ZEIT ONLINE: Mrs. Downey, Sie haben Bibliothekswesen studiert, Informationswissenschaften und Geschichte. Warum archivieren Sie nun ausgerechnet Hosen?

Downey: Bei meiner Arbeit geht es ja nicht um irgendwelche Hosen. Die Jeans ist das wichtigste Kleidungsstück der amerikanischen Geschichte, und sie wurde vor 160 Jahren von zwei Einwanderern erfunden: dem aus Bayern stammenden Levi Strauss und Jacob Davis aus Lettland. Das sagt sehr viel über die amerikanische Geschichte aus. Die Historie der Firma Levi's ist aber nicht nur mit der Geschichte Amerikas eng verknüpft, sondern auch mit der Geschichte der Frauen, der Arbeit, der Industrie und des Kommerzes.

ZEIT ONLINE: Die erste Levi's 501 kam 1873 auf den Markt. Inwiefern haben sich Schnitt und Material in den vergangenen 140 Jahren verändert?

Downey: Man musste sich stets an den Bedürfnissen der Zeit orientieren. Heute leben wir nicht mehr wie die Arbeiter von 1873, für die Levi Strauss die Jeans ursprünglich erfand. Damals trugen die Männer die Hosen als Schutzkleidung, entsprechend waren sie viel weiter geschnitten und höher tailliert. Auch gab es keine Gürtelschlaufen, die führte Levi's erst 1922 ein, als immer mehr Männer ihre Hosen mit Gürteln trugen anstatt mit Hosenträgern. In den sechziger Jahren wurden dann die Beine verjüngt, das war der Look der Zeit. Dieses Jahr wurden die Gesäßtaschen vergrößert, damit auch Smartphones hineinpassen. Und es gibt erstmals eine 501, die nicht aus Denim, sondern einem Shrink-to-Fit-Twill-Material sind.

ZEIT ONLINE: Eine 501 aus Twill? Das ist doch keine Jeans mehr.

Downey: Das ist die übliche Reaktion, ob es die Einführung der Gürtelschlaufen oder der schmaleren Silhouette war: Widerstand aus der Bevölkerung gab es bei jeder Veränderung. Aber man muss das Design den Bedürfnissen der jeweiligen Generation anpassen und zeitgemäß gestalten. Heute geht es immer um die perfekte Passform, und das Shrink-to-Fit-Material passt sich dem Körper an. Vorausgesetzt, man geht damit in die Badewanne.

ZEIT ONLINE: Kein anderes Kleidungsstück wurde so oft zum Kultobjekt erklärt: Von der unzerstörbaren Arbeiterkluft zum Symbol der Halbstarken, der Homosexuellen-Bewegung, der Grunge-Fans. Steve Jobs zeigte sich fast ausschließlich in Levi's, Barack Obama trat 2008 während seines ersten Wahlkampfes in einer 501 vor die Massen. Wie erzielt eine Marke solche Erfolge in so unterschiedlichen Kreisen?

Downey: Die 501 war in diesen 100 Jahren einfach bei sehr, sehr vielen gesellschaftlichen Bewegungen präsent, erst in den USA, Ende der sechziger Jahre mit der Studentenbewegung dann auch in Europa. Und schaut man sich Fotos vom Mauerfall 1989 an, erkennt man auch viele Hosen mit dem Red Tab. Alle tragen Jeans, weil sie so wandelbar sind und sich unterschiedlich interpretieren lassen. Für mich ist die Jeans das demokratischste aller Kleidungsstücke. Jede Generation hat eigene Ansprüche, Kinder wollen zwar Jeans, aber sie wollen nicht die Hosen ihrer Eltern tragen. Und somit war das Unternehmen immer angehalten, sich zu verändern und anzupassen, um aktuell zu bleiben.

ZEIT ONLINE: Das versucht jedes Modelabel. Warum ist es Levi's in der Vergangenheit gelungen?

Downey: Da muss man wohl in der Geschichte etwas weiter zurückblicken. Als die amerikanischen Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg zurückkehrten, wollten sie sich einfach nicht wieder in die Gesellschaft einreihen. Während die meisten Amerikaner alles daran setzten, zur Normalität zurückzukehren, weigerten sich diese Männer, ihre Arbeit wieder aufzunehmen und in die Vorstädte zu ziehen, wie die anderen es taten. Stattdessen griffen sie zu 501 und Lederjacken und gründeten Motorcycle Clubs. Sie wurden zu den Bad Boys der Gesellschaft. Dann kam der Film Der Wilde in die Kinos und Marlon Brando als Bad Boy trug darin eine 501. Das war der Wendepunkt in der Geschichte der Jeans. Sehr viele Jugendliche kamen aus dem Kino nach Hause und erklärten ihrer Mutter: Ich will solch eine Hose. Und jede Mutter sagte: Nein. Seitdem wird die 501 mit Haltung und Sexappeal in Verbindung gebracht – und diese Attribute lassen sich sehr gut unterschiedlich interpretieren.

ZEIT ONLINE: Und Marilyn Monroe setzte im Western Ein Fluss ohne Wiederkehr von 1954 noch eins drauf.

Downey: Sie war eine 501-tragende Farmerin und die Hose war ein wichtiger Teil des Plots. Jeans galten ja als ein extrem männliches Kleidungsstück – ein großes Statement. Die Hose definierte den Mut der Farmerin und damit ihren Charakter. Obwohl es nur wenige Frauen gab, die sich trauten, das nachzuahmen, wollten viele insgeheim eine solche Hose. Dennoch setzte sich die Jeans für Frauen erst in den späten siebziger Jahren wirklich durch.