Shopping-AppsDie ganze Welt als Katalog

Neue Apps sollen es möglich machen, die Bluse der Nachbarin, die Couch der Freunde und die Pumps eines TV-Stars sofort nachkaufen zu können. Was kommt da auf uns zu? von Franziska Bulban

Eine Teilnehmerin des Londoner Tweed Run Cycle Ride im April 2013 mit einem Smartphone

Eine Teilnehmerin des Londoner Tweed Run Cycle Ride im April 2013 mit einem Smartphone  |  © REUTERS/Luke MacGregor

Die will ich! Genau diese roten Kopfhörer mit den weißen Marienkäfer-Punkten. Ich habe nur ein Problem: Die Hörer sitzen nicht auf einem Styroporball in der Technikmarkt-Filiale meines Vertrauens, sondern auf dem Kopf einer anderen Frau im Bus, die nicht so aussieht, als wolle sie sie hergeben. Oder als könne man sie danach fragen, wo sie die her hat. Sie hört ja schließlich Musik. Und ich bin schüchtern.  

Also recherchiere ich zu Hause online. Ich finde viele rote Objekte mit weißen Punkten, aber die Kopfhörer, die ich suche, sind nicht dabei. Für mich ist das ärgerlich, weil ich Zeit verschwendet habe. Weil ich zwar weiß, was ich will, aber nicht, wie ich es kriegen kann. Und für die Wirtschaft ist es ärgerlich, weil ihr ein williger Kunde entgangen ist.

Anzeige

Die einen nennen so etwas eine verpasste Gelegenheit. Die anderen sehen eine Marktlücke. Besonders Apps auf dem Smartphone eignen sich, um mit neuen Service-Angeboten dafür zu sorgen, dass zwischen einen beiläufigen Kaufimpuls und der entsprechenden Kaufmöglichkeit in Zukunft kein Blatt mehr passt.  

Shazam ist der US-Anbieter einer gleichnamigen App, die im Alltag Musik erkennt und speichert. Mit diesem Service hat es Shazam auf Platz drei der weltweit meistgenutzten Gratis-Apps geschafft, nur Facebook und ICQ sind auf noch mehr Smartphones zu Hause. Nun will Shazam einen ähnlichen Service für Produkte anbieten, die in Fernsehshows und Serien zu sehen sind. Wer wissen will, was ein Moderator trägt, lässt die App mitlaufen und online nach den in einer Datenbank zur Show hinterlegten Brands suchen. 

Private Möbelstücke verlinkt in den Onlineshop des Herstellers

Einer ähnlichen Idee ist das Fashion Car entsprungen, das der Online-Schuhhändler Zalando auf dem Genfer Autosalon vorgestellt hat. Mithilfe eines iPads fotografiert es die Outfits von Passanten ab und kann entsprechende Kleidungsstücke bei Zalando bestellen. Die Lieferung soll dann per Kurier direkt zum aktuellen Standort des Autos erfolgen.  

Auch andersherum geht's: Der Service Swirl zeigt iPhone-Nutzern auf einem Stadtplan, wo sie die online gefundenen Jeans in ihrer direkten Umgebung kaufen können. In der iPad-Version des Wohndesign-Blogs Freunde von Freunden, das Kreative in ihrem Wohn- und Arbeitsumfeld zeigt, sind ausgewählte private Möbelstücke direkt mit dem Onlineshop des Herstellers verlinkt. 

Über die Befriedigung, Dinge zu besitzen

Viele dieser Funktionen holpern noch, müssen nutzerfreundlicher und treffsicherer werden. Einige sind nur in den USA verfügbar oder zeigen, wie das Zalando-Mobil, Zukunftsträumerei. Aber die Richtung ist klar.

Ganz egal, wo ich etwas sehe, ob zu Hause beim Blättern in Magazinen, im Fernsehen, im Netz, ob bei Freunden, im Urlaub oder auf dem Weg zur Arbeit: Wenn ich den Wunsch verspüre, irgendeine Entdeckung selbst besitzen zu wollen, soll der nicht unbefriedigt bleiben.

Dank spezialisierter Apps vergeude ich also in Zukunft nicht mehr Stunden mit der erfolglosen Suche nach gepunkteten Kopfhörern, und die Unternehmen bekommen mein Geld. Eine Win-win-Situation? Wenn jeder Mensch zum Model, jede Wohnung zum Möbelhaus und jede volle U-Bahn zum Showroom wird – was macht das mit uns?

Leserkommentare
  1. liegt auf der Hand. Alle anderen von Ihnen beschriebenen Modell versuchen Nutzen herzustellen um den Verkauf anzukurbeln. Machen Sie sich keine Sorgen: Keines diese Modell wird überleben. Warum?
    Aufwand zu hoch, Nutzen zu gering:
    Oder in der Praxis: Wenn Sie den 100 Apps auf Ihrem Smartphone haben glauben Sie wirklich das jemand so vorgeht: Oh! Das gefällt mir, ich rufe nun App XYZ auf machen ein Photo und schwups.....
    Nein so geht's eben nicht.
    Mit WhatsUp Instagramm SMS und E-Mail ist Otto Normal Phoner voll ausgelastet, dazu kommen noch Navi und Co, aber sicher, ganz sicher nicht irgendwelche tollen Verkaufsapps.

