Kostümdesignerin Catherine Martin"Daisys Kleid sollte ein goldener Käfig sein"

Catherine Martin ist die erfolgreichste Kostümdesignerin. Hier spricht sie über den Glamour im "Großen Gatsby" und davon, wie aus einem Kleid ein Sinnbild werden kann. von 

ZEIT ONLINE: F. Scott Fitzgerald hat 1925 in seinem Roman Der große Gatsby eine allumfassende Krise beschrieben. Wie kann man diese Stimmung in Kostüme übersetzen? 

Catherine Martin: Ich gehe immer von der Figur aus und stelle mir vor, was sie zu einem bestimmten Anlass anziehen würde. Das Kleid, das Daisy trägt, als es zur großen Konfrontation zwischen ihrem Geliebten Gatsby und ihrem Mann Tom kommt, ist weiß. Diese Farbe war damals für den Sommer absolut angesagt. Aber ich fügte auch noch Details hinzu, die an ein Brautkleid erinnern. So wird ihre "Schein-Ehe" mit Gatsby versinnbildlicht. 

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Es geht darum herauszufinden, wer die Person ist. Daisy ist eine Trophäen-Frau, dazu geboren und erzogen, schön, charmant, lebhaft zu sein und einen sehr reichen Mann zu heiraten. Sie sagt selbst: Ich habe alles erlebt, alles gesehen, ich bin völlig desillusioniert. Als ihre Tochter geboren wurde, betete sie darum, dass sie "ein schönes, albernes kleines Ding" werden möge, weil es das Beste sei, was ein Mädchen in dieser Welt werden könne. Daisy trägt ein riesiges Gefühl von Enttäuschung mit sich herum. Im Gegensatz zu ihrer Freundin Jordan, die sich ganz auf die Zukunft ausrichtet.  

Catherine Martin
Catherine Martin

Catherine Martin, 1965 in Australien geboren, ist eine der erfolgreichsten Kostümdesignerinnen. Sie ist außerdem eine der wenigen in dieser Branche, die gleichzeitig auch als Co-Produzentinnen ihrer Filme verantwortlich zeichnen. Für ihre Kostüme in der Neuinterpretation des Shakespeare-Dramas Romeo + Julia von Baz Luhrmann wurde sie 1997 für den Oscar nominiert. Moulin Rouge, den sie mit wieder Luhrmann (inzwischen ihr Ehemann) drehte, brachte ihr schließlich 2011 zwei Oscars für das beste Kostümdesign und das beste Szenenbild ein. In Der große Gatsby, der in diesem Jahr die Filmfestspiele von Cannes eröffnet, übersetzt Martin die 1920er Jahre in die Moderne.

ZEIT ONLINE: Wie arbeiten Sie solche Unterschiede zwischen den beiden Frauen heraus?

Martin: Die zwanziger Jahre waren eine Zeit unglaublicher gesellschaftlicher Veränderung. Das 19. Jahrhundert und die Erfahrungen des Ersten Weltkriegs lagen hinter den Menschen, das 20. Jahrhundert vor ihnen. Daisy ist mit ihrem Look eher dem vergangenen Jahrhundert verhaftet. Ihre Kleider verweisen auf die edwardianische Ästhetik, haben zierliche Spitzen, sind durchscheinend und transparent. Auch die Silhouette ihrer Kleider basiert auf der Schnittführung der frühen zwanziger Jahre, als die Kleider noch länger waren, so wie sie beispielsweise Jeanne Lanvin entwarf. Jordan hingegen trägt schon in der ersten Szene Hosen. Sie hat einen Job, nimmt ihre Zukunft selbst in die Hand, richtet ihr Denken auf die Zukunft – das soll diese Kleidung ausdrücken. 

ZEIT ONLINE: In einer Szene trägt Daisy ein Kleid, das über und über mit Glaskristallen behangen ist. Wozu?

Martin: Das Kleid wog mehr als sechs Kilo! Wir wollten zeigen, dass Daisy darin gefangen ist wie ein Vogel in seinem Käfig, einem goldenen Käfig.

ZEIT ONLINE: Und die vielen Perlen, die sie trägt? Ein Symbol der Vergänglichkeit? 

Martin: So beschreibt es Fitzgerald. Daisys Ehemann Tom schenkt ihr vor der Hochzeit ein 350.000 Dollar teures Perlencollier. Aber auch seiner Geliebten schenkt er Perlen. Sie sind im Gegensatz zu Diamanten nicht von Ewigkeit.

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