jugendliche unter 25 ohne Arbeit ist. Wo die Jugendarbeitslosigkeit steigt, brauchen die Außenseiter wieder eine Stimme.

Der Rock als Schleppe bei Jason Wu © iMax Tree

Doch die Mode folgt längst nicht mehr den gesellschaftlichen Ereignissen, sie hat ihre eigenen Höhepunkte, ihre eigenen Klassenkämpfe und eine eigene Evolution. Und in dieser entwickelt sich der skant aus dem Erfolg des peplum, des Schößchentops. Das hatte der Belgier Raf Simons in einer seiner letzten Kollektionen für Jil Sander für den Sommer 2011 vorgestellt und schnell viele Nachahmer gefunden. Da ein Schößchen nichts anderes ist, als ein ausgestellter, winziger Minirock, der optisch die Taille schmälert und die Hüfte verbreitert, sind die skants wohl deren folgerichtige Verwandlung.

Immerhin haben Givenchy-Designer Riccardo Tisci und der in New York ansässige chinesische Designer Jason Wu im gleichen Zug auch elegante Alternativen vorgestellt. Sie kombinieren bis zur Taille geschlitzte oder schleppenartige Röcke zu schmalen Anzügen und strecken so die weibliche Silhouette. So kann mehr Stoff um die Hüften auch Freude machen. Er raschelt so schön.