  2. ...die Bluse der Nachbarin, die Couch der Freunde und die Pumps eines TV-Stars sofort nachkaufen zu können. Was kommt da auf uns zu?"

    Mir scheint die Antwort auf diese Frage ziemlich eindeutig zu sein:
    Die totale Verblödung!

    6 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ... "Hilfe, ich Verblöde-App"

  3. Wenn ich das richtig verstehe, funktioniert bisher ja keine dieser Apps so richtig zuverlässig. Dauert wohl noch 'ne Weile.

    Und was, wenn bis dahin aber schon äußerst erschwingliche 3D-Drucker zu haben sind, dann muss ich ja gar nicht unbedingt rausfinden, wo denn der Kopfhörer mit Punkten zu erwerben ist, dann finde ich eventuell genau so gut einen Druckplan dafür? Da müssen dann aber ganz schnell neue Kontrollmechanismen für das Internet her! Einfach mal so nach einem Kopfhörer suchen? Bloß das nicht!

    Und dabei können dann ganz locker nebenbei mal all die subversiven Webseiten abgeschaltet werden, die sich mit Marienkäfern beschäftigen...

    Eine Leserempfehlung
    • TimmyS
    • 23. Mai 2013 22:29 Uhr

    Ich denke, es geht mehr um Inspiration. Denn die Alltagsmode wird immer vielfältiger und da überzeugt nicht selten das gesamt Konzept. Wenn ich mir zum Beispiel Pinterest ansehen, welches ich sehr gern nutze, dann ist eine großartige Inspirationsquelle. Bei Bildern mit Preisen halte ich Abstand. Wenn man bedenkt, dass die meisten Pins bei Pinterest Essen ist, dann zeigt dies eher, dass Menschen sich darüber eher Rezepte austauschen. Bei Kleidung sind oft auch eher Stile, die gepint werden statt einzelne Kleidungsstücke. Es kann wohl dazu kommen, wie es im Artikel beschrieben wird, aber ich denke, lange wird er nicht leben. Und wenn es diese Apps gibt, fange ich an Seminare zu führen, wie man den Menschen, der das beliebte Kleidungsstück trägt, anspricht. Ihm/Ihr so ein Kompliment für den Stil macht, eine Freude für beide, und dieser/diese vielleicht einen Tipp gibt, wo man das Kleidungsstück schnell und günstig bekommt und vielleicht ergibt sich so auch noch eine nette Bekanntschaft ;)

  4. ... "Hilfe, ich Verblöde-App"

  5. wahrscheinlich wird auch eine Mobiltelefon-ausmach-App bald von Nöten sein. :D Aber jetzt mal im ernst, um auf die Frage in der Überschrift ("Was kommt da auf uns zu?") zu antworten: Der Anfang vom Ende. Es ist wie mit allem. Ab einer bestimmten Anzahl wird es zu komplex und man schaltet ab. Ich nicht, da ich überhaupt kein "smartes" mobiltelephon habe. :D

  6. Schauen Sie sich lieber mal in der Natur um, bevor Sie noch weiter in der virtuellen Irrealität versinken, Sie armes Kind!

    2 Leserempfehlungen
  7. dann marschieren all diese neuen Dinge, die da auf uns zukommen, stramm an einem vorbei...

    Gar nicht so kompliziert, oder?

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Apps | Facebook | ICQ | Smartphone | Technologie | USA
  • Models present creations from the Felder & Felder Autumn/Winter 2013 collection during London Fashion Week, February 15, 2013. REUTERS/Olivia Harris (BRITAIN - Tags: FASHION)

    Vom Rand des Laufstegs

    Aktuelle Berichte von den Schauen in New York, London, Mailand, Paris und Berlin auf ZEIT ONLINE

    • Kochblog: Nachgesalzen

      Nachgesalzen

      Die Meisterköche Karl-Josef Fuchs, Jürgen Koch und Christian Mittermeier verraten ihre Tipps und Tricks

      • : Hinter der Hecke

        Hinter der Hecke

        Eine Schrebergarten-Kolonie ist ein eigener Kosmos. Unser Kolumnist Ulrich Ladurner erforscht ihn und seine Bewohner mit Demut, Feinsinn und Humor.

        • ZEITmagazin: Heiter bis glücklich

          Heiter bis glücklich

          Oft sind es die einfachen Dinge, die uns heiter bis glücklich stimmen. Im "Heiter bis glücklich"-Blog stellt die ZEITmagazin-Redaktion täglich ihre Entdeckungen vor.

          Service